Advertisement

Zusammenfügen, was auseinanderstrebt: zur familialen Lebensführung von Berufstätigen

  • Maria S. Rerrich

Zusammenfassung

Während in der öffentlichen Debatte Individualisierung meist fälschlicherweise nur als Freisetzung des Einzelnen aus traditionellen Zwängen dargestellt wird, knüpft dieser Beitrag an die klassische Bestimmung von gesellschaftlichen Individualisierungsprozessen an: als ambivalente Einheit von Freisetzung und neuer Einbindung des Subjekts in gesellschaftliche Strukturen. Wie sich gesellschaftliche Individualisierungsprozesse in diesen beiden widersprüchlichen Dimensionen auf die alltägliche Lebensführung von Familien auswirken wird an Hand von empirischen Befunden des Projekts „Alltägliche Lebensführung“diskutiert.

Gezeigt wird, daß der Familienalltag zur zunehmend komplexen Gestaltungsaufgabe wird, in der Elemente wie Flexibilisierung und Rationalisierung immer bedeutsamer werden. Neue Anforderungen in der Arbeit des Alltags können je nach materiellen, kulturellen, sozialen aber auch persönlichen Ressourcen neue Chancen, aber auch neue Risiken für die Subjekte mit sich bringen. Erweiterte Handlungsspielräume sind eine ebenso mögliche Konsequenz wie das Gefühl der ständigen Überforderung und Hilflosigkeit.

