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„Mir ekelt vor jedem feinern Gesicht.“ J. M. R. Lenz und die Physiognomik

  • Stefan Schmalhaus

Zusammenfassung

Eine Anekdote des Jahres 1779 erzählt, daß einmal während eines geselligen Zusammenseins mehrerer Prediger das Gespräch auf Lavater kam und ein Geistlicher über die Tafel hinweg rief: „Ist das der Lavater — der Windbeutel, der die Aussichten in die Ewigkeit geschrieben hat?“, worauf der Gastgeber zurückschrie: „Nein,... es ist der Kerl, der das dumme Zeug schreibt von die Gesichter.“1

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Anmerkungen

  1. 1.
    Hannoverisches Magazin, 41. Stück(21. Mai 1779), 639f.Google Scholar
  2. 2.
    Johann Caspar Lavater, Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe (Leipzig, 1775ff.).Google Scholar
  3. 3.
    Erinnert sei an Lichtenbergs berühmtes Diktum: „Wenn die Physiognomik das wird, was Lavater von ihr erwartet, so wird man die Kinder aufhängen ehe sie die Taten getan haben, die den Galgen verdienen, es wird also eine neue Art von Firmelung jedes Jahr vorgenommen werden. Ein physiognomisches Auto da Fe“ (Georg Christoph Lichtenberg, Schriften und Briefe,hg. von Wolfgang Promies [München, 1968ff.], 1 532).Google Scholar
  4. 5.
    Zustimmende wie kritische Äußerungen der Zeitgenossen sind zusammengestellt bei Graeme Tytler, Physiognomy in the European Novel. Faces and Fortunes (Princeton, 1982), S. 74–81; vgl. auch Dennis Paul Krueger, „Prose Parody from 1774 to 1795,“ Diss. Northwestern University, 1970, S. 61–95; Andreas Käuser, Physiognomik und Roman im 18. Jahrhundert,Diss. Konstanz, 1985 (Frankfurt/Main, 1989).Google Scholar
  5. 6.
    Ende April 1775 schreibt Lenz an Lavater: „Deine Physiognomik - lieber der Wunsch mir ein Exemplar geben zu können, was geb ich Dir dafür? Mein ganzes Herz - mehr hat mir der Himmel nicht gelassen“ (HI, 312). - Der Preis für die Physiognomischen Fragmente betrug immerhin 24 Reichstaler pro Band.Google Scholar
  6. 7.
    Vgl. Physiognomische Fragmente,III, 98f. Als Beispiel sei die sechste und letzte Beobachtung zitiert: „Die Eröffnung des Mundes kann nie genug studiert werden. In ihr, deucht mich, steckt die höchste Charakteristik des ganzen Menschen. Alles Naive, Zärtliche, Männliche der ganzen Seele drückt sich da aus. Von diesem verschiedenen Ausdrucke ließen sich Folianten schreiben, und ist das etwas, das dem unmittelbaren Gefühle des, der einen Menschen studiert, überlassen werden muß… Die Muskeln um den Mund herum sind, deucht mich, dem Sitze der Seele am nächsten, da kann sich der Mensch am wenigsten verstellen. Daher das häßlichste Gesicht angenehm wird, wenn es noch gute Züge am Munde übrig behalten hat, und einem wohl organisirten Menschen nichts in der Natur so widrige Empfindungen erregen kann, als ein verzogenes Maul“ (99). Zum Nachweis der Autorschaft Lenzens vgl. F[ritz] Waldmann, „Lenz’ Stellung zu Lavaters Physiognomik. Nebst ungedruckten Briefen von Lenz,” Baltische Monatsschrift,35 (1893), 419–436, 482–497, 527–533; hier 434, Anm. 1.Google Scholar
  7. 9.
