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„Denken heißt nicht vertauben.“ Lenz als Kritiker der Aufklärung

  • Hans-Gerd Winter

Zusammenfassung

Lenz’ Verhältnis zur Aufklärung hat viele Facetten. In diesem Beitrag sollen nicht der Sozialkritiker und der „Projektemacher“ im Vordergrund stehen, auch nicht der Kritiker aufklärerischer Ästhetik, sondern der Kritiker eines bestimmten eingeschränkten Gebrauches von Vernunft und Verstand. Die Aufklärung gilt ja im allgemeinen Verständnis als die Epoche, in der sich der Grundgedanke durchsetzt, die autonome Vernunft sei der allgemeingültige Wertmaßstab für alle menschlichen Werke, Tätigkeiten und Lebensverhältnisse. Das Projekt, die autonome Vernunft als das eigentliche Wesen des Menschen zu etablieren, ist als ein beträchtlicher Zivilisationsschub innerhalb des Prozesses der Zivilisation erkannt worden.1 Indem Zivilisierung als Wandel vom „Fremdzwang“ zum „Selbstzwang“ (Norbert Elias) eine wachsende Selbstdomestikation bedeutet, eine verstärkte Kontrolle körperlicher Regungen, der ganzen Leiblichkeit wie der seelischen Empfindungen, legitimiert und stärkt das Projekt der Aufklärung eine Überwachungsfunktion des Ichs, bzw. im engeren Sinn des Überichs. Von diesem Zentrum aus soll der Mensch sich zunehmend in seinen Beziehungen zur Umwelt und den Mitmenschen steuern und sein Triebleben regulieren. Dieses geschieht teils bewußt, teils unbewußt. Ausdruck dieser Modellierung ist dann — nach Elias — Rationalität oder genauer: eine bestimmte Art der Rationalisierung. Diese bildet die Voraussetzung, um eine Vernunftherrschaft über den Menschen und über die Welt etablieren zu können, von der nach Kant der „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“2 erwartet wird.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. Norbert Elias, Über den Prozeß der Zivilisation, 2 Bde. (Bern, 19692); vgl. auch Michael Foucault, Überwachen und Strafen, übersetzt von Walter Seitter, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 184 (Frankfurt/Main, 1977 ).Google Scholar
  2. 2.
    Immanuel Kant, „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ in Was ist Aufidärung? Beiträge aus der Berlinischen Monatsschrift,hg. von Norbert Hinske (Darmstadt, 19772), S. 452.Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. z.B. die rigiden Anweisungen zur Unterdrückung körperlicher Regungen in [Meine Lebensregeln] (II, 487–498).Google Scholar
  4. 4.
    Nach Sigrid Damm (II, 901) bezieht sich Lenz auf Joel III, 1 und Apostelgeschichte II, 17.Google Scholar
  5. 5.
    Martin Rector, „Götterblick und menschlicher Standpunkt. J. M. R. Lenz’ Komödie,Der neue Menoza` als Inszenierung eines Wahrnehmungsproblems,“ Jahrbuch der deutschen Schiller-Gesellschaft, 33 (1989), 199.Google Scholar
  6. 6.
    Großes Vollständiges Universallexikon,hg. von Heinrich Zeller (Leipzig, 1741 ff.; Nachdr., Graz, 1961), XXVII, 1742.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. zum Engländer jetzt die anregende und genaue Arbeit von Hannes Glarner,,Diese willkürlichen Ausschweifungen der Phantasey `. Das Schauspiel Der Engländer von Jacob Michael Reinhold Lenz,Zürcher Studien, 34 (Bern, 1991). Darin zum Begriff der „Phantasey“, S. 54–60.Google Scholar
  8. 8.
    Die Feuermetapher für extreme Leidenschaft und Liebe, die ja schon in der Namensgebung des Protagonisten zum Ausdruck kommt, benutzt Lenz gern. Besonders häufig ist sie in der Komödie Der neue Menoza. Sie soll nicht nur den Grad der inneren Bewegtheit anzeigen, sondern steht auch für die verzehrende, zerstörerische Kraft der Liebe (vgl. außer Hot die Menoza-Figuren Tandi, Graf und Donna Diana) und für ihr Gefährdetsein (vgl. Wilhelmine im Menoza).Google Scholar
  9. 9.
    Liebesverrat. Die Treulosen in der Literatur (München, 1989), S. 185f.Google Scholar
  10. 10.
    Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft,übersetzt von Ulrich Köppen, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 39 (Frankfurt/Main, 1969), S. 55f.Google Scholar
  11. 11.
    Jean Jacques Rousseau, Emile oder Über die Erziehung (Stuttgart, 1970), S. 732.Google Scholar
  12. 12.
    Vgl. dazu Silvia Bovenschen, Die imaginierte Weiblichkeit (Stuttgart, 1979), S. 190ff.Google Scholar
  13. 13.
    Sophie von La Roche, Geschichte des Fräuleins von Sternheim, hg. von C. M. Wieland (Leipzig, 1771; Nachdr., München, 1976 ), S. 525.Google Scholar
