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Die Irrgärten des J. M. R. Lenz. Zur psychoanalytischen Interpretation der Werke Tantalus, Der Waldbruder und Myrsa Polagi

  • Elke Meinzer

Zusammenfassung

Ein flüchtiger Blick auf die Lenzforschung genügt bereits, um festzustellen, daß die psychoanalytische Literaturwissenschaft diesen Autor noch nicht entdeckt hat. Auch bei genauerer Untersuchung der Forschungsergebnisse lassen sich nur ansatzweise psychoanalytische Interpretationen finden, die ihrerseits aber nicht den Anspruch einer auf das Gesamtwerk anzuwendenden psychoanalytischen Methode erheben. Dieser Befund ist um so befremdlicher, als die psychosoziale Disposition des 18. Jahrhunderts, aus der heraus der Autor schreibt, bereits in zahlreichen literaturwissenschaftlichen Untersuchungen zu anderen Autoren aufgegriffen wurde und gerade Lenz in seinem starke biographische Züge aufweisenden Werk umfangreiches Material bereithält.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Rudolf Weichbrodt, „Der Dichter Lenz. Eine Pathographie,“ Archiv far Psychiatrie und Nervenkrankheiten, 62 (1921), 153–188.CrossRefGoogle Scholar
  2. 2.
    Herwig Böcker, Die Zerstörung der Persönlichkeit des Dichters J.M.R. Lenz durch die beginnende Schizophrenie, Diss. ( Bonn, 1969 ).Google Scholar
  3. 3.
    In England siehe vor allem die Arbeiten von: Michael Balint, Therapeutische Aspekte der Regression. Die Theorie der Grundstörung (Stuttgart, 1970); Ronald Fairbairn, Psychoanalytic Studies of the Personality (London 1952); Melanie Klein, Das Seelenleben des Kleinkindes und andere Beiträge zur Psychoanalyse (Stuttgart, 1962).Google Scholar
  4. 4.
    In Amerika siehe vor allem die Arbeiten von: Edith Jacobson, Das Selbst und die Welt der Objekte (Frankfurt/Main, 1973); Otto F. Kernberg, Borderline-Störungungen und pathologischerNarzißmus (Frankfurt/Main 1978); Heinz Kohut, Narzifßmus. Eine Theorie der psychoanalytischen Behandlung narzißtischer Persönlichkeitsstörungen (Frankfurt/Main, 1988); Margaret Mahler u.a., Die psychische Geburt des Menschen (Frankfurt/Main, 1985).Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. hierzu Jessica Benjamin, Fesseln der Liebe. Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht (Basel, 1990), S.15.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. hierzu u.a. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, Studien zum autoritären Charakter (Frankfurt/Main, 1973); Max Horkheimer, Studien aber Autorität und Familie, in Max Horkheimer, Gesammelte Schriften, hg. von Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid-Noerr, III (Frankfurt/Main, 1988), 336–417; Alexander Mitscherlich, Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft (München, 1963 ).Google Scholar
  7. 8.
    Siehe hierzu u. a. die Arbeiten von Karl Freye, „Jakob Michael Reinhold Lenzens Knabenjahre,“ Zeitschrift far Geschichte der Erziehung,7 (1917), 174–193; Otto v. Petersen, „Lenz. Vater und Sohn,” in Dankesgabe far Albert Leitzmann,hg. von Fritz Braun und Kurt Stegmann v. Pritzwald (Jena, 1927), S. 91–103; Albrecht Schöne, „Wiederholung der exemplarischen Begebenheit. Jakob Michael Reinhold Lenz,“ in Albrecht Schöne, Säkularisation als sprachbildende Kraft. Studien zur Dichtung deutscher Pfarrerssöhne (Göttingen, 1958), S. 76–115; Ottomar Rudolf, „Lenz. Vater und Sohn: Zwischen patriarchalischem Pietismus und pädagogischem Eros,” in J. R. M. Lenz als Alternative? Positionsanalysen zum 200. Todestag,hg. von Karin A. Wurst (Köln, 1992), 29–45. Alle Autoren, ob von biographischem oder literaturwissenschaftlichem Interesse geleitet, stellen die Beziehung zwischen Vater und Sohn in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen.Google Scholar
