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Nachmärz pp 306-311 | Cite as

Der Shawl des Theodor Storm. Oder: Das Schreiben und der Markt

Ein literarhistorisches Divertimento
  • Horst Ohde

Zusammenfassung

Als Einstieg, besser als Aufhänger habe ich mir einen Schal ausgesucht, einen, in dessen Gestricktem mir Eigentliches und Uneigentliches verwebt zu sein scheint. Ob er haltbar genug ist, wird sich zeigen. Beginnen möchte ich mit einer kleinen Anekdote. Ich meine jene Beschreibung, die dem Autor Theodor Storm durch den Autor Theodor Fontane in dessen Erinnerungen “Von Zwanzig bis Dreißig” widerfährt. In der autobiographischen Schrift von 1896 ist es das Kapitel, das dem längst verstorbenen Tunnel-Kollegen Storm gewidmet ist und in dem von einem Besuch des damaligen Heiligenstädter Kreisrichters in der Metropole Berlin die Rede ist. Man schreibt das Jahr 1862. Die beiden Schriftstellerkollegen flanieren durch den Tiergarten, und Storm redet wie so oft über sein Lieblingsthema, “wie Lyrik eigentlich sein müsse”. Dann möchte Storm zum Frühstücken ins “Kranzler”, eine Vorstellung, die bei Fontane eine gewisse Nervosität hervorruft:

Ich bekenne, daß ich ein wenig erschrak. Storm war wie geschaffen für einen Tiergartenspaziergang an dichtbelaubten Stellen, aber für Kranzler war er nicht geschaffen. Ich seh ihn noch deutlich vor mir. Er trug leinene Beinkleider und leinene Weste von jenem sonderbaren Stoff, der wie gelbe Seide glänzt und sehr leicht furchtbare Falten schlägt, darüber ein grünes Röckchen, Reisehut und Shawl. Nun weiß ich sehr wohl, daß gerade ich vielleicht derjenige deutsche Schriftsteller bin, der in Sachen gestrickter Wolle zur höchsten Toleranz verpflichtet ist, denn ich trage selber dergleichen. Aber zu soviel Bescheidenheit ich auch verpflichtet sein mag, zwischen Shawl und Shawl ist doch immer noch ein Unterschied. Wer ein Mitleidender ist, weiß, daß im Leben eines solchen Produkts aus der Textilindustrie zwei Stadien zu beobachten sind: ein Jugendstadium, wo das Gewebe mehr in die Breite geht und noch Elastizität, ich möchte sagen, Leben hat, und ein Altersstadium, wo der Shawl nur noch eine endlose Länge darstellt, ohne jede zurückschnellende Federkraft. So war der Stormsche. Storm trug ihn rund um den Hals herum, trotzdem hing er noch in zwei Strippen vom herunter, in einer kurzen und einer ganz langen. An jeder befand sich eine Puschel, die hin und her pendelte. (Fontane 1982, 220)

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Literatur

  1. Theodor Fontane, 1982: Autobiographische Schriften. Band IL Von Zwanzig bis Dreißig. Hg. v. Gotthard Erler u.a. Berlin und WeimarGoogle Scholar
  2. Theodor Storm, 1972: Briefe. Bd. 1 und 2. Hg. v. Peter Goldammer. Berlin und WeimarGoogle Scholar
  3. Theodor Storm, 1978: Sämtliche Werke in vier Bänden. Hg. v. Peter Goldammer. Berlin und WeimarGoogle Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1996

Authors and Affiliations

  • Horst Ohde

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