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Ansätze der Diskursforschung

  • Reiner Keller
Chapter
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Part of the Qualitative Sozialforschung book series (QUALSOZFO, volume 14)

Zusammenfassung

Der Begriff ‚discourse‘ meint im angelsächsischen Sprachalltag ein einfaches Gespräch, eine Unterhaltung zwischen verschiedenen Personen. In der französischen bzw. den romanischen Sprachen ist ‚discours‘ (‚discorso‘) eine geläufige Bezeichnung für eine ‚gelehrte Rede‘, einen Vortrag, eine Abhandlung, Predigt, Vorlesung und dergleichen mehr. Seit einigen Jahren taucht auch in der deutschen Alltagssprache der Begriff ‚Diskurs‘ auf, meist, um damit ein öffentlich diskutiertes Thema (z.B. der Hochschulreformdiskurs), eine spezifische Argumentationskette (z.B. ‚der neoliberale Diskurs‘) oder die Position/Äußerung eines Politikers, eines Verbandssprechers (etwa ‚der Gewerkschaftsdiskurs‘) usw. in einer aktuellen Debatte zu bezeichnen, zuweilen auch, um von organisierten Diskussionsprozessen zu sprechen. Dennoch ist ‚Diskurs‘ als nicht-wissenschaftlicher Begriff im Englischen und Französischen sehr viel geläufiger, und auf diesen Begriffsverständnissen beruht zum größten Teil seine wissenschaftliche Karriere. Dabei wird unter ‚Diskurs‘ auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften sehr Unterschiedliches verstanden. Das gilt sowohl für die theoretische Konzeptualisierung im Hinblick auf disziplinspezifische Forschungsinteressen wie auch für die methodische Umsetzung in konkreten Forschungsprojekten. In den letzten Jahren sind insbesondere im englischsprachigen Raum eine Vielzahl von Einführungs- und Überblickdarstellungen zum Diskursbegriff erschienen. Sie dokumentieren die enorme Verbreitung von diskursbezogenen Perspektiven in verschiedenen Disziplinen und auch quer zu Disziplingrenzen. Mehrere Publikationsreihen und Zeitschriften wie „Discourse & Society“ oder „Discourse Studies“ haben sich als Foren entsprechender Diskussionen etabliert. Im disziplinübergreifenden Überblick können einige, in sich wiederum differenzierte Akzentuierungen des Diskursbegriffs unterschieden werden. Die wichtigsten Grundideen werden nachfolgend exemplarisch vorgestellt. Zuvor möchte ich die wissenschaftliche Karriere des Diskursbegriffs kurz beleuchten.

