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Die Straße als Bühne

Inszenierungswünsche und Inszenierungsorte in der Adoleszenz
  • Tilman Allert

Zusammenfassung

In der öffentlichen Diskussion um Voraussetzungen und Folgen der Jugenddelinquenz lassen sich zwei Perspektiven unterscheiden. Sie reagieren auf die massenmedial skandalisierten Daten zur Gewaltbereitschaft Jugendlicher, zum drohenden Identifikationsverlust oder zur abnehmenden Wertverinnerlichung. Während zum einen um die Jugendhilfe und Jugendpolitik gestritten wird, die Rationalitätsdefizite oder Rationalitätspotentiale gegenwärtiger erzieherischer Einrichtungen in die Debatte gebracht werden, beschränkt sich die Resonanz im zweiten Fall auf Überlegungen zur Verschärfung des Sanktionsdrucks. Gestaltung und Öffnung jugendspezifischer Sozialräume versus restriktiver Handhabung bilden die komplementären argumentativen Muster, die in verschiedenen Arenen und Publika mehr oder weniger dramatisch bemüht werden. Diskussionen dieser Art begleiten die Erscheinungsformen der Adoleszenz zumindest in modernen Gesellschaften, deren Sozialgefüge und Entwicklungsdynamik systematisch ein psychosoziales Moratorium bereitstellt, im Prinzip die Handlungsfolgen einer in der Adoleszenz wirksamen Regelverletzung toleriert und darüber hinaus in der Abweichung ein Innovationspotential für die Bewältigung von Anpassungskrisen sieht. Die Aufmerksamkeit auf Konformität und Nonkonfonnität Jugendlicher zu den sittlichen Standards der Erwachsenengesellschaft geht darauf zurück, daß man hierin die zukünftige Gestaltungsgeneration vor sich sieht und entsprechend sensibel reagiert. Zum politischen Diskurs über Jugenddelinquenz gehört, daß er über einen zumeist anlaßbedingten Handlungsdruck entsteht und von der Struktur der thematischen Optionen her für die Selbstinszenierung der Politik in der Dauerkonkurrenz zwischen Regierung und Opposition wie geschaffen ist, wenn man bedenkt, daß die Akteure im politischen Handlungsraum unter dem notorischen Zwang stehen, Streitgegenstände zu konstituieren, die systematisch im Hinblick auf die Chancen der Erfolgszurechnung beziehungsweise Mißerfolgszurechnung überprüft werden. Die Thematik der Jugenddelinquenz eignet sich für dieses Spiel deshalb, weil die Frage nach den erzieherischen Gestaltungsaufgaben eine Folie für die Selbstartikulation der erwachsenen Generation als der moralisch und erzieherisch kompetenten Generation bietet. Sie erscheint somit als Fokus im Generationenstreit, sie ist selbst ein „Problem der Generationen“, ihrer Wahrnehmungsmuster und Selbstverständnisse.1

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Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1998

Authors and Affiliations

  • Tilman Allert

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