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Partizipation und politisches Engagement

  • Wolfgang Gaiser
  • Johann de Rijke
Part of the DJI-Jugendsurvey book series (DJIJUG, volume 2)

Zusammenfassung

Die Beteiligung der jungen Generation am gesellschaftlichen und politischen Prozeß gilt als zentral für die Zukunft einer demokratischen Gesellschaft. Dabei stehen zwei Fragen im Mittelpunkt: Einerseits geht es generell um die Einbindung in Gemeinschaften, innerhalb derer sich individuelle Identitäten und gesellschaftliche Kräfte entfalten können (Keupp 1998), und andererseits speziell darum, inwieweit politische Partizipation — sei es in konventioneller oder in unkonventioneller Form — als Grundvoraussetzung einer funktionierenden Demokratie stattfindet (Gabriel 1999).

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Anmerkungen

  1. 1.
    Als tatsächliches politisches Handeln kommt z.B. das Wählen für die meisten der Befragten unter 18 Jahren noch nicht in Betracht, und bestimmte Partizipationsgelegenheiten (wie die Übernahme bestimmter Funktionen in einer Partei oder Gewerkschaft) ergeben sich erst mit zunehmendem Alter. Andererseits kann aber auch davon ausgegangen werden, daß es zu bestimmten Aktivitäten im Regelfall nur dann kommt, wenn entsprechende Verhaltensbereitschaften auch vorhanden sind. Außerdem können auch schon die geäußerten Verhaltensbereitschaften ein Bild darüber vermitteln, welche Vorstellungen und Bewertungen die Befragten von sich als politische Akteure entwickeln. Deshalb, und auch wegen der durch die höhere Ausprägung der Partizipationsbereitschaft gegebenen methodischen Vorteile, werden wir diese für verschiedene Analysen heranziehen. Zudem läßt sich aufgrund unterschiedlicher Frageformen beim tatsächlichen Verhalten kein Vergleich von 1992 und 1997 vornehmen.Google Scholar
  2. 2.
    Eine ähnliche Unterscheidung trifft auch Burchard (1998), bezogen auf eine Analyse realer Protestformen, wobei insbesondere der zuweilen unklare Legalitätsstatus bestimmter Aktionen, die sie „direkt, konfrontativ“ nennt (wie Blockaden, Behinderungen bei Streiks, bewußte Regelverletzungen), deutlich gemacht wird.Google Scholar
  3. 3.
    Da es sich bei der Frage nach der politischen Beteiligung um einen der zentralen Themenkomplexe im Kontext des DJI-Jugendsurveys handelt, haben wir, wie bereits erwähnt, die Frage voll repliziert. Die Frageformulierung lautete folgendermaßen: „Angenommen, Sie möchten politisch in einer Sache, die ihnen wichtig ist, Einfluß nehmen bzw. Ihren Standpunkt zur Geltung bringen. Welche der Möglichkeiten kommen für Sie in Frage und welche nicht?“ Nachdem die Befragten eine Liste mit 21 Items der unterschiedlichen möglichen politischen Beteiligungsformen (vgl. Tabelle 7.1.) durchzugehen und jeweils anzugeben hatten, welche der Beteiligungsformen für sie in Frage käme und welche nicht, wurden sie anschließend gebeten, mitzuteilen, was sie davon tatsächlich schon gemacht bzw. nicht gemacht haben.Google Scholar
  4. 4.
    Demonstrationen sind genaugenommen nicht genehmigungspflichtig, sondern müssen nur angemeldet werden. Wenn sie nicht angemeldet wurden, oder wenn Auflagen (Ort, Zeit) nicht eingehalten werden, gelten sie als illegal. Umgangssprachlich wird dann von einer „nicht genehmigten“ Demonstration gesprochen.Google Scholar
  5. 5.