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Literatur

  1. 1.
    Vgl. Frank (1983), Dosse (1996, 1997), Williams (1999), Reckwitz (2000), Stäheli (2000).Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. zur Einführung in das Werk von Saussure Prechtl (1994); allgemein zur Semiotik Chandler (2002); zur Verortung der Arbeiten Saussures in der Entwicklung diskurstheoretischer Perspektiven Williams (1999), Howarth (2000), Kress (2001), Stäheli (2000).Google Scholar
  3. 3.
    Saussure betrachtet die Sprache als wichtigstes Zeichensystem; die Überlegungen lassen sich allerdings analog auf andere Zeichenformen übertragen. In diesem Sinne werden in der Semiotik alle kulturellen Prozesse als Kommunikationsprozesse, d.h. als Prozesse der Entäußerung und Rezeption von Zeichen verstanden. Vgl. dazu sowie zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen den Sprachtheorien von Saussure und Peirce z.B. Eco (1991: 28ff); Chandler (2002: 17ff).Google Scholar
  4. 4.
    Saussure steht damit nicht alleine: Die Abbildfunktion der Sprache wird auch bei Nietzsche, Wittgenstein, Heidegger, im us-amerikanischen Pragmatismus u.a.m. verabschiedet; entsprechende Positionen lassen sich bis zu Platon zurückverfolgen (Dosse 1996: 76ff; Rorty 1967, 1981, 1989; Reckwitz 2000).Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. etwa Dosse (1997); Frank (1983); Reckwitz (2000); Stäheli (2000).Google Scholar
  6. 6.
    Dosse (1995) diagnostiziert für die französische Debatte eine,vollständige Rückkehr des Akteur-und Subjektbezugs’ ab Anfang der 1970er Jahre.Google Scholar
  7. 7.
    Kurze Erörterungen methodologischer und methodischer Aspekte finden sich bei Karpenstein-Eßb ach (2000) und Waldschmidt (1997). Politikwissenschaftliche Ansätze mit mehr oder weniger starker sprachwissenschaftlicher Verankerung werden erläutert in Maas (1988, 1989), Januschek (1985), Nullmeier (2001), Fischer/Forrester (1993), Hajer (1995), Opp de Hipt/Latniak (1991), Donati (2001), Chilton/Schaffner (2002); literaturwissenschaftliche Auseinandersetzungen finden sich in Fohrmann/Müller (1988), Bogdal (1999). Vgl. zur geschichtswissenschaftlichen Diskursforschung und anderen Disziplinen weiter unten.Google Scholar
  8. 8.
    Darauf beziehen sich auch meist die Beiträge in den Zeitschriften,Discourse & Society`,,Discourse Studies’ und anderen sprachwissenschaftlichen Fachzeitschriften.Google Scholar
  9. 9.
    Wood/Kroger (2000). Unter dem Etikett der diskursiven Psychologie hat sich eine neue Forschungsperspektive entwickelt, die psychologische Fragestellungen mit den Mitteln der DA untersucht (Potter 1996, 2001; Potter/Wetherell 1987; Edwards 1997; Edwards/Potter 1992; Parker 1992).Google Scholar
  10. 10.
    Vgl. z.B. Miller (1997), Wetherell (1998), Jorgensen/Philipps (2002), Gee (1999).Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. Pêcheux (1969, 1988); auch Diaz-Bone (2002: 93ff), Macdonell (1986: 43ff) oder Fairclough (1992: 30ff). Die von Pêcheux vorgenommene Vermittlung zwischen Althusser und Foucault hat die Kritischen Diskursanalysen von Norman Fairclough, Jürgen Link oder Siegfried Jäger beeinflusst (vgl. Kapitel 2.4).Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. zum Überblick Williams (1999), Guilhaumou (1989, 2003), Eibach/Lottes (2002), Maingueneau (1976, 1991, 1995), Landwehr (2001: 23ff), Reichardt (1998), Lüsebrink (1998), Busse/Teubert (1994), Schöttler (1988, 1989), Mainguenau/Chareaudeau (2002), Tully (1988b), Bödeker (2002).Google Scholar
  13. 13.
    Vgl. Busse/Hermanns/Teubert (1994), Hermanns (1994, 1995), Jung/Böke/Wengeler (1997), Niehr/Böke (2000, 2003), Böke/Jung/Wengeler (1996), Wengeler (2003).Google Scholar
  14. 15.
    Vgl. zur Verbindung von Diskursanalyse und Ideologiekritik Demirovic (1988), Demirovic/Prigge (1988), Van Dijk (1998) sowie Hirseland/Schneider (2001).Google Scholar
