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Zur Politik des Herz(ens): J. M. R. Lenz’ „misreadings“ von Goethes Werther

  • Robert Stockhammer

Zusammenfassung

„Goethes Affe“ soll der Herzog Karl August von Weimar Lenz genannt haben; Literaturwissenschaftler verschiedenster Fraktionen haben es ihm lange Zeit nachgesprochen.1 Im Gegenzug dazu wurde inzwischen zwar längst Lenz’ Eigenständigkeit hervorgehoben. Damit jedoch verbindet sich eine Wiederannäherung an das Bild vom „Originalgenie“, das als der Selbstentwurf des Sturm und Drang gilt. Weit eher zeichnet sich bei Lenz selbst, etwa in den Briefen über die Moralität der Leiden des jungen Werthers (vgl. II, 685), die Konzeption von „genialer Nachahmung“ ab. Dies fordert dazu heraus, Lenz’ Verhältnis zu Goethe in Begriffen zu beschreiben, die jenseits der Alternative von Imitation und Originalität liegen.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. zu einem Überblick: Hans-Gerd Winter, J. M. R. Lenz, Sammlung Metzler, 233 (Stuttgart, 1987), S. 4–17. Das Folgende schließt an Überlegungen meiner Dissertation an: Leseerzählungen. Alternativen zum hermeneutischen Verfahren (Stuttgart, 1991 ), S. 151–160, 177–192.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. die Anmerkung von Sigrid Damm (II, 871f.) sowie die nahezu gleichlautenden Formulierungen auch zu anderen Erzählungen (II, 859, 864, 868).Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. z.B. Ingrid Engel, Werther und die Wertheriaden. Ein Beitrag zur Wirkungsgeschichte (St. Ingbert, 1986), S. 182 zum Waldbruder: „Durch die Vielzahl der Korrespondenten wird die innere Geschlossenheit des Werkes zerstört… Der Anspruch, ein Pendant zum Werther zu sein, wird qualitativ und formal nicht erfüllt.“Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. dazu den „Exkurs wider den Einfluß“ bei Michael Baxandall, Ursachen der Bilder. Über das historische Erklären von Kunst [zuerst engl. als Patterns of Intention,New Haven, 1985] (Frankfurt/Main, 1990), S. 102–105.Google Scholar
  5. 5.
    Vgl. Harold Bloom, The Anxiety of Influence. A Theory of Poetry (New York, 1973), passim, insb. S. 5ff., 30, 43. Blooms in mehreren Büchern entwickeltes System dient der hier vorliegenden Interpretation als Inspirationsquelle, kann aber nicht in all seinen Momenten auf Lenz’ Texte „appliziert“ werden, da es nicht allgemeingültig zu sein behauptet. Einerseits nämlich ist Bloom ausschließlich an lyrischer Dichtung in englischer Sprache orientiert, andererseits stellt er Prozesse dar, in denen Vorgänger und Nachfolger durch größere Zeiträume getrennt sind als dies bei Goethe und Lenz der Fall gewesen.Google Scholar
  6. 6.
    Vgl. J. W. v. Goethe, Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit in: Werke,Hamburger Ausgabe (München, 1948ff.), X, 8: „und so litt [Lenz] im allgemeinen von der Zeitgesinnung, welche durch die Schilderung Werthers abgeschlossen sein sollte.“Google Scholar
  7. 7.
    Bloom beschränkt sich gerade auf die von ihm so genannten „strong poets“ (Anxiety,S. 5) und betont ausdrücklich, daß „poetic influence need not make poets less original; as often it makes them more original” (S. 7).Google Scholar
  8. 8.
