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Die „Ohn-Macht der Marionette“. Rollenbedingtheit, Selbstentäußerung und Spiel-im-Spiel-Strukturen in Lenz’ Komödien

  • Axel Schmitt

Zusammenfassung

Zum Wesen von Komödien gehören seit den jährlichen Dionysosfesten „\(\Lambda \eta \nu \alpha l\alpha \) “ und „ \(\Delta lovv\sigma l\alpha t\alpha \varepsilon v\alpha \sigma \tau \varepsilon l\) “ in Athen zum einen dionysisch-kultische Traditionen des „ \(k\omega \mu o\sigma \) “, das Akzentuieren des Orgiastischen, Grenzen-Sprengenden — was insgesamt mit Bachtin als „karnevalistisches Moment“ begriffen werden kann1 — sowie das Moment der transzendentalen semiotischen Selbstbegründung innerhalb einer literarisch-dramatischen Zeichen-Ordnung.2 Die Komödie komprimiert solche Erfahrungen zu einem Nebeneinander von lustvollen wie bedrängenden, verwirrenden wie produktiven Momenten, saturnalischen Sehnsüchten und apollinischer Formgebung und artikuliert zugleich das Bedürfnis nach einer Ordnung innerhalb dieser undurchsichtigen, chaotischen Wirklichkeit.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. Michail M. Bachtin, Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur, übersetzt von Alexander Kaempfe (Frankfurt/Main, 1969 ).Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. Horst Dieter Blume, Einfilhrung in das antike Theaterwesen (Darmstadt, 1984), S. 26ff.Google Scholar
  3. 3.
    Hans Robert Jauss, „Über den Grund des Vergnügens am komischen Held“, in Das Komische,hg. von Wolfgang Preisendanz, Rainer Warning (München, 1976).Google Scholar
  4. 4.
    Bernhard Greiner, Die Komödie. Eine theatralische Sendung. Grundlagen und Interpretationen (Stuttgart, 1992), S. 98.Google Scholar
  5. 5.
    Komik der Handlung, Komik der Sprachhandlung, Komik der Komödie,“ in Das Komische,S. 238.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. Niklas Luhmann, „Individuum, Individualität, Individualismus,“ in Niklas Luhmann, Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studie zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft, III (Frankfurt/Main, 1989 ), 226.Google Scholar
  7. 7.
    Stierle, „Komik der Handlung,“ S. 242.Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. Fritz Martini, Lustspiele und das Lustspiel (Stuttgart, 1974 ).Google Scholar
  9. 9.
    Greiner, Die Komödie,S. 7.Google Scholar
  10. 10.
    Auch Plessner beschreibt das Spiel als einen der Anlässe des Lachens. Er begründet dies mit einer Homologie von komischer Situation und Spielsituation dergestalt, daß die Ambivalenzform des komischen Konflikts in der Spielsituation wiederkehre in Form einer Ambivalenz von Herrschaft über das Spiel und Gebundenheit an das Spiel. Dies aber sei nur so lange möglich, wie das Spiel als Spiel sichtbar bleibe, wie es der Distanz, wie es dem „Willen zum Unernst“ nicht entzogen werde. Vgl. Helmuth Plessner, „Lachen und Weinen. Eine Untersuchung der Grenzen menschlichen Verhaltens,” in Helmuth Plessner, Philosophische Anthropologie,hg. von Günter Dux, Conditio humana, 11 (Frankfurt/Main, 1970), S. 100ff.Google Scholar
  11. 11.
    Jacques Lacan, „Le stade du mirroir comme formateur du Je,“ in Jacques Lacan, Ecrits,III (Paris, 1966), 93–100.Google Scholar
  12. 12.
    Jacques Derrida, La voix et le phénomène (Paris, 1967), S. 98.Google Scholar
  13. 13.
    „Deconstruction“ meint hier - ohne der pathetischen Forderung nach dem Tod des Subjekts zu folgen - ein Niederreißen des Mauerwerks abendländischer Metaphysik und Ontosemiologie nicht in der Absicht es zu zerstören, sondern es unter dem Blickwinkel der Pluralität des teilbaren Selbst, das was Lévinas und Lacan gerne „l’Autre” nennen, zu re-konstruieren.Google Scholar
  14. 14.
    Vgl. Renate Lachmann, „Dialogizität und poetische Sprache,“ in Dialogizität, hg. von Renate Lachmann, Theorie und Geschichte der Literatur und der schönen Künste, 64 (München, 1983 ), S. 52.Google Scholar
