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Die konfessionell-religiöse Spannungslinie am Beispiel der Bundestagswahlen 1994 und 1998

  • Jörg Jacobs
Part of the Veröffentlichungen der Sektion „Religionssoziologie“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie book series (DGSRELIGION, volume 3)

Zusammenfassung

In einer Zeit, in der die Selbstverwirklichung idealisiert und die Individualisierung zur ersten Direktive erklärt wird, muten Wahlentscheidungen, die aufgrund von langfristigen Gruppenbindungen getroffen werden, anachronistisch an. Dennoch gibt es in der Bundesrepublik zwei sozialstrukturell bestimmbare Gruppen der Bevölkerung, die sich diesem Trend der Individualisierung entziehen. Hartnäckig beharrt eine starke Mehrheit der Arbeiter darauf, die SPD zu wählen, und ebenso beharrlich stimmt eine Mehrheit der katholischen Wähler fir die CDU/CSU. Ausgelöst durch den ökonomischen Wandel in der Industriegesellschaft, rechnen sich immer weniger Beschäftigte der Berufsgruppe der Arbeiter zu und immer mehr bezeichnen sich als Angestellte. Damit geht vielfach eine Abkehr von den Gewerkschaften sowie eine Trennung von den Traditionen und Milieus der Arbeiterklasse einher, die sich auch in einer Ablösung von der SPD als der alleinigen politischen Vertretung äußert. Die CDU/CSU hat ebenfalls einen Rückgang ihres Potentials an Stammwählern zu beklagen. Unter den kirchlich gebundenen Wählern werden insbesondere die Bindungen der Katholiken an ihre Religionsgemeinschaft schwächer, und der Anteil derjenigen, die keiner Kirche angehören, nimmt in Westdeutschland seit Jahren beständig zu. Es scheint, als hätten viele Katholiken und Protestanten in Westdeutschland nur aus Bequemlichkeit den Austritt aus den Amtskirchen noch nicht vollzogen. Hinzu kommt, daß auch die traditionellen Milieus der Arbeiter und Katholiken den cross pressures der modernen, mobilen, informierten Gesellschaft ausgesetzt sind, wodurch die Neigung, unabhängig von der aktuellen Lage eine politische Partei dauerhaft zu unterstützen, stark abgeschwächt wird.

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  • Jörg Jacobs

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