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Kants transzendentale Grundlegung der Autonomieästhetik der Moderne in der „Kritik der Urteilskraft“ als Voraussetzung eines neuen Bildungsprojekts — Rekonstruktion der Ansatzpunkte für die „Versprechungen des Ästhetischen“

  • Yvonne Ehrenspeck
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Zusammenfassung

Die Geschichte der „Versprechungen des Ästhetischen“ der Moderne1 beginnt gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit der Philosophie der Aufklärung. Die Grundlegungen der Erkenntnis, der Moral und des Schönen werden seit der sogenannten „Kopernikanischen Wende“ der Philosophie durch Kant und infolge des bewußtseinsphilosophischen Paradigmas nicht mehr in der Transzendenz Gottes, sondern in der Immanenz der Vernunft begründet. Die metaphysische Einheit, in der das Schöne, Wahre und Gute miteinander verbunden war, wurde in der Transzendentalphilosophie Kants aufgelöst und mithilfe des von ihm initiierten Vorgehens einer transzendentalen Kritik der Vernunft zu einer Trias ausdifferenziert, in der Fragen der Erkenntnis, des sittlichen Handelns und des Geschmacks als jeweils autonome Bereiche konstituiert und legitimiert wurden. Die sogenannte „Ästhetik“2 Kants, die „Kritik der Urteilskraft“ von 1790, ist als letzte seiner drei „Kritiken“ dabei ein Lösungsvorschlag für ein gewichtiges philosophisches Problem, welches sich aus den Konstruktionsprinzipien der Kantischen Bewußtseinsphilosophie ergeben hatte, die er in seinen beiden ersten Kritiken begründete. In der „Kritik der reinen Vernunft“ (1781) erörtert Kant die allgemeinen Regeln der theoretischen Erkenntnis der Natur, indem die Bedingungen der Möglichkeit von Gegenständen einer möglichen Erfahrung dargelegt werden. Dabei wird der Bereich der Natur als strikt kausal determiniert vorgestellt.

