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Lebensverhältnisse in Deutschland im Spiegel subjektiver Wahrnehmung

  • Juliane Achatz
Part of the DJI-Jugendsurvey book series (DJIJUG, volume 2)

Zusammenfassung

Mit der Beschreibung von subjektiven Wahrnehmungen und Bewertungen von Lebensumständen wird die Darstellung der Lebensverhältnisse der jungen Generation fortgesetzt. Diskutiert werden zum einen ausgewählte Gesichtspunkte zur Beurteilung der Lebensqualität von Bevölkerungsgruppen, zum anderen an Gerechtigkeitsvorstellungen orientierte Einschätzungen der individuellen und gesellschaftlichen Lebenssituation. Solche Auskünfte spiegeln ein allgemeines Meinungsklima wider und können als „soziale Tatsache eigener Art“ begriffen werden (Zapf 1984, Zapf/Habich 1996). Vorhandene Diskrepanzen in der Wahrnehmung von Lebensverhältnissen sind ein Gradmesser für subjektiv wahrgenommene soziale Ungleichheit; sie können als Hinweis auf unterschiedliche reale Lebensbedingungen wie ungleiche gesellschaftliche Teilhabechancen gewertet werden. Im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen steht ein Vergleich von Deutungen der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Ost- und Westdeutschland, da die Frage nach dem Sozialklima in Deutschland auch nach zehn Jahren gesellschaftlicher Transformation nichts an Aktualität eingebüßt hat1. Die deutsche Vereinigung war für die Bewohner der neuen Bundesländer mit der Hoffnung auf demokratische Verhältnisse und auf einen Zugewinn an Freiräumen für politische, kulturelle und soziale Betätigungen sowie auf eine Verbesserung der ökonomischen Situation verbunden. Eine schnelle Angleichung der Lebensverhältnisse an das westdeutsche Niveau sollte das Zusammenwachsen Ost- und Westdeutschlands vorantreiben; neben der Systemintegration bestimmte der Stand der Sozialintegration die Debatte. In diesem Kontext rückten regionale Disparitäten zwischen den beiden Landesteilen stärker ins Blickfeld (Kreckel 1993). Umfragen zur Lebenssituation in Deutschland berichten seit der deutschen Vereinigung z.B. über ein generell niedrigeres Niveau subjektiven Wohlbefindens in den neuen Bundesländern (Statistisches Bundesamt 1997, Mau 1996), gesellschaftliche Gerechtigkeit wird als defizitär empfunden (Buhlman 2000). In einer neueren Studie konnte allerdings auch eine zunehmend ähnliche Beurteilung der Lebensbedingungen in Ost und West nachgewiesen werden (Habich u.a. 1999). Fragen nach Prozessen der Angleichung oder des Auseinanderdriftens von Ost und West sind also nach wie vor von Interesse, nicht zuletzt deshalb, weil auch in den alten Bundesländern im betrachteten Zeitraum der gesellschaftliche Wandel durch schwierige Entwicklungen gekennzeichnet war, z.B. durch Einschnitte in das Netz sozialer Sicherung.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Neuere wissenschaftliche Diskurse finden sich z.B. bei Meulemann 1998 und Schmitt/ Montada 1999.Google Scholar
  2. 2.
    Gegen die Verwendung von Zufriedenheitseinschätzungen wurde häufig der Einwand erhoben, daß die Bekundung von Zufriedenheit in hohem Maße sozial erwünscht sei. Allerdings ergaben Tests mit Skalen zur Messung sozialer Erwünschtheit keine Korrelationen mit Zufriedenheitseinstufungen. „Gegen eine generelle Beschönigungstendenz spricht auch, daß die Befragten in einem relativ hohem Umfang Sorgen und Ängste angeben und diese nicht verschweigen.“ (Glatzer 1984c: 240)Google Scholar
  3. 3.
    Eine Hauptkomponentenanalyse aller Zufriedenheitsitems führt zu einer zweifaktoriellen Lösung; die beiden Komponenten erklären 50% der Gesamtvarianz. Da die These eines Zusammenhangs zwischen allgemeiner Lebenszufriedenheit und Zufriedenheit mit einzelnen Bereichen immer wieder belegt wurde (Heady et al. 1991), wurde hier eine schiefwinklige Rotation durchgeführt, die von einer Korrelation der Faktoren ausgeht. Diese beträgt im vorliegenden Fall.28. Die Korrelationen der Variablen mit den Faktoren liegen jeweils zwischen.5 und.8.Google Scholar
  4. 4.
    Als Zusammenhangmaß wurde der Korrelationskoeffizient Pearsons r verwendet.Google Scholar
  5. 5.