  14. 14.
    J. M. R. Lenz, Gesammelte Schriften, hg. von Franz Blei (München 1910), V, 313–341. Zitate künftig nach dieser Ausgabe mit Seitenzahl im Text. Weitere Ausgaben, die auf Bleis Lesart fußen, die am neu aufgefundenen Manuskript überprüft werden muß: J. M. R. Lenz, Erzählungen, hg. von Klaus Hammer (Leipzig, 1966), S. 91–118; Henning Boëtius, Der verlorene Lenz (Frankfurt, 1985), S. 170–193. In Boëtius’ Ausgabe ist der Untertitel weggelassen. Sigrid Damm hat die Handschrift in den in Krakau liegenden Lenz-Materialien zwar entdeckt, aber nicht in ihre Ausgabe aufgenommen, in der sie den Text nicht erwähnt. Vgl. zu der Erzählung auch Hans-G. Winter, „J. M. R. Lenz as Adherent and Critic of Enlightenment in Zerbin; or Modern Philosophy and The Most Sentimental of all Novels,“ in Dialectic of Enlightenment and the Age of Enlightenment: The Berkeley German Symposium, hg. von W. Daniel Wilson (erscheint 1993 ).Google Scholar
  15. 15.
    J. M. R. Lenz, Erzählungen,hg. von Friedrich Voit (Stuttgart, 1988), Nachwort, S. 147. Auch in der neuesten Veröffentlichung zu Lenz’ Prosa, der Dissertation von Jürgen Stötzer: Das vom Pathos der Zerrissenheit geprägte Subjekt. Eigenwert und Stellung der epischen Texte im Gesamtwerk von J. M. R. Lenz (Frankfurt/Main, 1992) kommt der Empfindsamste aller Romane nicht vor. Werner Hermann Preuß erwähnt in seiner Dissertation Selbstkastration oder Zeugung neuer Kreatur (Bonn, 1983), S. 71, den „Roman“, kommt aber über einige anregende Bemerkungen (u.a. zur „Fassadenhaftigkeit” der Figuren) hinaus nicht zu einer Interpretation.Google Scholar
  16. 16.
    Vgl. an neuen Arbeiten: Sigrid Damm, Vögel, die verkünden Land. Das Leben des Jakob Michael Reinhold Lenz (Frankfurt/Main, 19892), S. 329–419; Mechthild Keller, „Verfehlte Wahlheimat: Lenz in Rußland,“ in Russen und Rußland aus deutscher Sicht. 18. Jahrhundert: Aufklärung, hg. von Mechthild Keller, Westöstliche Spiegelungen, A/2 (München, 1987), S. 516–536; Rüdiger Scholz, „Zur Biographie des späten Lenz”, Lenz-Jahrbuch, 1 (1991), 106–134.Google Scholar
  17. 17.
    Auch Boëtius, der in seiner unkonventionellen Arbeit diesen „Miniaturroman“ (Der verlorene Lenz,S. 168) neu entdeckt und wertet, bleibt letztlich in der traditionellen Perspektive befangen, wenn er auf die Fülle des in ihm enthaltenen „psychoanalytischen und biographischen Materials” hinweist.Google Scholar
  18. 18.
    Zur deutschen Feenmärchen-Rezeption vgl. Heinz Hillmann, „Wunderbares in der Dichtung der Aufklärung,“ in Erforschung der deutschen Aufklärung, hg. von Peter Putz (Königstein, 1980 ), S. 246–270. Hillmann nennt Lenz nicht. Zu diesem vgl. Klaus Hammer im Nachwort seiner Ausgabe, S. 128f.Google Scholar
  19. 19.
    Diese Intention beansprucht Lenz für die „launige“ Schreibart in Abgerissene Bemerkungen über die launigen Dichter (II, 769).Google Scholar
  20. 20.
    Boëtius, Der verlorene Lenz,S. 169.Google Scholar
  21. 21.
    Als Kommentar zum Verhalten der Figuren eignet sich eine Formulierung aus Lenz’ Stimmen des Laien: „Wenn ihr kein Weib ansehen könnt, ohn ihrer zu begehren, Teekessel! reißt euer Auge aus, es ist besser ihr geht einäugig zum Himmel ein, als mit zwei Augen in den Tod. Wenn ihr keinen Schlag verschmerzen könnt, ohne vor Begierde zu bersten, ihn wiederzugeben, so berstet… Eins zieht euch neue Schläge zu… Könnt ihr in einer Welt nicht leben, wo es Stöße gibt?“ (II, 605).Google Scholar
  22. 22.
    Vgl. Lenz an Sophie von La Roche, Juli 1775: „Ich sage immer: die größte Unvollkommenheit auf unsrer Welt ist, daß Liebe und Liebe sich so oft verfehlt, und nach unsrer physischen, moralischen und politischen Einrichtung, sich immer verfehlen muß. Dahin sollten alle vereinigte Kräfte streben, die Hindernisse wegzuriegeln; aber leider ist’s unmöglich“ (III, 324). Auch diese Stelle darf nicht so gelesen werden, als ließe Lenz die Hoffnung und innere Gewißheit, daß es echte Herzensliebe geben könne, fahren.Google Scholar
  23. 23.
    Michel Foucault, „Was ist Aufklärung?“ in Ethos der Moderne. Foucaults Kritik der Aufklärung,hg. von Eva Erdmann u.a. (Frankfurt/Main, 1990), S. 46.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1994

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  • Hans-Gerd Winter

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