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Literatur

  1. 2.
    Kant hat seine „Kritik der Urteilskraft“ selbst nie als „Ästhetik“ bezeichnet. Dies ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß Kant sich gegen die von Baumgarten angebotene Begründung der „Ästhetik“ als Wissenschaft wendet. Die „Kritik der Urteilskraft“ klärt dagegen darüber auf, daß es im Bezug auf Ästhetik zwar eine Elementarlehre, nicht jedoch eine Methodenlehre und insofern keine Wissenschaft geben könne, da das Geschmacksurteil nicht nach Prinzipien bestimmbar sei. Dennoch gilt die „Kritik der Urteilskraft“ als der Gründungstext moderner Ästhetiktheorie. Der Begriff „Ästhetik“ kann deshalb für diesen Zusammenhang weiter benutzt werden, da er nur auf diese Tatsache verweisen und nicht etwa die Behauptung aufstellen will, es handele sich doch um eine Ästhetik als Wissenschaft im Sinne Baumgartens. Zu der Frage „Warum Kant keine Ästhetik begründet hat“ vgl. Wieland 1990, S. 604–623.Google Scholar
  2. 5.
    Diese Tatsache wird in der pädagogischen Rezeption der „Kritik der Urteilskraft“ hartnäckig übersehen. Das mag daran liegen, daß die „Kritik der Urteilskraft“ in der Pädagogik grundsätzlich aus dem Blickwinkel des Neuhumanismus (z.B. Schiller und Humboldt) interpretiert wird, der vor allem daran interessiert war das Kantische Konzept von „Ästhetik“ mit Bildungstheorie zu verschmelzen. Vgl. Menze 1980, S. 73–106, hier S. 79.Google Scholar
  3. 36.
    Vgl. auch Sommer, der diese Problematik, die sich auf Geschmacksbildung, wie auf moralische Eziehung gleichermaßen beziehen kann, als Paradoxie gefaßt hat, weil bei „ständiger Annäherung an den Zustand der Moralität“ der „Abstand von ihm doch immer unendlich“ bleibe. Sommer 1988, S. 59.Google Scholar
  4. 43.
    Werschkull ist darin zu folgen, daß der Ausdruck „Übergang“ nicht als nivellierende Grenzaufhebung verstanden werden darf. „Moralische Freiheit bleibt vom ästhetischen Gefühl der Autonomie unaufhebbar unterschieden. Ästhetische Autonomie ist selbst im strengen Sinne nicht Freiheit, doch aber mit dem Grund der letzteren, dem Übersinnlichen verknüpft“. Werschkull 1994, S. 199. Das „Ästhetische“ läßt sich nach Kant, so Werschkull, deshalb auch nicht umstandslos für eine moralische Erziehung fruchtbar machen.Google Scholar
  5. 47.
    Unter „Triebnatur“ faßt Marquard die Natur, als das durch Begierde, respektive durch das Bedürfnis Geprägte zusammen. Demgegenüber ist die temperierte, gebändigte „Triebnatur“ des Naturzustands (Hobbes) präsent als Gesellschaft. „Triebnatur“ steht für das die Not und Unlust fliehende, die Befriedigung, die Macht und die Lust suchende, „sinnliche“ und dabei zur individuellen oder Gruppenexistenz vereinzelte Interessendasein der Lebewesen, speziell der Menschen. Hierbei ist also eine mögliche Kontinuität von Natur und Vernunft bereits vorgedacht, da der Mensch im Zusammenhang mit der ihn umgebenden Natur gesehen wird, nicht jedoch als ein, von dieser gänzlich zu unterscheidendem Vernunftwesen, das durch den „Endzweck“ unableitbare Moralität hat. Vgl. Marquard 1987, S. 55f.Google Scholar
  6. 68.
    Vgl. den Einfluß Rousseaus auf die Bestimmungen des Ästhetischen bei Kant. Eine minutiöse Rekonstruktion dieses Verhältnisses liefert die Arbeit von Werschkull 1994.Google Scholar
  7. 78.
    Auf diese zwei Ebenen des Urteils hatte bereits Baeumler hingewiesen. Baeumler 1923. Vgl. dazu auch Kohler 1980, S. 273, Anm. 43.Google Scholar
  8. 114.
    Schiller 1984, S. 7–44. Der genaue Titel dieser Briefe lautet „Kallias oder Über die Schönheit“; im folgenden wird jedoch abgekürzt mit „Kallias-Briefe“.Google Scholar
  9. 120.
    Zur Orientierung über die Begriffsgeschichte, siehe Tonelli in: Ritter/Gründer 1984, Bd. 6, S. 623–626.Google Scholar
  10. 121.
    Dies ist die Bezeichnung einer Ästhetik, die sich in wesentlichen Teilen auf Kant Beziehung zur Kantischen „Kritik der Urteilskraft“, Jauss 1982, S. 17;Google Scholar
  11. 171.
    Das reine Geschmacksurteil darf bei Kant nicht als „egoistisch“ gelten. Vgl. Kant 1974, S. 206 (B 130, 131).Google Scholar
  12. 250.
    Lyotard ist diesbezüglich ambivalent. Für Lyotard stellt sich die Frage nach den „Grundlagen“. So stellt er in der „Postmoderne“ eine „Grundlagenkrise“ fest. Unter anderem zeige sich dies in dem „Tode“ einer „Kindheit der Gemeinschaft“ durch den Einbruch des Erhabenen. Diese Gemeinschaft (so Lyotard) wäre bei Kant in der „Kritik der Urteilskraft“ durch das „stillschweigende Teilhaben“ durch den sensus communis (aestheticus) gestiftet worden. Lyotard 1986, S. 14 und 21.Google Scholar
  13. 252.
    Lyotard 1986, S. 19. Noetzel versucht übrigens für die Pädagogik zu zeigen, daß Ästhetik gerade ein nötiger Umweg (im Sinne von Übergang) für ein gelungenes Konzept kommunikativer Vernunft ist. Noetzel 1992.Google Scholar
  14. 370.
    Hier folgt die Untersuchung den Überlegungen Marquards zum Surrogatcharakter des Ästhetischen. Vgl. Marquard 1987, S. 135ff. Marquard bezieht sich hierbei unter anderem auf Lukâcs.Google Scholar
  15. 372.
    Die Autonomie des Ästhetischen (auch als Reflexionstheorie) begründet erst Kant. Baumgarten ist zu sehr der traditionellen Metaphysik verhaftet und nimmt deshalb Kontinuitäten zwischen dem Bereich der Vernunft und dem der Ästhetik an. Dies ist bei Kant ausgeschlossen. Baumgarten kommt allerdings das Verdienst zu, Ästhetik und Aisthesis aufgewertet zu haben. Vgl. Ehrenspeck in: Mollenhauer/Wulf 1996, S. 201–231.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1998

Authors and Affiliations

  • Yvonne Ehrenspeck

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