  15. 15.
    Bachtin, Literatur und Karneval,S. 87.Google Scholar
  16. 16.
    Freuds Einsicht in die Heterogenität des Subjekts mit linguistischen Termini radikalisierend, kann man von den Figuren im Hofmeister im Sinne Lacans sagen: „Je est un autre“ (Ecrits,III, 118).Google Scholar
  17. 17.
    Greiner, Die Komödie,S. 186.Google Scholar
  18. 18.
    So etwa in Goethes Rede Zum Schäkespears Tag vom Herbst 1771 oder in der Abhandlung Von deutscher Baukunst,die wie kein zweiter Text der Geniezeit den auch bei Lenz zum Gemeinplatz gewordenen Vergleich des Genies mit dem Schöpfergott durchführt.Google Scholar
  19. 19.
    Bei Platon stabilisiert sich, angesichts der Unvollkommenheit des Einzelnen, die staunenswerte Ordnung des Ganzen nur durch das Zutun der Götter, unter deren Augen sich das menschliche Treiben als Puppenspiel entfaltet; vgl. Ralf Konersmann, „Welttheater als Daseinsmetapher,“ Neue Rundschau,100 (1989), 137–151. Der antike Marionettenvergleich appelliert an eine höhere Instanz, wo die Neuzeit den Gedanken der Autonomie, das Prinzip der Reflexion einsetzt. Die aufklärerische,in der Regel kritische Marionettenmetapher sieht den Menschen abhängig von gebieterischen Mächten, deren Absichten und Vorgaben seinem Einfluß entzogen bleiben. Kant reiht die zeitgenössischen Vorstellungen auf, wenn er feststellt, „daß der allgemeine Fatalism…, da er alles menschliche Thun und Lassen in bloßes Marionettenspiel verwandelt, den Begriff von Verbindlichkeiten gänzlich aufhebe,” so daß dann am Ende nichts bleibe, „als abzuwarten und zu beobachten, was Gott vermittelst der Naturursachen in uns für Entschließungen wirken werde, nicht aber was wir von selbst als Urheber thun können und sollen“ („Recension von Schulz’s Versuch einer Anleitung zur Sittenlehre,” Gesammelte Schriften,hg. von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, VIII [Berlin, 1923], 9–14, hier 13).Google Scholar
  20. 20.
    Tagebuch 1946–49 (Frankfurt/Main, 1950), S. 117.Google Scholar
  21. 21.
    Die Ambiguität der Marionetten-Metapher wird besonders bei Kleist deutlich. Zunächst illustriert ihm die „Puppe am Draht des Schicksals“ (Brief an Ulrike von Kleist, 23. 2. 1801) die Verstrickung in unbekannte Mächte, eine Abhängigkeit, gegen die er mit aufgeklärtem Gestus „die uneingeschränkte Freiheit des Willens” und das „Werk der Vernunft“ (Brief an Ulrike von Kleist, Mai 1799 ) ins Feld führt. Im Marionettentheater kehrt sich das Verständnis der „Gliederpuppe” dann aber um: sie erscheint als Chiffre einer in sich ruhenden, des externen Telos nicht bedürftigen Existenz. Gerade die Marionette verkörpert jetzt Grazie und Vollkommenheit. So ist denn der wortführende Tänzer des Kleistschen Gesprächs ein den Tanz regierendes reflektierendes Subjekt (vgl. dazu Brief an Ulrike von Kleist, Mai 1799 ).Google Scholar
  22. 22.
    Im dramatischen Werk von Weiss lassen sich durchgehende Entpersonalisierungstendenzen ausmachen, in der die Figuren als Leerformen wechselvollen Inhalts erscheinen. Zu denken wäre dabei an die Vorstellung vom „Welt-Theater-Spiel“ im Marat/Sade oder an die negative Dialektik des Spiels im Gesang vom Lusitanischen Popanz.Google Scholar
  23. 23.
    Erika Fischer-Lichte, Geschichte des Dramas: Epochen der Identität auf dem Theater von der Antike bis zur Gegenwart,I (Stuttgart, 1990), 314.Google Scholar
  24. 24.
    Vgl. 1. Kor. IV, 15; Gal. V, 1; V, 6; VI, 15.Google Scholar
  25. 25.
    Vgl. Jacques Derrida, De la grammatologie (Paris, 1967), Kap. 2: „Ce dangereux supplément“, S. 203–234, hier S. 208: „Le supplément suplée. Il ne s’ajoute que pour remplacer. Il intervient ou s’insinue à-la-place-de; s’il comble, c’est comme an comble un vide. S’il représente et fait image, c’est par le défaut antérieur d’une présence… En tant que substitut, il ne s’ajoute pas simplement à la positivité d’une présence, il ne produit aucun relief, sa place est assignée dans la structure par la marque d’un vide.”Google Scholar
