Advertisement

Von Habermas zu Rawls Praktischer Diskurs und Vertragsmodell im Entscheidungslogischen Vergleich

  • Lucian Kern

Zusammenfassung

In einem lesenswerten Beitrag zur Diskussion um John Rawls hat Karl Graf Ballestrem vor einiger Zeit darauf hingewiesen, daß es neben interessanten Ähnlichkeiten einen wichtigen Unterschied zwischen dem Diskursmodell von Habermas und dem Rawlsschen Vertragsmodell gebe. Während Rawls, um die Fairneß und Unparteilichkeit und damit die ethische Qualität der resultierenden Entscheidungen zu sichern, in seine Entscheidungssituation (die original position) den „Schleier des Nicht-Wissens” einführe, sei der Diskurs, die Beratungssituation bei Habermas, gerade nicht durch die Unwissenheit der Diskursbeteiligten gekennzeichnet.1

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Anmerkungen

  1. 1).
    Karl Graf Ballestrem, Methodologische Probleme in Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit, in: Ottfried Höffe, Hrsg., Über John Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt a.M. 1977, S. 108–127; vgl. John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt a.M. 1975Google Scholar
  2. 2).
    Für das Diskursmodell von Habermas wurde von folgendem Text ausgegangen: Jürgen Habermas, Wahrheitstheorien, in: H. Fahrenbach, Hrsg., Wirklichkeit und Reflexion, Festschrift für Walter Schulz, Pfullingen 1973, S. 211–265Google Scholar
  3. 3).
    Die Idee einer Relation von Relationen, bzw. einer Ordnung von Ordnungen ist zuerst von Jeffrey formuliert worden; siehe Richard Jeffrey, Preference among Preferences, in: Journal of Philosophy, 71 (1974), S. 377–391. Sen hat sie im Zusammenhang einer möglichen Lösung des Gefangenen-Dilemmas wieder aufgegriffen; siehe Amartya Sen, Choice, Orderings and Morality, in: Stephan Körner, Hrsg., Practical Reason, Oxford 1974, S. 54–67Google Scholar
  4. 4).
    Soweit formal argumentiert wird, finden die folgenden Zeichen Verwendung: ⇒ Implikation („wenn…, dann…“). ⇔ Äquivalenz („… dann und nur dann, wenn…” bzw. „… genau dann, wenn…”), ∿ Negation („nicht“), Konjunktion („und”), v Adjunktion (einschließendes „oder“), V der Allquantor („Für alle…”), () geordnete Menge, n-Tupel, ε Element einer Menge, C Teilmenge, ∩ Schnittmenge. Mit den nachfolgenden Definitionen und Bedingungen folgen wir den in der sozialen Entscheidungslogik üblichen Annahmen; siehe für einen Überblick: Amartya Sen, Collective Choice and Social Welfare, San Francisco-Edinburgh 1970Google Scholar
  5. 5).
    Diese Entscheidungsfunktion ist eine Soziale Wohlfahrtsfunktion im Sinne Arrows, bezogen auf Geltungsansprüche allerdings, wenn M eine reflexive, vollständige und transitive Ordnung auf G bildet.Google Scholar
  6. 6).
    Mit der Idee einer Prioritätsordnung und der darauf fußenden Sozialen Prioritätsfunktion — von uns als Diskursfunktion interpretiert — folgen wir Stephen Strasnick, The Problem of Social Choice: Arrow to Rawls, in: Philosophy and Public Affairs, 5 (1975/76), S. 241–273Google Scholar
  7. 7).
    In dieser Form würde die Bedingung der Herrschaftsfreiheit der Bedingung des Ausschlusses eines Diktators entsprechen, wie sie aus der Logik sozialer Entscheidungen bekannt ist; siehe A. Sen, Collective Choice and Social Welfare, a.a.O. (Anm. 4), Kap. 3*Google Scholar
  8. 8).
    Wir haben für unsere Zwecke die übliche Formulierung der (schwachen) Pareto-Bedingung, die nur übereinstimmende strikte Meta-Ordnungen der Beteiligten in eine entsprechende gemeinsame Meta-Ordnung zu übertragen gestattet, um die „Pareto-Indifferenz“ ergänzt, die es erlaubt, auch übereinstimmende Indifferenzen der Meta-Ordnungen der Beteiligten in die entsprechende gemeinsame Meta-Ordnung zu übertragen (und sie überdies nach dem Vorschlag von Strasnick getrennt für Teilmengen und die Vereinigung der disjunkten Teilmengen formuliert). Dies hat die folgende Konsequenz: Unter Voraussetzung der Bedingungen U und K ist die Bedingung I mit der Bedingung der Neutralität äquivalent. Diese besagt, daß die Geltungsansprüche bezogen auf die individuellen Meta-Ordnungen in der Prioritätsordnung permutiert werden können, ohne daß sich die gemeinsame Meta-Ordnung ändert; siehe Amartya Sen, On Weights and Measures: Informational Constraints in Social Welfare Analysis, in: Econometrica, 45 (1977), S. 1539–1572, Theorem 6, Abschn. 6Google Scholar