    Konfrontative Formen der Interessenartikulation können nach psychologischer (Guggenbühl 1998) und kulturvergleichender Gender-Forschung (Kersten 1999) Gelegenheiten für spezifische Varianten der Inszenierung von Männlichkeit darstellen.Google Scholar
  6. 6.
    Die Zusammenfassung erfolgt empirisch mit Hilfe explorativ verstandener Hauptkomponentenanalysen, da es sich um dichotome Variablen handelt, sowie Clusteranalysen über die Variablen, welche die Einschränkungen des faktorenanalytischen Zugangs nicht haben (vgl. auch Uehlinger 1988), sowie nach inhaltlichen Gesichtspunkten. In Tabelle 7.3 sind die Ladungen der Hauptkomponentenanalysen für Ost und West angegeben (Ladungskoeffizienten unter.30 sind nicht aufgeführt). Sie sind hier als rein heuristische Hilfsmittel zu verstehen (vgl. Kim/Mueller 1978, Bortz 1999: 508, Uehlinger 1988 ).Google Scholar
  7. 7.
    Dabei gilt generell: „… boundaries between legal and illegal forms of non-institutionalised action are not always clearly drawn and can be crossed in mobilisation processes“ (Kaase 1997: 18).Google Scholar
  8. 8.
    Die Bereitschaft zur „Beteiligung an einem Boykott“ läßt sich empirisch nicht eindeutig zuordnen, und auch in der Formulierung bleibt unklar, „ob damit nur die legale oder auch die illegale Variante gemeint ist” (Braun u.a. 1989, zum ALLBUS 1988). Das Item wird deshalb bei der Typenbildung nicht berücksichtigt.Google Scholar
  9. 9.
    Die Bereitschaft zur „Mitarbeit in einer Bürgerinitiative“ korreliert zusätzlich mit konventionellen Formen, sie soll aber wegen dem weniger traditionellen Charakter von Bürgerinitiativen (vgl. oben die Definition von Opp/Sievers 1998) nicht den institutionalisierten Aktivitäten zugeordnet werden. Trotz der empirisch vorhandenen, wenn auch nicht eindeutigen Assoziation des Items „in einem Mitbestimmungsgremium mitarbeiten” mit dem unkonventionell-legalen Bereich wird es ebenfalls aus inhaltlichen Gründen nicht berücksichtigt, da es kaum als „unkonventionell“ verstanden werden dürfte.Google Scholar
  10. 10.
    Nicht ganz eindeutig fügt sich hier das Item „eine Partei/Bürgerinitiative/politische Gruppierung mit Geldspenden unterstützen“ ein. Es wird jedoch miteinbezogen, da es empirisch hauptsächlich mit den anderen konventionellen Beteiligungsformen zusammenhängt. Das Item „in einer anderen politischen Gruppierung mitmachen” läßt sich zwar empirisch am ehesten den konventionellen Formen zuordnen; seiner inhaltlichen Unbestimmtheit wegen soll dies hier jedoch unterbleiben. Die „Teilnahme an öffentlichen Diskussionen“ wird nicht aufgenommen, da dieses Item sich empirisch nicht eindeutig zuordnen läßt (vgl. Tabelle 7.3).Google Scholar
  11. 11.
    Unter strengen Replikationsgesichtspunkten ist zu bedenken, daß in der Listenvorgabe für die Befragten 1997 die „Freiwillige Feuerwehr“ in der Klammer als zusätzliches Beispiel gegenüber 1992 aufgeführt war.Google Scholar
  12. 12.
    Im Zentrum stand bei der „Unabhängigen Regierungskommission zur Verhinderung und Bekämpfung von Gewalt (Gewaltkommission)“ die Thematik politisch motivierter Gewalt. Einbezogen wurden dort die „klassischen” Partizipationsstudien der Political-Action-Forschungsgruppe (Erhebungen 1974–76 und 1979–81) sowie die Studie „Jugend und Staat“ (Erhebungen 1980 und 1985). Darüberhinaus wurde eine eigene U Emfrage im Frühjahr 1989 durchgeführt, in der zusätzliche Fragen aufgenommen wurden, die dem Begriff der Gewalt und der Billigung von öffentlichen Aktionen, die Gewalt explizit enthielten, gewidmet waren. Zusätzlich zu den Aussagen über solche Aktionen wurde gefragt, inwieweit man in diesen Situationen von Gewalt oder Gewaltanwendung sprechen kann, um so das Gewaltverständnis der Befragten direkt zu erfassen (Kaase/Neidhardt 1990).Google Scholar
