Advertisement

Einleitung — Religion und Moral

  • Michael Krüggeler
  • Gert Pickel
Chapter
  • 120 Downloads
Part of the Veröffentlichungen der Sektion „Religionssoziologie“ der Deutschen Gesellschaft für Soziologie book series (DGSRELIGION, volume 6)

Zusammenfassung

Der jüdische Literaturwissenschaftler George Steiner vertritt in seinen Lebens-Erinnerungen die These, dass der in der Geschichte Europas virulente Antisemitismus auf die israelitische Erfindung eines Gottes zurückgeht, der gerade aufgrund seiner Unsichtbarkeit eine strenge Observanz der von ihm erlassenen Moral verfolgen kann: „Für Mose brennen Gottes Gegenwart und sein Gebot, welche identisch sind, aus dem Busch heraus. Die einzige Selbstenthüllung ist die einer Tautologie (die für sich selbst eine geschlossene Figur ist): es ist das ‚Ich Bin/Ich Bin‘ aus Ex 3,14. Paradoxerweise ist jedoch der Abstand zu einem bildlosen, undenkbaren, unsagbaren Gott auch der einer unerträglichen Nähe. Ungesehen sieht Er alles, Er züchtigt bis ins dritte Glied und darüber hinaus. Kann es ein strengeres Oberservieren, eine strengere Observanz geben, eine, die den animistischen, ikonischen, pluralistischen Impulsen der menschlichen Natur, den tröstenden Formen, in denen wir die Geschichten unseres Seins erzählen, fremder wäre? Die moralischen Gebote, die aus dem sinaitischen und prophetischen Monotheismus hervorgehen, kennen keine Kompromisse“ (Steiner 1999: 79f.). Wir finden nach Steiners Interpretation — und diese ließe sich religionsgeschichtlich durchaus verifizieren — im jüdischen Monotheismus also die denkbar engste Verbindung von Religion und Moral in der Form nahezu einer Identität von Gott und Gebot, die ihrerseits im Dekalog eine differenzierte Einheit von kultischreligiösen und ethischen Gesetzen spiegelt.

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. Bergmann, Jörg/Luckmann, Thomas, 1999: Moral und Kommunikation. In: dies. (Hrsg.): Kommunikative Konstruktion von Moral. Band 1: Struktur und Dynamik der Formen moralischer Kommunikation. Opladen, S. 13–36Google Scholar
  2. Hoffe, Otfried, 1996: Moral und Erziehung. Zur philosophischen Begründung in der Moderne. In: Christoph Gestrich (Hrsg.): Ethik ohne Religion? Beiheft zur Berliner Theologischen Zeitschrift 13 (1996), S. 16–27Google Scholar
  3. Mieth, Dietmar, 1998: Art. Normen. In: Cancik, Hubert/Gladigow, Burkhard/Kohl, Karl-Heinz (Hrsg.): Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe, Bd. IV, Stuttgart, S. 243–250Google Scholar
  4. Neumann, Johannes, 1993: Art. Gesetz. In: Cancik, Hubert/Gladigow, Burkhard/Kohl Karl-Heinz (Hrsg.): Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe. Bd. III, Stuttgart, S. 9–17Google Scholar
  5. Steiner, George, 1999: Errata. Bilanz eines Lebens. MünchenGoogle Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 2001

Authors and Affiliations

  • Michael Krüggeler
  • Gert Pickel

There are no affiliations available

Personalised recommendations