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Melodrama und Groteske im dramatischen Werk von Reinhold Lenz

  • Franz Lösel

Zusammenfassung

Das Ausnahmehafte, wenn nicht Exzentrische, an Lenz ist schon von Zeitgenossen wie Wieland, Goethe und anderen bemerkt worden. Er springt gleichsam aus Zeitströmungen und Zusammenhängen heraus und besitzt ein Gespür für zukunftsträchtige Richtungen im Drama des Sturm und Dranges, die erst in späteren Generationen fruchtbar werden sollten. Er verließ weitgehend Bindungen umfassend objektiver Art, der Aufklärung sowie des Pietismus, und in noch stärkerem Maße personalsubjektive Bindungen, die des Geburtslandes und der Familie. In seiner „Komödie“ Die Freunde machen den Philosophen bleibt die anfängliche Gegenüberstellung Heimat-Fremde ein blindes Motiv, das sich im weiteren Verlauf des Stückes nicht fortentwickelt, ohne daß dies jedoch für den Dichter selbst zu etwas Abgegoltenem geworden wäre: der Vater, so sagt Strephon, die Hauptperson, habe ihn seit acht Jahren nicht mehr gesehen und weiter: „Vetter, das stille Land der Toten ist mir so fürchterlich und öde nicht als mein Vaterland“ (I, 286). Die Heimat und das Bild des Vaters verschmelzen in der Fremde zum Angsttraum der Vater-Landes, und Strephon verliert sich in Selbstbestrafungsphantasien. Aus autobiographischer Sicht kommt in Strephons Worten der „brain drain“ aus den nordöstlichen Provinzen zur Sprache, wie wir ihn von Lenz selbst, aber auch von Herder u.a. kennen. Dem Provinzler Lenz fehlt das Weltkluge, und die frühe Spannung im Verhältnis zu Wieland ist mehr als ein Generationsgegensatz. Im Vergleich mit Goethe geht ihm außerdem das Antäische ab, das Außenseitertum und Entwurzelte seines Wesens läßt den Zug zum Exzessiven und Bizarren ungleich stärker als bei Altersgenossen hervortreten. Lenz hat die Konflikthaftigkeit des Daseins erfahren, seine desorientierten Gestalten leiden an einer Disproportion zu einer unzuverlässigen Welt, sie stoßen gegen Schranken und Vorbehalte im menschlichen Zusammenleben, und diese Ungesichertheit findet ihren Niederschlag in den Antinomien seines Werkes. Als Mensch und Autor liegt Lenz auch mit sich selbst im Streite, ein Zug, der sich beispielsweise bei der Arbeit an seinen Stücken im Wiederumschreibungszwang oder ganz spezifisch im Schwanken in der Besetzung der Hauptperson im Lustspiel Menoza äußert.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Heinz Otto Burger, „J. M. R. Lenz:,Der Hofmeister’,“ in Das deutsche Lustspiel, I, hg. von Hans Steffen (Göttingen, 1968 ), 66.Google Scholar
  2. 2.
    Eric Bentley, „Melodrama,“ in The Life of the Drama (London, 1965), S. 195–218;Google Scholar
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  4. James L. Smith, Melodrama (London, 1973 );Google Scholar
  5. Reinhold Grimm, „Parodie und Groteske bei Friedrich Dürrenmatt,“ in Strukturen, Essays zur deutschen Literatur (Göttingen, 1963), S. 68f.;Google Scholar
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  7. Carl Pietzcker, „Das Groteske,“ Deutsche Vierteljahrsschriftftlr Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte,45 (1971), 197–211;Google Scholar
  8. Philip Thomson, The Grotesque (London, 1972). Lenz selbst verwendet den Ausdruck „grotesk“ in den Fragmenten zur unvollendeten Komödie Die Kleinen: „PIETISTIN. Die Gnade die unsere ohnmächtige oder groteske Natur allein mit einer himmlischen Gestalt umgibt und uns hier schon zu Engeln macht” (I, 497).Google Scholar
  9. 3.
    Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft,hg. von R. Schmidt (Leipzig, 1944), S. 126.Google Scholar
  10. 4.
    James L. Smith, Melodrama,S. 7.Google Scholar
  11. 5.
    Michael Butler, „Character and Paradox in Lenz’s Der Hofmeister,“ German Life and Letters,32 (1978/79), 95–103, weist differenzierend auf eine Bipolarität der Gestalten bei Lenz hin.Google Scholar
  12. 6.
    Vgl. Albrecht Schöne, „Wiederholung der exemplarischen Begebenheit. Jakob Michael Reinhold Lenz,“ in Säkularisation als sprachbildende Kraft (Göttingen, 1968 ), S. 92–138.Google Scholar
  13. 7.
    Eric Bentley, „Melodrama,“ S. 79.Google Scholar
  14. 8.
    Lenzen Experimentierwille weist auf Kommendes, ohne daß unmittelbare Einwirkung postuliert werden muß. Man vergleiche den Anklang hier an die Theatralik des Mackie Messer in Brechts Dreigroschenoper: „Ich muß mir ja selber das Herz aus dem Leibe reißen…“ (Bertolt Brecht, Gesammelte Werke,II, Stücke 2 [Frankfurt/Main, 1967], 438). Brechts melodramatische Wahlverwandtschaft zu Lenz ist durch seine Hofineisterarbeitung zur Genüge belegt.Google Scholar
  15. 9.
    Bei der Bezeichnung der Mordwaffe als Federmesser (I, 184) erinnert die Unangemessenheit von Zweck und Mittel an Nestroys parodistische Übersteigerung und die folgende Anspielung an Shakespeares Richard 111: „Is denn nirgends ein Mordinstrument? Mein Hab und Gut für einen Taschenfeidl! Eine Million für a halbe Portion Gift! Ein Königreich, wenn mir ein Tandler a alte Guillotine verschafft!“ (Der Zerrissene [Stuttgart, 1971], S. 27). Gleiche Grundhaltungen werden gleiche Stilzüge produzieren.Google Scholar
  16. 10.
    Vgl. dazu den Beitrag von Georg-Michel Schulz in diesem Band.Google Scholar
  17. 11.
    Kürzlich bei Edward McInnes: Lenz, Der Hofmeister (London, 1992): The dramatist presents the triumphant reunion of the two lovers in the final scene of the play as a grotesque parody of an accepted comic dénouement“ (S. 59). Unter diesen Bereich fallen also ganze Szenen, nicht nur einzelne Bühnenanweisungen oder Wendungen.Google Scholar
  18. 12.
    Man vergleiche damit die Reflexion des Lips in Der Zerrissene: „Mir dürft einer zehn Millionen herlegen und sagen, ich soll arm sein dafür, ich nehmet s’ nicht“ (S. 13).Google Scholar
  19. 13.
    Vgl. Albrecht Schöne, „Wiederholung der exemplarischen Begebenheit.“Google Scholar
  20. 14.
    Vgl. Reinhold Grimm, „Parodie und Groteske bei Friedrich Dürrenmatt,“ S. 68f.Google Scholar
  21. 15.
    Vgl. Carl Pietzcker, „Das Groteske,“ 207.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1994

Authors and Affiliations

  • Franz Lösel

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