  15. 18.
    Sowohl Wodak wie Fairclough favorisieren je nach Forschungsfrage unterschiedliche methodische Umsetzungen; bei beiden bleibt aber der Ausgangspunkt in linguistischen Ansätzen der discourse analysis bedeutsam (vgl. Kapitel 2.2). Wodak stützt sich in ihren Arbeiten auf einen Methodenpluralismus mit kognitions-und sozialpsychologischem, sozio-, psycho-und textlinguistischem Hintergrund (vgl. etwa Wodak 1996, 1997; Wodak u.a. 1990: 32ff; Wodak/de Cilia/Reisigl 1998; Titscher/Wodak/ MeyerNetter 1998: 190ff). In ihrer Untersuchung von „Diskursstörungen“ in Organisationskontexten benutzt sie das Modell der Diskursethik von Habermas als normativen Maßstab zur Beurteilung der,Verzerrung` von Konversationsprozessen (s.o.).Google Scholar
  16. 19.
    Etwa Basil Bernstein, Pierre Bourdieu, Michel Foucault, Anthony Giddens, David Harvey, Jürgen Habermas, die Postmoderne-Diskussion, Chantal Mouffe und Ernesto Laclau.Google Scholar
  17. 21.
    Die Hervorhebungen folgen dem Originaltext. Vgl. insgesamt auch Pêcheux (1984); Link (1982, 1983, 1984, 1988, 1999); Link/Link-Heer (1990); Demirovic (1988); Jäger (1999).Google Scholar
  18. 22.
    Vgl. Abels (1998), Berger/Luckmann (1980), Geertz (1973), Keller (2001). Elemente dieses Zweiges der kulturalistischen Diskursforschung haben neuere diskursanalytische Forschungen beeinflusst, die sie mit der Foucaultschen Diskurstheorie verbinden. Vgl. Kapitel 2.7.Google Scholar
  19. 26.
    In dieser Hinsicht ergänzt Bourdieus Ansatz die Foucaultsche Diskurstheorie. Auf eine Vermittlung der Ansätze von Bourdieu und Foucault zielt Rainer Diaz-Bone (2002) in seiner „diskurstheoretischen Erweiterung der bourdieuschen Distinktionstheorie“. Am Beispiel der Musikgenres,Heavy Metal’ und,Techno` zeigt er, dass die von Bourdieu formulierte Theorie der „feinen Unterschiede” einer diskurstheoretischen Ergänzung bedarf, da sonst unklar bleibt, woher die Individuen die Klassifikationen, das Wissen, die Bewertungsschemata beziehen, die sie in ihrer Sprach-und Handlungspraxis einsetzen.Google Scholar
  20. 28.
    Der frame-Begriff oszilliert zwischen interpretativem Paradigma und kognitiver Anthropologie. Vgl. Gamson/Lasch (1983), Gamson (1988a), Gamson u.a. (1992), Gamson/Stuart (1992), als Gesamtdarstellung Donati (2001).Google Scholar
  21. 29.
    Vgl. zum Müll Keller (1998); zum Klima Viehöver (2003); zur Tschernobyl-Berichterstattung Poferl (1997); zum umweltpolitischen Diskurs Brand/Eder/Poferl (1997); zu Mobilisierungsprozessen Gerhards (1992), zur Abtreibungsdebatte Gerhards/Neidhart/Rucht (1998); Gerhards (2003).Google Scholar
  22. 31.
    Burke hat wichtige Elemente einer Theorie des menschlichen Symbolgebrauchs im Handeln und in der Sprachverwendung entwickelt; er betont die Bedeutung umfassender symbolischer Ordnungen für die konkreten Situationsdefinitionen der Individuen. Gusfield (1989) diskutiert die Beziehungen der Arbeiten von Burke zu C.W. Mills, E. Goffmann, A. Schütz, M. Foucault, A. Gramsci u. a.Google Scholar
  23. 33.
    Vgl. auch die gerade erschienen Bände seiner,Reden und Schriften’ (Foucault 2001, 2002). Die nachfolgende Darstellung greift diejenigen Aspekte aus seinem Werk auf, die für die Diskurstheorie und -forschung von Bedeutung sind.Google Scholar
  24. 34.
    Die oft zitierte Kritik einer „Hermeneutik des Verdachts“ bezieht sich auf die Ablehnung der pauschalen Unterstellung bestimmter determinierender Faktoren, die hinter den Äußerungen stehen (etwa im Sinne der marxistischen Basis-Überbau-Annahme). Natürlich beruht auch die Beschreibung von Regelmäßigkeiten auf Deutungs-und Verstehensprozessen, die nur als hermeneutische Auslegungsarbeit begreifbar sind. Kendall/Wickham (1999) betonen die Affinität Foucaults zur Ethnomethodologie. Das Programm der,Archäologie lässt sich vor dem Hintergrund der,seriellen Geschichte’ begreifen, d.h. einer Geschichtsschreibung, die große Datenkorpora — z.B. Handelsstatistiken, Lebensmittelpreise — für verschiedene Geschichtsabschnitte untersucht und nach Mustern oder Zusammenhängen befragt (vgl. Chartier 1992).Google Scholar