    Vgl. Physiognomische Fragmente,IV, 486. Die Verfasserschaft des charakterisierenden Kommentars zu dem Bildnis Herders im dritten Versuch der Fragmente (vgl. Physiognomische Fragmente,III, 263f.) ist nach wie vor umstritten, jedoch ist auch Lenz als Autor in Erwägung gezogen worden: Herders eigener Vermutung, der junge Theologe und Protegé Lavaters Johann Caspar Häfeli sei der Verfasser jener Charakteristik, widersprach Reinhold Steig (vgl. „Herders Verhältnis zu Lavaters Physiognomischen Fragmenten,“ Euphorion,1 [1894], 540–557; hier 552), der Johann Georg Zimmermann als Autor vermutete; unter Berufung auf Eduard von der Hellen (vgl. Goethes Anteil an Lavaters Physiognomischen Fragmenten [Frankfurt/Main, 1888], 31) hielt Fritz Waldmann („Lenz’ Stellung zu Lavaters Physiognomik,” 422, 435) Lenz für den Verfasser. Daß zwei Silhouetten in Lavaters Werk Lenzens Gesichtsprofil wiedergeben (vgl. Physiognomische Fragmente,III, 36, Nr. 8, und IV, 16, Nr. 4), wurde jüngst in Zweifel gezogen (vgl. Friedrich Voit, „Nachwort,” in: Jakob Michael Reinhold Lenz, Werke,hg. von Friedrich Voit [Stuttgart, 1992], S. 559–604, hier S. 561; die Zuordnung jener beiden Schattenrisse zu Lenz geht wohl zurück auf Charlotte Steinbrjcker, Lavaters physiognomische Fragmente im Verhältnis zur bildenden Kunst [Berlin, 1915], S. 247, 252).Google Scholar
  8. 10.
    Zu jener Zeit begann Lavaters eigenes physiognomisches Interesse schon zu erlahmen, wie aus seinem Brief an Lenz vom 30. März 1787 hervorgeht: „Lieber Lenz, Dank für Deinen Brief… samt den Beilagen von Silhouetten, die mich, schrecklicher Zeitarmut wegen weniger interessieren. Deine Urteile als Charakter betrachtet, sind mir wichtiger“ (III, 639 ).Google Scholar
  9. 11.
    Am 22. Januar 1778 schreibt Lenz aus Waldersbach einen Brief an Lavater, in dem er um die Begutachtung einiger Schattenrisse bittet, die er durch den Briefboten überbringen läßt: „Sehr begierig wär ich, Dein Urteil über verschiedene der Silhouetten zu hören…, die aber wie alle Schattenrisse so unendlich verschieden von den Originalen sind. Wenn Dich Dein Genius hierher versetzen wollte, würdest Du all das Fehlende oder Verkritzelte durch Deinen Blick ergänzen“ (III, 566f.).Google Scholar
  10. 14.
    Einen ähnlichen Gedanken entwickelte auch Christian Friedrich Daniel Schubart, der 1776 in seiner Teutschen Chronik eine „politische Phisiognomik“ skizzierte: „Wenn jeder Staat… seine eigene Phisiognomie hat; so muß es freylich auch einepolitische Phisiognomik, oder eine Wissenschaft geben, aus den Lineamenten und äusserlichen Zeichen eines jedweden Staates auf seinen innern, politischen, physischen, moralischen Werth zu schliessen.” Auch bei ihm taucht jene Denkfigur auf, die die Gesichter der Antike mit den angekränkelten Physiognomien der Gegenwart vergleicht: „Jedes einzelne Römergesicht aus den ältern bessern Zeiten - wie fest, wie gewiß, wie sicher hinschauend, wie gesund gegen die Gesichter aus den Zeiten des allgemeinen Verderbs! Dem grösten Mann hängt etwas von seinen Zeiten an; Wolken reissen sich vom Throne los, und dämern sein Antlitz. Geh’ einer durch eine Gallerie hin, wo die Gemälde unser Väter hangen; ob er nicht da in jedem Gesichte etwas von dem starken, simplen, männlich schönen Geist der Vorzeit auffindet! - Seh einer die Milchgesichter unserer Zeitgenossen an; ob sie nicht wie eine Satyre aufs weibische, sieche, kränklende 18te Jahrhundert aussehen.“ Schubarts resümierende physiognomische Zeitdiagnose fällt vernichtend aus: „Die Phisiognomie der heutigen Europäischen Staaten ist nicht allzuvortheilhaft. ‘S ist viel Aufgedunsnes, Angestrengtes, Heuchlerisches, Mißtrauisches, Schiefes, Lebenssattes drinnen. Das gute Weib Europa scheint sich vom lebendigen Naturquell zu weit entfernt zu haben, irrt nun in Wüsteneyen, und grießgramt, daß ihr die Thränen über die Backen laufen. Unmuth, Mißvergnügen, tödtliche Ermattung scheint ihr aus den Augen ’raus, und giebt ihrem Gesichte alle die unangenehme Beugungen, Falten, Runzeln, Schiefen, die unbeherrschte Leidenschaften ankündigen” (Teutsche Chronik auf das Jahr 1776,19. Stück [4. März 1776], 145–147).Google Scholar
