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Zusammenwachsen oder Dichotomie? Perspektiven für die politische Kultur im vereinigten Deutschland

  • Wolfgang Bergem
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Zusammenfassung

Die heutigen politischen Kulturen der westdeutschen und der ostdeutschen Gesellschaft sind über ihre Unterschiedlichkeit auf der inhaltlichen Ebene hinaus auch in ihrer Struktur von ganz verschiedener Beschaffenheit. Die Bundesrepublik hat eine relativ stabile, für Wandlungen offene und nach den Turbulenzen der späten sechziger und der siebziger Jahre inzwischen wieder auf „einem pluralistisch aufgefächerten Konsensus“2 beruhende politische Kultur entwickelt, die bei verschiedenen Defiziten im einzelnen doch im großen und ganzen übereinstimmt mit den staatlichen Zielvorstellungen von den Werten, Einstellungen und Verhaltensweisen, die dem demokratischen politischen System korrespondieren und es stützen. Ganz anders die politische Kultur der DDR: Ihr auffälligstes Kennzeichen war ihre Fragmentation, die über die Pluralisierung der westdeutschen politischen Kultur weit hinausging; der Dualismus von offizieller und privater Sphäre, der dem Leben in dem ostdeutschen Staat seine spezifische Doppelbödigkeit gab, ließ keine stabile, sicher in sich ruhende politische Kultur entstehen.

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Literatur

  1. 1.
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  2. 3.
    Vgl. zum Beispiel die gemeinsame Erhebung von Emnid und dem Zentralinstitut fier Jugendforschung Leipzig, veröffentlicht in: Spiegel Spezial: Das Profil der Deutschen. Was sie vereint, was sie trennt 1991/1, S. 10–90; Ursula Feist: Zur politischen Akkulturation der vereinten Deutschen. Eine Analyse aus Anlaß der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl, in: APuZ 1991/11–12, 21–32; die IPOS-Studie fiber Demokratiezufriedenheit (vgl.: Ostbürger mit Demokratie unzufrieden, in: SZ vom 23.8.1991); die Allensbach-Studie über Nähe und Distanz zwischen Ost und West vom September 1991 (vgl. Thomas Aders: Keine Geffihle von gegenseitiger Fremdheit, in: SZ vom 14./15.9. 1991); Weidenfeld/Korte 1991, passim. Vgl. zum Problem der mangelnden Eignung der in der westlichen politischen Kultur-Forschung entwickelten Instrumente und Bezugsrahmen Ihr die ostdeutsche Bevölkerung (z. B. bei den Kategorien soziale Gleichheit und Gerechtigkeit oder soziales Vertrauen) Greiffenhagen 1993, 448.Google Scholar
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    So referiert im Vortrag von Bettina Westle: Nationale Identität, gehalten anläßlich der KSPW-Tagung zum Thema ‘Politische Kultur in Ost-und Westdeutschland’ am 24.6.1993 im Wissenschaftszentrum BerlinGoogle Scholar
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    Vgl.: Jugend ‘82. Lebenslagen, Orientierungen und Entwicklungsperspektiven im vereinigten Deutschland. Studie im Auftrag des Jugendwerks der Deutschen Shell, 4 Bde., Opladen 1992, nach: Doppelte Perspektive. “Jugend ‘82”: Die Shell-Studie über junge Leute in Ost und West, in: SZ vom 14./15.11.1992Google Scholar
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    In einer Umfrage nach der Vereinigung gaben mehr Jugendliche und junge Erwachsene in den neuen Ländern an, sich mit eher guten Gefühlen (60%) als im Zorn (40%) an die DDR zu erinnern. Bei der spontanen Ergänzung des Satzes “Die alte DDR war für mich…” nannten die meisten nicht Zwang oder Repression, sondern Heimat (41%) und Ort der sozialen Sicherheit (25%). Vgl.: Jugend ‘82. Lebenslagen, Orientierungen und Entwicklungsperspektiven im vereinigten Deutschland. Studie im Auftrag des Jugendwerks der Deutschen Shell, 4 Bde., Opladen 1992, nach: Doppelte Perspektive. “Jugend ‘82”: Die Shell-Studie fiber junge Leute in Ost und West, in: SZ vom 14./15.11.1992Google Scholar
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    Vgl. Hans-Jörg Stiehler in: Stiehler/Niethammer 1991, 241Google Scholar
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    Vgl. Inglehart 1988a, 379–386; Inglehart 1988b, 1207–1220 und 1228f. Inglehart führte den Nachweis nur für die Stabilität demokratischer Institutionen, jedoch hat sich diese Verbindung auch in der totalitären DDR gezeigt.Google Scholar
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    Zit. von Bärbel Bohley anläßlich der Podiumsdiskussion “Ein Jahr deutsche Einheit - Zwei Jahre friedliche Revolution. Was bleibt - Was wird?” am 8.11.1991 in der Münchner Volkshochschule.Google Scholar
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    Vgl. Habermas’ Urteil: “Nach Maßstäben einer zivilisierten politischen Kultur, die sich in der alten Bundesrepublik durchzusetzen schien, bedeutet die staatliche Vereinigung für die erweiterte Bundesrepublik nicht gerade einen Liberalisierungsschub - drüben die Wiederkehr alter Mentalitäten und hier das Anwachsen eines Wohlstandschauvinismus.” (Jürgen Habermas: Wider die Logik des Krieges. Ein Plädoyer für Zurückhaltung, aber nicht gegenüber Israel, in: Die Zeit vom 15.2.1991)Google Scholar
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    Martin Greiffenhagen: Die Bundesrepublik Deutschland 1945–1990. Reformen und Defizite der politischen Kultur, in: APuZ 1991/1–2, 16–26, hier 23 Nur wenige Jahre zuvor war dagegen die umgekehrte Annahme laut geworden: Günter Gaus (1986/1988, 210) spekulierte Mitte der achtziger Jahre, daß durch eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten “die Welt der Westdeutschen… radikal verändert” würde; die “mitteldeutschen Nischenbewohner… gestatteten es nicht”, daß es noch länger eine “deutsche Nation ohne Linke” gäbe.Google Scholar
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    Vgl. Dolf Sternberger: Rede zur 25-Jahr-Feier der Akademie ffir Politische Bildung in Tut-zing, in: FAZ vom 31.8.1982Google Scholar
  17. 20.
    Vgl. Jürgen Habermas: Eine Art Schadensabwicklung. Die apologetischen Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung, in: Die Zeit vom 11.7.1986; ders.: Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats, Frankfurt a. M. 1992, S. 642f.Google Scholar
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    Vgl. hierzu Meier 1990, vor allem 46–57; Meier 1991, vor allem 28–41Google Scholar
  19. 22.
    Gregor Gysi; zit. n. Ursula Feist: Zur politischen Akkulturation der vereinten Deutschen. Eine Analyse aus Anlaß der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl, in: APuZ 1991/11–12, 21–32, hier 32Google Scholar
  20. 23.
    Von den ca. 80.000 Teilnehmern an der Jugendweihe im Frühjahr 1993 haben sich allein 70.000 bei der “Interessenvereinigung Jugendweihe e. V.” angemeldet, der Nachfolgeorganisation des Zentralen Jugendweiheausschusses in der DDR; die übrigen nahmen an “Jugendfeiern” diverser konkurrierender Verbände der Konfessionslosen und Freidenker teil (vgl. Matthias Hartmann: Jugendweihe ‘83, in: DA 1993/5, 523–526, hier 523).Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1993

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  • Wolfgang Bergem

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