  13. 13.
    Bei Kaase/Neidhardt 1990 wird das Item „Parolen auf Häuserwände sprühen“ von den Befragten, die für sich einschätzen sollten, ob dieses Handeln „zu Gewalt zählt”, zu nur 30% als Gewalt bezeichnet, aber dennoch in ähnlich hohem Maße wie andere deutlich gewalttätigere Handlungen als „nicht in Ordnung“ bewertet.Google Scholar
  14. 14.
    Die Frage im Jugendsurvey 1997 lautete: „Es gibt eine Reihe von politischen Handlungen und Situationen, die man unterschiedlich beurteilen kann. Sagen Sie mir bitte zu jeder Handlung auf dieser Liste, ob Sie diese in Ordnung finden oder nicht in Ordnung finden, oder hängt dies von den Umständen ab?“ Zur Formulierung der Items vgl. Tabelle 7.12.Google Scholar
  15. 15.
    Dabei wurde statt auf die herkömmliche auf die nicht-lineare Hauptkomponenten-analyse zurückgegriffen, vgl. Anhang A.2. Im Rahmen der Programme zur Analyse nicht-metrischer Daten in SPSS-Categories ist eine solche verfügbar.Google Scholar
  16. 16.
    Die Konstruktion erfolgt über eine nichtlineare Hauptkomponentenanalyse der jeweiligen Items; die erste Hauptkomponente wird dabei als Zusammenfassungsvariable der Dimension verwendet. Interessanterweise ergeben sich bei einer alternativen direkten Konstruktion, bei der die drei ordinal geordneten Werte der Variablen einfach aufsummiert werden, überaus hohe Korrelationen mit den „korrekt“ gebildeten Indices:.95 bei der gewaltorientierten Protestakzeptanz,.99 bei der Gewaltbilligung rechtspopulistischer Aktionen. Gleiches findet man bei Dimensionsvariablen, die durch eine konventionelle Hauptkomponentenanalyse gewonnen werden. Dies spiegelt eine gewisse Konsistenz der ordinalen Urspungsvariablen wider wie möglicherweise auch die Tatsache, daß bei einer großen Fallzahl differenzierte Verfahren nicht unbedingt eine entscheidend größere Effizienz bei Indexkonstruktionen besitzen, jedenfalls solchen, die nur wenige Variablen berücksichtigen. Die Korrelation der beiden Dimensionen miteinander ist im Westen.24, im Osten.35.Google Scholar
  17. 17.
    Das Item „bei einer Demonstration richtig Krach schlagen…“ zeigt einen relativ starken Zusammenhang zur unkonventionell-illegalen Partizipationsbereitschaft, keinen zu den beiden anderen Partizipationsformen, wird somit vielleicht am ehesten als weniger politisch intendierte „Lust” an Krawallaktionen verstanden.Google Scholar
  18. 18.
    Pearsons r liegt für die rechtspopulistische Gewaltbilligung und Fremdenfeindlichkeit im Westen bei.39, im Osten bei.40, für die protestorientierte Gewaltbilligung entsprechend bei -.10 und.01.Google Scholar
  19. 19.
    In der Frageliste nach Sympathien und Aktivitäten in informellen Gruppierungen (vgl. Kapitel 7.3) waren die folgenden Kategorien enthalten: „rechte Gruppierungen“ sowie „Faschos/Neonazis/rechte Skins” bzw. „linke Gruppierungen“ sowie „Autonome/Anarchos”. In den folgenden Tabellen werden sie jeweils in „rechte Gruppierungen“ bzw. „linke Gruppierungen” zusammengefaßt. Unter „Sympathie“ werden die drei Antwortkategorien „finde ich gut, arbeite aktiv mit”, „finde ich gut, besuche ab und zu mal ein Treffen“ und „finde ich gut, mache aber nicht mit” subsumiert, unter „keine Sympathie“ die restlichen („finde ich weder gut noch schlecht”, „lehne ich ab“). Nicht zugeordnet wurde, wer alle Gruppierungen nicht kannte.Google Scholar