  11. 15.
    Der Ausdruck „die Kleinen“ ist keineswegs eine verniedlichende Redeweise, vielmehr bezeichnet er im Sprachgebrauch des 18. Jahrhunderts eine soziale Kategorie, die den vornehmen Ständen entgegengesetzt ist (vgl. Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch (Leipzig, 1854ff.), V, 1098). Der Dramentitel läßt darüber hinaus eine Reminiszenz an Matthäus XVIII, 10 vermuten: „Sehet zu, daß ihr nicht jemand von diesen Kleinen verachtet.” Einen Bibelanklang enthält offenbar auch die Variante der Eingangsszene, in der Engelbrecht die „großen aufgeklärten Menschen“ auffordert: „Haltet euch herunter zu ihnen” - den „Unterdrückten“ -, „um sie zu euch emporzuheben” (I 761), was auf Römer XII, 16 anspielen dürfte: „Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen.“ Zu Lenzens Kommunikationsstrategien mit Hilfe von biblischen und literarischen Anspielungen vgl. Hubert Gersch, Stefan Schmalhaus, „Die Bedeutung des Details: J. M. R. Lenz, Abbadona und der,Abschied`. Literarisches Zitat und biographische Selbstinterpretation,” Germanisch-Romanische Monatsschrift,69 (1991), 385–412.Google Scholar
  12. 16.
    Im Anhang: Johann Friedrich Oberlins Bericht „Herr L......“ in der Druckfassung „Der Dichter Lenz, im Steintale “ durch August Sröber und Auszüge aus Goethes „Dichtung und Wahrheit“ über J. M. E. Lenz, hg. von Hubert Gersch [Stuttgart, 1986], S. 14).Google Scholar
  13. 22.
    Zur Bestätigungsfunktion der Physiognomik für das bürgerliche Identitätsbedürfnis vgl. Richard Gray, „Sign and Sein. The Physiognomikstreit and the Dispute over the Semiotic Constitution of Bourgeois Individuality,“ Deutsche Vierteljahrsschrift far Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte,66 (1992), 300–332, bes. 308.Google Scholar
  14. 24.
    Vgl. Karl Markus Michel, Gesichter. Physiognomische Streifzüge (Frankfurt/Main, 1990 ), S. 61.Google Scholar
  15. 25.
    Vgl. Hans Ludwig Scheel, „Balzac als Physiognomiker,“ Archiv jar das Studium der neueren Sprachen und Literaturen,113 (1962), 227–244; Charles Grivel, „Die Identitätsakte bei Balzac. Prolegomena zu einer allgemeinen Theorie des Gesichts,” in: Honoré de Balzac,hg. von Hans-Ulrich Gumbrecht u.a. (München, 1980), S. 83–141; Thomas Koch, Literarische Menschendarstellung. Studien zu ihrer Theorie und Praxis (Retz, La Bruyère, Flaubert, Proust, Lainé) (Tübingen, 1991), S. 99–117.Google Scholar
  16. 26.
    Honoré de Balzac, La Comédie humaine,hg. von Pierre-Georges Castex (Paris, 1976ff.), V, 1039.Google Scholar
  17. 33.
    Dabei war Lavaters physiognomische Deutung insgesamt sehr wohlwollend ausgefallen, schien ihm doch Katharinas Physiognomie „so kayserlich, daß mir die ewige Vorherbestimmung zum Kayserthum drinn, klar wie der Tag, erscheint“ (Physiognomische Fragmente,III, 324). - Lenzens eigener Charakterisierungsversuch ist inspiriert von der Faszination der Macht, die von der Zarin ausgeht: „Ich habe sie nur einmal nahegesehen… -und ich sah… die Gesetzgeberin eines halben Teils der Erde… Auch reden alle ihre Entwürfe Plane und Ausführungen mit ihrem Gesicht überein - das wahrhaftig im strengsten Sinn des Worts - Kaiserlich ist… Ihr Blick hat nicht das schröckende Feuer des alten Friedrichs aber doch genug um den zu Boden zu werfen, der’s vergessen wollte daß sie einen halben Weltteil durchdringt” (HI, 603).Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1994

Authors and Affiliations

  • Stefan Schmalhaus

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