  9. 9).
    Siehe S. Strasnick, The Problem of Social Choice, a.a.O., (Anm. 6), S. 252; für den Beweis siehe ebda., S. 263 f.Google Scholar
  10. 10).
    S. Strasnick, ebda., S. 253 und 263 ff. (für den Beweis). Das Theorem ist eine Variante des „rank-dictatorship-Theorems“, vgl. Kevin W.S. Roberts, Possibility Theorems with Interpersonally Comparable Welfare Levels, in: Review of Economic Studies, 47 (1980), S. 409–420, Theorem 4. Mit dem Theorem wird nicht die Forderung nach Herrschaftsfreiheit im obigen Sinne verletzt, denn hier geht es um Personen, die über das Diskursresultat entscheiden, weil sie Argumente mit höherer Priorität vertreten. Ausschlaggebend ist die höhere Priorität bzw. das bessere Argument, nicht die Personen, die darüber verfügt. Wir könnten die Personen bezüglich ihrer Meta-Ordnungen permutieren, dann würde eine andere Person das bessere Argument vertreten. Das wäre bei Verletzung der Forderung der Herrschaftsfreiheit nicht möglich.Google Scholar
  11. 11).
    Im Theorem von Strasnick ist die Bedingung der Neutralität mit der Anonymitätsbedingung zur Bedingung der „Unparteilichkeit“ zusammengefaßt. Das war hier nicht erforderlich, weil aufgrund unserer Formulierung der Konsensbedingung die Neutralitätsbedingung eine Implikation der anderen Bedingungen ist (siehe Anmerkung 10).Google Scholar
  12. 12).
    Vgl. hierzu und zu den folgenden Bedingungen und dem Prioritätskriterium wieder S. Strasnick, ebda., S. 254 f.Google Scholar
  13. 13).
    S. Strasnick, ebda., S. 262 und S. 269 ff. für den Beweis.Google Scholar
  14. 14).
    Aus den Erläuterungen zum „Universalisierungsgrundsatz“ in einer neueren Arbeit (siehe Jürgen Habermas, Diskursethik — Notizen zu einem Begründungsprogramm, in: Ders., Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln, Frankfurt/M. 1983 Abschnitt I l) geht hervor, daß Habermas eine ähnliche Vorstellung von der Forderung der Universalisierbarkeit hat wie die hier vertretene, nämlich als Zusammenfassung der Konsens-, Anonymitäts-und Neutralitätsbedingung.Google Scholar
  15. 15).
    An diesem Punkt ist die Frage naheliegend, warum es das Rawlssche Differenzprinzip ist, das auf diese Weise in den Diskurs eingeführt wird, und nicht eines der anderen sozial-ethischen Prinzipien, etwa das utilitaristische Prinzip (siehe dazu Lucian Kern, Vertragsprinzipien, in: Ekkehard Lippen und Roland Waken-hut, Hrsg., Handwörterbuch der Politischen Psychologie, Opladen 1983, S. 317–326), was prinzipiell ebenso möglich wäre. Die Antwort liegt in den Informationsmöglichkeiten, die der Diskurs bietet. Wir waren der Meinung, daß im argumentativen Zusammenhang des Diskurses allenfalls ein interpersoneller ordinaler Vergleich der Werte der Geltungsansprüche denkbar ist — und das ist die Informationsgrundlage des Rawlsschen Differenzprinzips, nicht mehr aber ein kardinaler Vergleich, wie es das utilitaristische Prinzip erfordern würde.Google Scholar
  16. 16).
    J. Habermas, Diskursethik, a.a.O., Abschn. I IGoogle Scholar
  17. 17).
    Jürgen Habermas, Stichworte zum Legitimationsbegriff — eine Replik, in: Wolfgang Fach und Ulrich Degen, Hrsg., Politische Legitimität, Frankfurt a.M. — New York 1978, S. 122Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1986

Authors and Affiliations

  • Lucian Kern

There are no affiliations available

Personalised recommendations