    Vgl. Anxiety,S. 14 u. 19–45. Die Bewertung des Vorgangs als „absichtsvoll“ schließt ihr Gegenteil nicht aus: the clinamen always must be considered as though it were simultaneously intentional and involuntary” (S. 44f.). Diese paradoxe Anweisung auszuhalten ist notwendig, weil nur so zwei komplementäre Gefahren der Reduktion vermieden werden können: Würde man sich für die Absichtlichkeit des Vorgangs entscheiden, so könnte der Text nichts darstellen, was der Kontrolle seines Autors entginge; würde man sich für die Absichtslosigkeit entscheiden, so unterstellte man dem Autor eine unangemessene Naivität.Google Scholar
  9. 9.
    Und tatsächlich hielt ja der (von Lenz aufgesetzte) Kontrakt zwischen den realen Vorbildern Cleophe Fibich und Friedrich Georg von Kleist nicht, was er versprach, da Kleist nicht dazu gezwungen werden konnte, sich an ihn zu halten. Vgl. Sigrid Damm, Vögel, die verkünden Land. Das Leben des Jakob Michael Reinhold Lenz (Frankfurt/Main, 19892), S. 125ff.Google Scholar
  10. 10.
    In A Map of misreading,(New York, 1975), 83–105, ordnet Bloom seinen sechs Stadien des poetischen Revisionsprozesses ebensoviele, für diese jeweils charakteristische, „Master Tropes“ zu.Google Scholar
  11. 11.
    Bloom (vgl. Map,S. 84) ordnet freilich dem ersten Stadium des Revisionsprozesses die Ironie als dessen rhetorische Darstellung zu. Doch kann man die Aposiopesis als Mikrostruktur jener Dialektik von An-und Abwesenheit beschreiben, von welcher der Revisionsprozeß seinen Ausgang nimmt.Google Scholar
  12. 12.
    Die Leiden des jungen Werthers (Leipzig, 1774) wird hier wie im Folgenden nach einem Reprint der Erstausgabe zitiert (z.B. Dortmund, 1978) und durch bloße Angabe der Seitenzahl mit der Sigel WL im fortlaufenden Text belegt.Google Scholar
  13. 13.
    Goethes Werke,herausgegeben im Auftrag der Großherzogin Sophie von Sachsen (Weimar, 1887ff.), Abt. IV, Bd. iii, 111.Google Scholar
  14. 14.
    Vgl. zum „Herz“ im Pietismus: Historisches Wörterbuch der Philosophie begr. von J. Ritter, III (Basel, 1974), Sp. 1109, sowie August Langen, Der Wortschatz des Pietismus (Tübingen, 19682), passim (zu Goethe: S. 458ff.).Google Scholar
  15. 15.
    Vgl. René Michéa, „Les notions de ‘coeur’ et d“âme’ dans `Werther’,” Etudes Germaniques,23 (1968), 1–11, der die Synonymie beider Wörter behauptet (hier: S. 7), obwohl er für manche Aspekte nur Belege mit „Seele“, für andere nur solche mit „Herz” anführt.Google Scholar
  16. 16.
    Georg Christoph Lichtenberg, Schriften und Briefe,hg. von Wolfgang Promies (München, 1968ff.), I, 508.Google Scholar
  17. 17.
    Bloom (vgl. Anxiety,S. 8, 56f., 62) zufolge träumt der Nachfolger im Prozeß der poetischen Revision einen Familienroman. Auffallend genug fehlt der Name von Herz’ Vater. Ist es der „Bruder“ des Pandämonium Germanicum,der Bräutigam (oder die Braut) der verlorenen Schrift Über unsere Ehe?Google Scholar
  18. 18.
    K. R. Eissler, Goethe. Eine psychoanalytische Studie 1775–1786, hg. von. Rüdiger Scholz (Basel, 1983 ), I, 69.Google Scholar
  19. 19.
    Vgl. die detaillierten Rekonstruktionen bei Thomas Heine, „Lenz’s `Waldbruder’: Inauthentic Narration as Social Criticism,“ German Life and Letters,33 (1979/80), 183–89, sowie Karin A. Wurst, „Überlegungen zur ästhetischen Struktur von J. M. R. Lenz’,Der Waldbruder…`,” Neophilologus,74 (1990), 70–86. Jürgen Stötzer, Das vom Pathos der Zerrissenheit geprägte Subjekt. Eigenwert und Stellung der epischen Texte im Gesamtwerk von J. M. R. Lenz (Frankfurt/Main, 1992), 82–105, bringt zum Waldbruder wenig Neues.Google Scholar