    Z.B. Glatzer/Bös 1997 und für die Gruppe der Schüler Krettenauer u.a. 1994.Google Scholar
  6. 6.
    Anomie ist ein mehrdimensionales Konstrukt. Zur Illustration der wahrgenommenen Lebenssituation in Ost und West beschränken wir uns hier auf die Dimension der Verunsicherung, die auch im Sinne einer „externen Kontrollerwartung“ aufgefaßt werden kann (vgl. Krebs 1995: 339) und die eine vor dem Hintergrund sozialer Veränderungsprozesse persönlich empfundene Anomie direkt anspricht.Google Scholar
  7. 7.
    Die Dimension der sozialen Verunsicherung wurde mit folgenden drei Items aus einem Instrumentarium von Fischer/Kohr (1980) erfaßt: „Heutzutage ist alles so unsicher geworden, daß man auf alles gefaßt sein muß“, „Heute ändert sich alles so schnell, daß man nicht weiß, woran man sich halten soll“ und „Früher waren die Leute besser dran, weil jeder wußte, was er zu tun hatte“. Die Befragten konnten auf einer vierstufigen Antwortskala den Grad ihrer Zustimmung angeben. Aus den drei Items wurde ein Summenindex gebildet. Die Eindimensionalität des Index konnte mittels einer Hauptkomponentenanalyse bestätigt werden; die Faktorladungen liegen zwischen.7 und.8. Auch eine Reliabilitätsprüfung spricht für einen zusammenfassenden Index. Cronbachs Alpha beträgt. 7.Google Scholar
  8. 8.
    Die Frageformulierung lautete: „Auf dieser Liste finden Sie verschiedene politische Aufgaben. Wie wichtig sollen Ihrer Meinung nach die Politiker in Deutschland diese Aufgaben in Zukunft nehmen?“ Es konnten Einschätzungen von 1 (überhaupt nicht wichtig) bis 7 (sehr wichtig) abgegeben werden.Google Scholar
  9. 9.
    Die Frage lautete folgendermaßen: „Wenn Sie Ihre jetzige Stelle verlieren würden, wäre es für Sie dann leicht, schwierig oder nahezu unmöglich, eine mindestens gleichwertige Stelle zu finden?“Google Scholar
  10. 10.
    Die Antworten wurden mit vier abgestuften Kategorien erfaßt: „mehr als den gerechten Anteil“, „den gerechten Anteil“, „etwas weniger als den gerechten Anteil“ und „sehr viel weniger als den gerechten Anteil“.Google Scholar
  11. 11.
    Die Kategorien „sehr viel weniger“ und „etwas weniger“ wurden hier zusammengefaßt.Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. hierzu auch Wegener (1994).Google Scholar
  13. 13.
    Der Fragetext lautete folgendermaßen: „Ich möchte Ihnen jetzt eine Situation beschreiben und Sie dann um Ihre Meinung bitten. Stellen Sie sich vor, eine Firma hat Ausbildungsstellen zu vergeben. Es gibt viele Bewerbungen, so daß die Firmenleitung auswählen muß, wer die Stellen bekommt. Auf dieser Liste sehen Sie einige Möglichkeiten, wie eine solche Auswahl zustande kommen könnte. Bitte sagen Sie mir, für wie gerecht Sie das jeweilige Vorgehen halten.“ Folgende Items sollten nach den vier Antwortkategorien ungerecht, eher ungerecht, eher gerecht und gerecht eingestuft werden: „Die Ausbildungsplätze werden unter den Bewerbern verlost“, „Die Ausbildungsplätze werden an Bewerber mit besseren Leistungen vergeben“, „Deutsche Bewerber erhalten die Ausbildungsplätze“ und „Die Ausbildungsplätze werden an Bewerber vergeben, die schon längere Zeit auf Ausbildungsplätze warten“.Google Scholar
  14. 14.
    Die Befragten wurden gebeten, auf einer siebenstufigen Skala jeweils anzugeben, wie groß und wie gerecht die sozialen Unterschiede in der Bundesrepublik empfunden werden.Google Scholar
  15. 15.
    Eine detaillierte Darstellung des Instruments erfolgt in Kapitel 6. Die ursprünglich zehnstufige Skala, die von 1 (links) bis 10 (rechts) läuft, wurde hier durch die Zusammenfassung von je zwei nebeneinanderliegenden Werten rekodiert.Google Scholar
  16. 16.
    Auch dieses Instrument wird ausführlich in Kapitel 6 erläutert.Google Scholar
  17. 17.
    Eine Erläuterung hierzu enthält wiederum Kapitel 6. Die Sympathiewerte für die Unionsparteien wurden hier zusammengefaßt.Google Scholar
  18. 18.
    Auch diese Fragen werden eingehender in Kapitel 6 dargestellt und diskutiert.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 2000

Authors and Affiliations

  • Juliane Achatz

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