  8. 10.
    Vgl. hierzu die Arbeiten von: Jan Foudrain, Wer ist aus Holz? (München, 1973); Leo Navratil, Schizophrenie und Kunst (München, 1965); Leo Navratil, Schizophrenie und Sprache (München, 1966); Leo Navratil, Schizophrenie und Dichtkunst (München, 1986); Ronald D. Laing, Das geteilte Selbst. Eine existenzielle Studie über geistige Gesundheit und Wahnsinn (Reinbek, 1976); Ronald D. Laing, Das Selbst und die anderen (München, 1989); Joseph Rattner, Was ist Schizophrenie? Psychologie und Psychotherapie des Schizophrenen (Zürich, 1964); Joseph Rattner, Wirklichkeit und Wahn. Das Wesen der schizophrenen Reaktion (Frankfurt/Main, 1976.)Google Scholar
  9. 14.
    Dieser Text wurde erstmals von Christoph Weiß im Lenz Jahrbuch,2 (1992), 7–41, veröffentlicht und stellt u.a. die umständlichen Erklärungsversuche Lenz’ bezüglich seiner Liebe zu July von Albedyll dar.Google Scholar
  10. 18.
    Dieses Symptom ist nicht nur für die Diagnose einer Borderline-Störung relevant, sondern zeigt sich bei Lenz verstärkt während seiner psychotischen Schübe in Waldersbach im Hause Pfarrer Oberlins. Er stürzt sich mehrmals aus dem Fenster des ersten Stockwerkes, badet nachts im kalten Brunnentrog, versucht sich mit einer Schere zu verletzen, wobei er gleichzeitig beteuert, daß „er sich nicht damit umzubringen gedacht hätte“ (vgl. Tagebuchaufzeichnungen Oberlins in Frédéric Oberlin, „Der Dichter Lenz im Steintale,” Erwinics. Ein Blatt zur Unterhaltung und Belehrung,2 [1839], 6–8, 14–16, 20–22) und er versucht, die von Oberlin betrauten „Wächter“ zu überreden, ihm ein Messer auszuhändigen. Als diese seinem Wunsch nicht nachkommen „fieng er an sich den Kopf an die Wand zu stoßen”. Diese Aktionen sind insofern allesamt keine Selbstmordversuche, sondern Versuche, dem drohenden Selbstverlust entgegenzuwirken.Google Scholar
  11. 19.
    Vgl. hierzu: Robert von Ranke-Graves, Griechische Mythologie. Quellen und Deutung (Hamburg, 1990), hier S. 352. Lenz mischt hier zwei unterschiedliche Mythen, denn es war nicht Tantalus, der Hera begehrte, sondern Ixion. Dieser wurde von Zeus getäuscht, der seine Absicht erkannte und eine Wolke nach dem Bild Heras schuf. Interessant ist, im Zusammenhang mit der „Bildherstellung“, daß Tantalus’ Sohn Broteas das älteste Abbild der Göttermutter(?) schnitzte und aus Loyalität zur Göttin Kamairo, die Zeus wegen der Rebellion ihrer Untertanen erniedrigte, ihr Bild in den Berg Sipylos meißelte. Ob Lenz sich auch in diesem Punkt an der Tradition der „Bildherstellung” des Weiblichen orientierte, muß zunächst spekulativ bleiben.Google Scholar
  12. 20.
    D. W. Winnicott, „Objektbeziehung und Identifizierung,“ in D. W. Winnicott, Vom Spiel zur Kreativität (Stuttgart, 1974 ), S. 101–110.Google Scholar
  13. 25.
    Werke, Hamburger Ausgabe (Hamburg, 1948ff.), VII, 346f.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1994

Authors and Affiliations

  • Elke Meinzer

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