  26. 26.
    J. M. R. Lenz: The Renunciation of Heroism (Göttingen, 1975), S. 164.Google Scholar
  27. 27.
    Als Ergänzung sei auf den fruchtbaren Versuch Gert Mattenklotts hingewiesen, der die intersubjektiven Strukturen des Dramas als Schnittpunkt zwischen literarischen Re-Inszenierungen und einem latenten Hang der Figuren zur Melancholie deutet: Melancholie in der Dramatik des Sturm und Drang (Königstein/Ts., 19852), S. 122–168, hier bes. S. 147–152.Google Scholar
  28. 28.
    Vgl. dazu Gustchens fragil anmutenden Versuch, ihre Beziehung zu Läuffer durch den wechselseitigen Rekurs auf Shakespeares Romeo and Juliet und Rousseaus Nouvelle Helolse semantisch zu besetzen: GUSTCHEN in der beschriebenen Pantomime: O Romeo! Wenn dies deine Hand wäre. - Aber so verlässest du mich, unedler Romeo! Siehst nicht, daß deine Julie für dich stirbt - von der ganzen Welt, von ihrer ganzen Familie gehaßt, verachtet, ausgespien. Drückt seine Hand an ihre Augen. O unmenschlicher Romeo! LÄUFFER sieht auf Was schwärmst du wieder? GUSTCHEN: Es ist ein Monolog aus einem Trauerspiel, den ich gerne rezitiere, wenn ich Sorgen habe… Vielleicht bist du nicht ganz strafbar. Deines Vaters Verbot, Briefe mit mir zu wechseln, aber die Liebe setzt über Meere und Ströme, über Verbot und Todesgefahr selbst - Du hast mich vergessen… Vielleicht besorgtest du für mich - Ja, ja, dein zärtliches Herz sah, was mir drohte, für schröcklicher an, als das was ich leide. Küßt Läuffers Hand inbrünstig. O göttlicher Romeo! (I, 68f.)Google Scholar
  29. 29.
    Überlegungen zu diversen Berührungspunkten zwischen Lenz und Goethe sind vielfach angestellt worden, im besonderen zu den ästhetischen Strukturen der Prosadichtung Der Waldbruder. Ein Pendant zu Werthers Leiden,über die Verteidigung des Genie-Kultes in den Briefe[n] aber die Moralität der Leiden des jungen Werthers sowie über biographische Schnittstellen zwischen beiden Dichtern. Der Versuch allerdings, das Versagen elementarer Diskursformationen über „Subjektivität“ in einer parallelen Lektüre sowohl des Hofmeister wie auch des Werther zu untersuchen, ist - so weit ich sehe - noch nicht durchgeführt worden.Google Scholar
  30. 30.
    Vgl. dazu die anregende Studie Walter Erharts: „Beziehungsexperimente. Goethes Werther und Wielands Musarion,“ Deutsche Vierteljahrsschr/fiirLiteraturwissenschaft und Geistesgeschichte,66 (1992), 333–360, hier 338.Google Scholar
  31. 31.
    Erhart, „Beziehungsexperimente“, 343.Google Scholar
  32. 32.
    Erhart, „Beziehungsexperimente“, 345.Google Scholar
  33. 33.
    Vgl. Helmut Arntzen, Die ernste Komödie: Das deutsche Lustspiel von Lessing bis Kleist, Sammlung Dialog, 23 (München, 1968 ), S. 92.Google Scholar
  34. 34.
    Greiner, Die Komödie,S. 201.Google Scholar
  35. 35.
    Vgl. dazu Klaus Gerth, „,Vergnügen ohne Geschmack’: J. M. R. Lenz’,Menoza` als parodistisches,Püppelspiel`,“ Jahrbuch des freien deutschen Hochstifts (1988), 35–56.Google Scholar
  36. 36.
    So bei Dieter Liewerscheidt, „J. M. R. Lenz,Der neue Menoza, eine apokalyptische Farce,“ Wirkendes Wort, 33 (1983), 144–152.Google Scholar
  37. 37.
    Vgl. Walter Hinck, Das deutsche Lustspiel des 17. und 18. Jahrhunderts und die italienische Komödie, Germanistische Abhandlungen, 8 (Stuttgart, 1965 ).Google Scholar
  38. 38.
    Greiner, Die Komödie,S. 198.Google Scholar
  39. 39.
    Georg Büchner, Sämtliche Werke und Briefe,hg. von Werner R. Lehmann, I (Hamburg, 11967]), 41.Google Scholar
  40. 40.
    Georg Büchner, Sämtliche Werke und Briefe,I, 122.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1994

Authors and Affiliations

  • Axel Schmitt

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