  20. 20.
    Die Korrelationskoeffizienten (Pearsons r) sind: Forderung nach autoritärer Staatsform mit rechtspopulistischer Gewaltbilligung.25 im Westen und.23 im Osten; mit protestorientierter Gewaltbilligung -.14 bzw. -.03.Google Scholar
  21. 21.
    Ein solches kommunales Wahlrecht existiert derzeit (Anfang 2000 ) in folgenden Bundesländern: Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Mecklenburg-Vorpommern.Google Scholar
  22. 22.
    Sie lautete: „Wie Sie vielleicht gehört haben, durften in einigen Bundesländern Jugendliche bereits ab 16 Jahren wählen. Was meinen Sie: Soll man mit 16 Jahren zur Wahl gehen können, sind Sie eher dafür oder sind Sie eher dagegen?” Die Antwortkategorien lauteten „bin eher dafür“, „bin eher dagegen” und „ist mir egal“.Google Scholar
  23. 23.
    Anders als bei der üblichen Interpretation von Summenindices, bei denen die Zusammensetzung identischer Ausprägungen durch unterschiedliche Items erfolgen kann, würde also gelten: „Die Interpretation eines Skalenwertes ist eindeutig, aus dem Skalenwert läßt sich das Reaktionsmuster vollständig reproduzieren.“ (Schnell/ Hill/Esser 1999: 190). Allerdings wird dieser Typ von Skala, eine Guttman-Skala, in den Sozialwissenschaften sehr selten benutzt, weil nur selten Items gefunden werden, die den geforderten Bedingungen genügen. Da jedoch durch die Frageformulierungen der Unterfragen nach der Herabsetzung des Wahlalters eine solche Struktur angelegt ist, soll ein Versuch in dieser Richtung unternommen werden.Google Scholar
  24. 24.
    Hauptkomponentenanalysen, getrennt nach West und Ost über die vier Items, ergaben für die erste Hauptkomponente jeweils Werte erklärter Varianz von 80% im Westen und 82% im Osten, die Ladungen der Items auf dieser Hauptkomponente waren alle über.85. Es verwundert daher auch nicht, daß die Berechnung der Reliabilität Werte von Cronbachs alpha.91 im Westen und.93 im Osten ergaben.Google Scholar
  25. 25.
    Das Modell der Guttman-Skala entspricht dieser Datenlage und erlaubt die Bewertung für eine gelungene Skalierung (vgl. Schnell/Hill/Esser 1995: 186 ff., Nie et al. 1975: 528 ff.). Ein Koeffizient der Bewertung ist der Reproduzierbarkeitskoeffizient, der ein Maß für die Abweichung vom „reinen“ Modell durch „falsche” Kombinationen darstellt. Dieses Gütekriterium sollte einen Wert nicht unter.90 haben (was etwa einem Fehlerbereich von 10% möglicher Antworten entspricht). Ein weiteres Kriterium wird durch einen „coefficient of scalability“ vorgeschlagen, der nicht unter.60 liegen soll. Die Werte des hier betrachteten Indexes liegen im klar akzeptablen Bereich: Der Koeffizient der Reproduzierbarkeit ist im Westen wie im Osten.97, der Skalierbarkeitskoeffizient.91.Google Scholar
  26. 26.
    Bei 8% der Befragten ergaben sich fehlende Werte für den Index; das sind fast ausschließlich solche, die auf mindestens eine der vier Fragen „weiß nicht“ geantwortet haben (davon etwa zwei Fünftel bei allen vier Fragen).Google Scholar
  27. 27.
    Auch andere Einflußgrößen zur politischen Beteiligung bzw. Beteiligungsbereitschaft wie Bildungsabschluß und postmaterialistische Orientierungen zeigen, wenngleich teilweise nicht sehr starke, entsprechende Effekte.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 2000

Authors and Affiliations

  • Wolfgang Gaiser
  • Johann de Rijke

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