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Optische Metaphorik und theologischer Sinn in Lenz’ Poesie-Auffassung

  • Martin Rector

Zusammenfassung

Lenz spricht gern in Bildern, Metaphern, Allegorien, und zwar nicht nur als Poet, wo es am Platze scheint und goutiert wird, sondern auch, wenn er räsonniert und theoretisiert, in seinen Vorträgen, Abhandlungen und Rezensionen. Eine steifleinerne Kritik hat ihm das seit jeher übel genommen, hat ihm mangelnde begriffliche Schärfe und gedankliche Zucht angekreidet; umgekehrt haben ihm wohlwollende Liebhaber gerade diese Auflösung des orthodoxen Diskurses in metaphorische Assoziationen und pittoreske Digressionen, meist mit Hinweis auf Hamann und Herder, ebenso pauschal als Tugend angerechnet und unter die Sturm-und-Drang-Opposition gegen das „tintenklecksende Säculum“ abgebucht. Auf der Strecke geblieben ist bis heute eine genaue sprachliche Entzifferung der Texte selber, vor allem derjenigen, in denen sich jene geistreich-skurille Sprunghaftigkeit von Lenz’ Ausdrucksnatur, die Goethe vermutlich ziemlich treffend als „whimsical“ bezeichnete, mit höchstem Problem-Niveau und gedanklicher Originalität, wenn auch nicht mit widerspruchsfreier Geschlossenheit verbindet. Weder zu der theologischen Hauptschrift Meinungen eines Laien den Geistlichen zugeeignet noch zu der ungleich intensiver rezipierten ästhetischen Programmschrift Anmerkungen übers Theater existiert bis heute ein Lesekommentar, der nicht nur die angespielten Realien, Namen und Zitate identifiziert, sondern auch die sprachlichen Mittel und die argumentative Strategie des Verfassers en detail rekonstruiert.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Zu „Bild“ vgl. z.B. II, 622 und 648; zu „Pinsel” I, 326; zu „Gemälde“ vgl. unten Abschnitt V.Google Scholar
  2. 2.
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    In dem Standardwerk von Gerhard Sauder, Empfindsamkeit,I [Voraussetzungen und Elemente] (Stuttgart, 1974), gibt es kein Kapitel über ein empfindsames Sehen. - Einen ersten Überblick über die kulturgeschichtliche Bedeutung des Augensinns (mit einem brauchbaren Literaturverzeichnis) gibt Thomas Kleinspehn, Der flüchtige Blick. Sehen und Identität in der Kultur der Neuzeit (Reinbek, 1989), zur Aufklärung bes. 5. 164–184. Vgl. auch das anregende Kapitel über „Jean-Jacques Rousseau und die Gefahren der Reflexion“ in Jean Starobinski, L’oeil vivant (1961), deutsche Übersetzung von Henriette Beese unter dem Titel Das Leben der Augen,Ullstein Materialien, 35208 (Berlin, 1984), S. 67–146.Google Scholar
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    Vgl. die zusammenfassende Paraphrase bei Paul Heinrichsdorf, J. M. R. Lenzens religiöse Haltung (Berlin, 1932), S. 64ff.Google Scholar
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Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1994

Authors and Affiliations

  • Martin Rector

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