  20. 20.
    Wurst („Überlegungen zur ästhetischen Struktur,“ S. 81f.) widerspricht mit guten Gründen Heines Annahme („Lenz’s Waldbruder’,” S. 183 und 186), Honestas Berichte seien im Gegensatz zu denen aller anderen zuverlässig.Google Scholar
  21. 21.
    Die mehrfache Nennung von Wieland neben Goethe legt eine - vielleicht irreführende - Spur. Gewiß stand Lenz zu Wieland in einem offenkundiger gespannten Verhältnis als zu Goethe, doch war dies vorwiegend ein literaturpolitisches, nicht eines poetischer Rivalität. Immerhin findet Lenz in der Verteidigung des Herrn W. gegen die Wolken zur drastischsten Formulierung über literarischen Einfluß: „So viele sind unter seiner alles verzehrenden Influenz ohnmächtig hingesunken“ (II, 715). (Die hier naheliegende Assoziation versagt sich auch Bloom, Anxiety,S. 95, nicht: „Influence is Influenza - an astral disease.”)Google Scholar
  22. 22.
    Vgl. Bloom, Anxiety,S. 14 u. 49–73 (das Zitat: S. 14).Google Scholar
  23. 23.
    Vgl. Rudolf Käser, Die Schwierigkeit, ich zu sagen. Rhetorik der Selbstdarstellung in Texten des „Sturm und Drang“: Herder–Goethe–Lenz (Bern, 1987 ), S. 358–371.Google Scholar
  24. 24.
    Käser, Die Schwierigkeit, ich zu sagen,S. 363.Google Scholar
  25. 25.
    Vgl. Heine, „Lenz’s `Waldbruder’,“ S. 186, sowie Wurst, „Überlegungen zur ästhetischen Struktur,” S. 70.Google Scholar
  26. 26.
    Vgl. Bloom, Anxiety,S. 14f u. 77–92, insb. S. 91.Google Scholar
  27. 27.
    Vgl. Heine, „Lenz’s Waldbruder’,“ S. 184, sowie Bruce Kieffer, The Storm and Stress of Language. Linguistic Catastrophe in the Early Works of Goethe, Lenz, Klinger, and Schiller (Philadelphia, 1986), S. 73f. Das Folgende berührt sich mit Kieffers Kapitel „Lenz: Language against Reason”, S. 59–81, wo dieser die Thematisierung und Problematisierung der Sprache in Der Hofmeister und Die Soldaten differenziert herausarbeitet.Google Scholar
  28. 28.
    Vgl. Lenz’ Satz „Ich freue mich himmlische Freude, daß Du mein Stück gerade von der Seite empfindest auf der ichs empfunden wünschte, von der politischen“ (III, 353; an Herder, 20. 11. 1775). Anders als David Hill, „`Das Politische’ in Die Soldaten,” Orbis Litterarum,43 (1988), 299–315, insb. S. 300, gehe ich davon aus, daß Lenz auch hier, nicht nur im Drama selbst, das Wort „politisch“ im weiten Sinne versteht.Google Scholar
  29. 29.
    Johann Christoph Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart (Leipzig, 1793–18012), III, Sp. 803.Google Scholar
  30. 30.
    Vgl. auch den Interpretationsvorschlag von Kieffer, The Storm and Stress of Language,S. 80, demzufolge die Änderung den Schwerpunkt auf das Problem legt, wie der Reformvorschlag seinen Adressaten findet. Dieses kommunikative Problem ist es, welches auch dem Verfasser der Schrift Über die Soldatenehen als das vordringlichste erscheint.Google Scholar
  31. 31.
    Dies als Ergänzung zu Hill, „`Das Politische’ in Die Soldaten, insb. S. 308ff., der den Schwerpunkt von der Kritik an „class-based power” zu der an „gender-based power“ verlagert.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1994

Authors and Affiliations

  • Robert Stockhammer

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