Mit diesem Beitrag werden zentrale empirische Befunde des Projekts in den Kontext der (familien-)soziologischen Debatte um Individualisierung und neue Risiken gestellt. Die Analyse der alltäglichen Lebensführung zeigt typische aktuelle Entwicklungen in Familien in Richtung Individualisierung in ihrem Spannungsverhältnis von Freisetzung aus traditionellen Bindungen einerseits und Einbindung in neue, immer unübersichtlicher werdende Abhängigkeiten andererseits. Zugleich wird deutlich, wie sehr Familien heute dazu gezwungen sind, familiale Gemeinsamkeit im Alltag gegen die dominante Logik herrschender gesellschaftlicher Strukturen durchzusetzen.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. Beck, U. (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a.M.Google Scholar
  2. Beck, U./Beck-Gernsheim, E. (1990): Das ganz normale Chaos der Liebe. Frankfurt a.M.Google Scholar
  3. Behringer, L./Dunkel, W./Jurczyk, K./Kudera, W./Rerrich, M.S./Voß, G.G (1989): Auf dem Weg zu einer neuen Art der Lebensführung? In: Mitteilungen 1 des SFB 333Google Scholar
  4. Behringer, L./Dunkel, W. (1991): Wenn nichts mehr sicher ist — Formen von Lebensführung unter instabilen Arbeits- und Lebensbedingungen. In: Mitteilungen 3 des SFB 333Google Scholar
  5. Bertram, H./Dannenbeck, C. (1990): Pluralisierung von Lebenslagen und Individualisierung von Lebensführungen. Zur Theorie und Empirie regionaler Disparitäten in der Bundesrepublik Deutschland. In: Berger, P.A./Hradil, S. (Hg.): Lebenslagen — Lebensläufe — Lebensstile. Soziale Welt, Sonderband 7. Göttingen 1990, S. 207–229Google Scholar
  6. Bispinck-Hellmich, R. (1988): Daten und Fakten zur Arbeitszeit. WSI-Arbeitsmaterialien Nr. 18Google Scholar
  7. Diezinger, A. (1993): Geschlechterverhältnis und Individualisierung: Ungleichheitsrelevanz primärer Beziehungen. In: Frerichs, P./Steinrücke, M.: Soziale Ungleichheit und Geschlechterverhältnisse. OpladenGoogle Scholar
  8. Garhammer, M./Gross, P. (1991): Synchronisation von Sozialzeit: eine moderne Gestaltungsaufgabe der Familie. Forschungsforum der Universität Bamberg, BambergGoogle Scholar
  9. Giesen, B./Leggewie, C. (Hg.) (1991): Experiment Vereinigung. Ein sozialer Großversuch. BerlinGoogle Scholar
  10. Groß, H./Prekuhl, U./Thoben, C. (1987): Arbeitszeitstrukturen im Wandel. In: Der Minister für Arbeit. Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein Westfalen (Hg.): Arbeitszeit ‘87, Düsseldorf, Teil IIGoogle Scholar
  11. Groß, H./Thoben, C./Bauer, F. (1989): Arbeitszeit ‘89. Ein Report zu Arbeitszeiten und Arbeitszeitwünschen in der Bundesrepublik. KölnGoogle Scholar
  12. Hochschild, A./Machung, A. (1990): Der 48-Stunden-Tag. Wege aus dem Dilemma berufstätiger Eltern. WienGoogle Scholar
  13. Jurczyk, K./Kudera, W. (1991): Verfügung über Zeit? Die ganz unterschiedlichen Auswirkungen flexibler Arbeitszeiten auf die Lebensführung. In: Flecker, J./ Schienstock, G. (Hg.): Flexibilisierung, Deregulierung und Globalisierung. München/Mering (Abdruck in diesem Band)Google Scholar
  14. Jurczyk, K./Rerrich, M.S. (Hg.) (1993): Die Arbeit des Alltags. Beiträge zu einer Soziologie der alltäglichen Lebensführung. FreiburgGoogle Scholar
  15. Kickbusch, Ilona (1987): Laudatio anläßlich der Verleihung des Münchener Förderpreises für Frauenforschung und Frauenkultur. In: Landeshauptstadt München (Hg.): Verleihung des Münchener Förderpreises für Frauenforschung und Frauenkultur an den Verein zur Förderung einer Frauenakademie München F.A.M., MünchenGoogle Scholar
  16. Kudera, W./Voß, G.G. (1990): Lebensführung zwischen Routinisierung und Aushandlung. Die Arbeitsteilung der Person unter Veränderungsdruck. In: Hoff, E. (Hg.): Die doppelte Sozialisation Erwachsener. MünchenGoogle Scholar
  17. Mayr-Kleffel, V. (1991): Frauen und ihre sozialen Netzwerke. Auf der Suche nach einer verlorenen Ressource. OpladenGoogle Scholar
  18. Müller, H.-U. (1991): Familie und Wohnen — Wohnung und Wohnumfeld. In: Bertram, H. (Hg.): Die Familie in Westdeutschland. Stabilität und Wandel familia-ler Lebensformen. DJI: Familien-Survey 1. OpladenGoogle Scholar
  19. Ott, E./Gerlinger, Th. (1992): Die Pendlergesellschaft. KölnGoogle Scholar
  20. Rerrich, M.S. (1990): Balanceakt Familie. Zwischen alten Leitbildern und neuen Lebensformen. Freiburg, 2. Aufl.Google Scholar
  21. Rerrich, M.S. (1993): Auf dem Weg zu einer neuen internationalen Arbeitsteilung der Frauen in Europa? Beharrungs- und Veränderungstendenzen in der Verteilung von Reproduktionsarbeit. In: Schäfers, B. (Hg.): Dokumentation des 26. Deutschen Soziologentages in Düsseldorf 1993Google Scholar
  22. Rerrich, M.S./Voß, G.G. (1992): Vexierbild soziale Ungleichheit. Die Bedeutung alltäglicher Lebensführung für die Sozialstrukturanalyse. In: Hradil, S. (Hg.): Zwischen Bewußtsein und Sein. Die Vermittlung „objektiver“Lebensbedingungen und „subjektiver“Lebensweisen. München (Abdruck in diesem Band)Google Scholar
  23. Statistisches Bundesamt (Hg.) (1992): Datenreport 1992. Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland. BonnGoogle Scholar
  24. Thurnwald, H.(1948): Gegenwartsprobleme Berliner Familien. BerlinGoogle Scholar
  25. Vaskovics, L. (1988): Veränderungen der Wohn- und Wohnumweltbedingungen in ihrer Auswirkung auf die Sozialisationsleistungen der Familie. In: Nave-Herz, R. (Hg.): Wandel und Kontinuität der Familie in der Bundesrepublik Deutschland. StuttgartGoogle Scholar
  26. Voß, G.G.(1991a): Lebensführung als Arbeit. Über die Autonomie der Person im Alltag der Gesellschaft. StuttgartGoogle Scholar
  27. Voß, G.G. (Hg.) (1991b): Die Zeiten ändern sich — alltägliche Lebensführung im Umbruch. Sonderheft II der Mitteilungen des SFB 333. MünchenGoogle Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 2000

Authors and Affiliations

  • Maria S. Rerrich

There are no affiliations available

Personalised recommendations