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Zur Soziologie des Bürgertums und der Bürgerlichkeit

  • M. Rainer Lepsius

Zusammenfassung

Mit dem Ausdruck Bürgertum bezeichnet man üblicherweise eine Reihe heterogener Berufsgruppen, deren Abgrenzung durch Ausschluß jener erfolgt, die nicht dazu gehören: Adel, Klerus, Bauern und Arbeiter. Was dann übrigbleibt, ist das Bürgertum. Positiv gewendet zählen gemeinhin zum Bürgertum: die wirtschaftlich selbständigen Schichten des städtischen Handwerks und Handels, der freien Berufe, Unternehmer und Kapitalrentner, aber auch die wirtschaftlich unselbständigen Schichten der fachqualifizierten Beamten und Angestellten. Schon diese Aufzählung läßt deutlich erkennen, daß das Bürgertum eine in sich heterogene Konfiguration von Berufsgruppen, sozialen und ökonomischen Lebenslagen, rechtlichen und politischen Privilegierungen, d. h. Gruppen unterschiedlicher ökonomischer Macht und politischen Einflusses umfaßt. Gewiß sind auch Adel, Klerus, Bauern und Arbeiter in sich differenziert nach Einkommen, Ansehen und Einfluß, doch sie sind aufgrund ihrer sozialen Funktionen (Adel, Klerus) oder ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen (Bauern und Arbeiter) weit homogener. Bürgertum hingegen ist ein Sammelbegriff für heterogene Sozialgruppen, die durch zwei Dimensionen aus der Sozialstruktur herausgehoben werden: durch ihre wirtschaftliche Selbständigkeit und/oder durch eine spezifische Fachgeschultheit, also durch „Besitz und Bildung“. Diese beiden Eigenschaften lassen sie als ökonomisch, sozial und kulturell abgrenzbar erscheinen. Doch als deskriptiver Sammelbegriff bleibt der Begriff Bürgertum soziologisch weitgehend amorph, verbindet sich mit ihm noch keine spezifische Bedeutung. In diesem Sinne spricht man etwa im Englischen von „middle classes“, ein Ausdruck, der sowohl die innere Vielfältigkeit wie die relative Privilegierung in einem hierarchisch geschichteten Sozialsystem zum Ausdruck bringt.

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Literatur

  1. 1.
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    Max Weber präzisiert dies mit folgenden Sätzen: „Der Grundgegensatz der chinesischen, wie aller orientalischen Städtebildung gegen den Okzident war aber das Fehlen des politischen Sondercharakters der Stadt. Sie war keine „Polis" im antiken Sinne und kannte kein „Stadtrecht" wie das Mittelalter. Es hat kein Bürgertum im Sinne eines sich selbst equipierenden stadtsässigen Militärstandes gegeben, wie in der okzidentalen Antike." (Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Band 1, Tübingen 71978, S. 291.)Google Scholar
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    Als Beispiel sei hier auf München verwiesen, wo sich erst nach der Verlegung der Universität 1826 von Landshut nach München ein Bildungsbürgertum etabliert. Vgl. Florian Simhart, Bürgerliche Gesellschaft und Revolution, München 1978.Google Scholar
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    Zur Problematik der Widersprüche zwischen Kapitalismus, Demokratie, Professionalisierung und Bürokratie vgl. Joseph A. Schumpeter, Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, Bern 1946; Th. H. Marshall, Citizenship and Social Class, Cambridge 1950; Wolfgang Schluchter, Aspekte bürokratischer Herrschaft, München 1972.Google Scholar
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    Die vorstehenden Ausführungen versuchen, ein großes und in sich diffuses Bild zu strukturieren; sie sind daher hypothetisch angelegt und können eine historische Konkretisierung der postulierten Konstellationen und Entwicklungstendenzen nicht vornehmen. Anstelle einer Auswahl der relevanten Literatur sei hier verwiesen auf die jüngst erschienene Arbeit von Utz Haltern, Bürgerliche Gesellschaft. Sozialtheoretische und sozialhistorische Aspekte, Darmstadt 1985.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1990

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  • M. Rainer Lepsius

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