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Gesellschaftsanalyse und Sinngebungszwang

  • M. Rainer Lepsius

Zusammenfassung

„Wer,Schau’ wünscht, gehe ins Lichtspielhaus..., wer,Predigt’ wünscht, gehe ins Konventikel.“1 Nachdrücklich und immer wieder hat Max Weber die Indoktrination von Weltbildern, die Deutung des individuelle Schicksals wie des kollektiven Lebenssinns aus der Zuständigkeit des Wissenschaftlers und der in Universitäten institutionalisierten Wissenschaft abgewiesen. So wenig Politik in den Hörsaal gehöre, so wenig gehöre dorthin die Werbung für Deutungssysteme der Welterfahrung. „Andere Mächte als die Katheder der Universitäten haben da das Wort.“2 Die Ausgrenzung der Sinngebung aus der Wissenschaft begründet sich mit methodischen Postulaten für das Verfahren empirischer Erkenntnisgewinnung. Für die Erfüllung der Deutungsbedürfnisse rechnet Max Weber mit Propheten und Demagogen, mit Institutionen, die sich auf die Sinngebung der Welt spezialisieren. Der Wissenschaftler wird verwiesen auf seine Fähigkeit, die „ethische Irrationalität der Welt“3 zu ertragen; die Wissenschaft könne ihm nur insoweit helfen, als sie ihn zwinge, stets aufs neue die Grundlagen und Konsequenzen subjektiver letzter Wertentscheidungen zu prüfen, das Bewußtsein seiner prinzipiellen Ungewißheit zu schärfen.

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Literatur

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1990

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  • M. Rainer Lepsius

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