Advertisement

Sie klauen, schlagen, rauben

Wie in Massenmedien „Kinderkriminalität“ zu einer Bedrohung gemacht wird und wer weshalb und mit welchen Folgen daran mitarbeitet
  • Helga Cremer-Schäfer

Zusammenfassung

In Massenmedien werden Geschichten erzählt Ein Teil der Geschichten bezieht sich auf „Neuigkeiten“ über „wirkliche Ereignisse“. Massenmedien gleichen einem Markt, auf dem verschiedene Akteure konfliktreich oder im Konzert die Bedeutung solcher Ereignisse verhandeln und konstruieren, was „gesellschaftliche Wirklichkeit“ ist. Individuelle oder kollektive Akteure geben Diagnosen über gesellschaftliche Verhältnisse ab und sie klären, „wer daran schuld ist“. Sie definieren für sich und andere, was Probleme sind, wer Schwierigkeiten hat, wer welche macht und stört. Gelegentlich empören sie sich über Zumutungen oder Ungerechtigkeiten. Doch meist fällt es leichter, sich über Personen zu entrüsten. Das alles dient vorwiegend der Unterhaltung, gelegentlich der Information. Medien fungieren immer auch als eine „moralische Anstalt“. Mit Neuigkeiten und den Geschichten darum wird unter anderem dargestellt, was „herrschende Moral“ sein soll, welche Pflichten den anderen und welche Freiheiten einem selbst zustehen. In Medien stellen gesellschaftliche Gruppen sich und anderen die Rolle dar, die sie einnehmen möchten. Sie legitimieren ihre Ansprüche, verteidigen Privilegien, demonstrieren ihr Können, die Gesellschaft in Ordnung zu bringen. Zusammen mit dem eigenen Interesse der Medien (zu dem gehört, daß das Produkt gekauft wird, die Arbeit sich lohnt und das investierte Kapital sich rentiert), entsteht durch öffentliches Reden „öffentliche Meinung“, es bilden sich „Kultur“ und „Moral“ und „Ideologien“ heraus. Das Reden und Schreiben über „Kriminalität“ und gefährliche Situationen erfüllt viele Unterhaltungs- und Darstellungsaufgaben. Darüber sollte nicht in Vergessenheit geraten, daß Kriminalitätsdiskurse stets bestimmte Gruppen als ein „Problem“, als „Risiko“ und „Gefahr“ für alle bestimmen. Damit erhalten sie einen Status, der eine „besondere Reaktion“ rechtfertigt. Im Extremfall werden „Feindbilder“ erzeugt und damit Formen sozialer Ausschließung legitimiert. Über die ideologischen Funktionen von Kriminalitätsdiskursen gibt es in den Sozialwissenschaften ein fundiertes Wissen. Man kann es nutzen, um zu klären, welches Reden und Schreiben unter welchen Bedingungen kriminalpolitisches Handeln beeinflußt und zu punitiven Reaktionen führt.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. Barthes, R. 1964: Mythen des Alltags, FfmGoogle Scholar
  2. Christie, N. 1995: Kriminalitätskontrolle als Industrie. Auf dem Weg zu Gulags westlicher Art, PfaffenweilerGoogle Scholar
  3. Cohen, S. 1987: The Creation of the Mods and Rockers, OxfordGoogle Scholar
  4. Cremer-Schäfer, H. 1992: Skandalisierungsfallen. Einige Anmerkungen dazu, welche Folgen es hat, wenn wir das Vokabular „der Gewalt“ benutzen, um auf gesellschaftliche Probleme und Konflikte aufmerksam zu machen, in: KrimJ, 24. Jg., S. 23–36Google Scholar
  5. Cremer-Schäfer, H. 1995: Kriminalität als ein ideologischer Diskurs und der Moral=Status der Geschlechter, in. Althoff, M./Kappel, S. (Hg.): Kriminologie und Geschlechterverhältnis, 5. Beiheft des Kriminologischen Journals, Weinheim, S. 120–142Google Scholar
  6. Cremer-Schäfer, H./Stehr, J. 1990: Der Normen & Werte-Verbund: Strafrecht, Medien und herrschende Moral, in: Krim!, 22. Jg., S. 82–104Google Scholar
  7. Cremer-Schäfer, H./Steinert, H. 1991: Herrschaftsverhältnisse, Politik mit der Moral und moralisch legitimierter Ausschluß, in: KrimJ, 23. Jg., S. 173–188Google Scholar
  8. Hafeneger, 13. 1994: Jugend-Gewalt. Zwischen Erziehung, Kontrolle und Repression. Ein historischer Abriß, OpladenGoogle Scholar
  9. Hanak, G./Stehr, J./Steinert, H. 1989: Ärgernisse und Lebenskatastrophen. Über den alltäglichen Umgang mit Kriminalität, BielefeldGoogle Scholar
  10. Kerner, H.-J. 1973: Verbrechenswirklichkeit und Strafverfolgung, MünchenGoogle Scholar
  11. Pfeiffer, C. u.a. 1996: Steigt die Jugendkriminalität wirklich?, in: Pfeiffer, C./Greve, W. (Hg.): Forschungsthema „Kriminalität“. Festschrift fir Heinz Barth, Baden-BadenGoogle Scholar
  12. Pfeiffer, C. 1997: Wo die Gewalt wächst, in: Die Zeit, 52. Jg., Nr. 23Google Scholar
  13. Pilgram, A. 1980: Kriminalität in Österreich. Studien zur Soziologie der Kriminalitätsentwicklung, WienGoogle Scholar
  14. Pilgram, A. 1982: Was es mit Kriminalitätsentwicklungen auf sich hat. Zur kriminalpolitikwissenschaftlichen Analyse von Kriminalstatistiken, in: Kriminalsoziologische Bibliografie, 9. Jg., H. 36 /37, S. 93–116Google Scholar
  15. Quensel, S. 1980: Warum die Jugendkriminalität steigen muß. Anmerkungen zu einer Diskussion, in: Monatsschrift Mr Kriminologie und Strafrechtsreform, 28. Jg., S. 413–418Google Scholar
  16. Richter, D. 1993: Hexen, kleine Teufel, Schwererziehbare. Zur Kulturgeschichte des »bösen Kindes«, in: Deutsches Jugendinstitut (Hg.), Was für Kinder, München, S. 195 — 202Google Scholar
  17. Scheerer, S. 1978: Der politisch-publizistische Verstärkerkreislauf. Zur Beeinflussung der Massenmedien im Prozeß strafrechtlicher Normgenese, in: KrimJ, 3. Jg., S. 223–227Google Scholar
  18. Wacquant, L.J.D. 1997: Vom wohltätigen zum strafenden Staat, in: Neue Kriminalpolitik, 10. Jg., H. 2, S. 16–23Google Scholar
  19. Walter, M. 1995: Jugendkriminalität, Stgt u.a.Google Scholar
  20. Wetzels, P./Pfeiffer, C. 1997: Kindheit und Gewalt: Täter-und Opferperspektivem aus der Sicht der Kriminologie, in: Praxis der Kinderpsychiatrie, 46. Jg., S. 143–152Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1998

Authors and Affiliations

  • Helga Cremer-Schäfer

There are no affiliations available

Personalised recommendations