  25. 35.
    Kendall/Wickham (1999) geben eine ausführliche Einführung in Vorschläge und Vorgehensweisen der Archäologie und der Genealogie im Anschluss an Foucault, wobei sie Bezüge zur Ethnomethodologie, zu den Science Studies und den Cultural Studies betonen.Google Scholar
  26. 38.
    Reckwitz spricht von einer Wende Foucaults von der,textuellen` hin zur handlungstheoretischen Wissensanalyse (Reckwitz 2000: 294ff).Google Scholar
  27. 39.
    Man wirft Foucault vor, in seiner Konzeption der Disziplinarmacht die,Eigenmächtigkeit`, Widerstandskraft und List der Individuen/Subjekte gegenüber solchen Zumutungen zu vernachlässigen. Giddens bspw. stellt deswegen Goffmans Analysen sol„Ein Beispiel für diese Verknüpfung von Verhaltensweisen, Interpretationen der Akteure und kollektiven Wissensordnungen sind die von Foucault in Die Sorge um sich ausführlich analysierten Praktiken der Gesundheitspflege des Körpers in der spätantiken Gesellschaft. Diese — nichtdiskursiven — Praktiken stellen sich auf einer ersten Ebene als beobachtbare körperliche Verhaltensweisen dar, die einen,pfleglichen` und gesundheitsbewußten Umgang mit dem eigenen Körper betreffen. Diese Verhaltensweisen verstehen sich jedoch keineswegs von selbst; ihre Produktion setzt vielmehr eine bestimmte übersubjektiv existierende Wissensformation voraus, die in allgemeiner Weise festlegt, daß der Körper ein Gegenstand der individuellen,Sorge` ist, ein prekäres Phänomen, das es kontinuierlich zu beschützen gilt. Dieser allgemeine Körpercode bildet den Hintergrund für ganz unterschiedliche Verhaltensweisen, die jedoch allesamt nicht verständlich und erklärbar wären, wenn sie sich nicht als ein Ergebnis eines allgemein geteilten Deutungsmusters darstellten (…) Entscheidend für das Verständnis von,Praktiken` in der handlungstheoretischen Wissensanalyse des späten Foucault ist, daß der fragliche Wissenscode nicht auf der Ebene sich selbst reproduzierender Diskurse zu verorten ist, sondern als inkorporiert in den Akteuren erscheint, die die Praktiken hervorbringen und ihre Handlungsumwelt einschließlich sich selbst fortwährend interpretieren.” (Reckwitz 2000: 2980Google Scholar
  28. 41.
    Das Verhältnis des Konzepts der Subjektpositionen, das sich auch bei Althusser und Foucault findet, zum soziologischen Rollenbegriff ist wenig diskutiert (Stäheli 1999: 48f).Google Scholar
  29. 42.
    Vgl. dazu Barker (2000), Hepp (1999); die Beiträge in Hepp/Winter (1999), Hörning/ Winter (1999) und Hall (1991, 1997, 1999); zum Vergleich der Ansätze von Hall und Die Postkolonialismus-Studien untersuchen den Zusammenhang von Fiske sowie zu den Einflüssen von Laclau/Mouffe und Foucault Winter (1999; 2001), spezifischer zu John Fiske Winter/Mikos (2001).Google Scholar
  30. 43.
    Neben Edward Said (1978) sind u.a. Homi Bhabha und Gayatri C. Spivak wichtige AutorInnen der Postkolonialismusdiskussion. Vgl. dazu Mills (1997: 105ff), Howarth (2000: 68ff), Gandhi (1998), die Beiträge in AngermüllerBunzmann/Nonhoff (2001).Google Scholar
  31. 44.
    Umstritten bleibt, inwieweit die Cultural Studies oder auch die Postkolonialismus-Ansätze dem Foucaultschen Diskursbegriff,gerecht` werden (Kendall/Wickhamm 1999).Google Scholar
  32. 45.
    Wichtige Stationen und Bezüge der feministischen Theoriebildung sind dokumentiert in Mills (1997), Hark (2001), Becker-Schmidt/Knapp (2000), Raab (1998), Knapp/Wetterer (1992), Maihofer (1995) und Wobbe/Lindemann (1994).Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 2004

Authors and Affiliations

  • Reiner Keller

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