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Nachmärz pp 256-272 | Cite as

Die Erfindung des Homosexuellen Ein Motiv der Wissenschaft und Literatur des 19. Jahrhunderts

  • Thomas Sparr

Zusammenfassung

Am Anfang ein Ende: Als Marcel Proust im Jahr 1908 seinen Aufsatz “La Race Maudite” schreibt, hat er nicht nur die Zeitungsnachrichten über einen Gerichts-prozeß in Berlin vor Augen und den Dreyfus-Prozeß in Erinnerung, er gibt auch der Figur des Homosexuellen, wie er sie um die Jahrhundertwende vorfindet, Gestalt. So sollte sein Roman ursprünglich nicht “A la Recherche du Temps perdu”, sondern “Sodome et Gomorrhe” heißen und zu einer poetischen Phänomenologie des Homosexuellen und seiner Lebenswelt werden. Das kommt einem Fazit gleich, denn Proust führt die figurativen Elemente zusammen, aus denen sich das Bild des Homosexuellen im 19. Jahrhundert zusammensetzt, ein Bild, an dem Naturwissenschaftler und Gerichtsmediziner, Schriftsteller und Journalisten zusammen arbeiten und das auch für das 20. Jahrhundert verbindlich sein wird. “La Race Maudite” ist Rückblick und Ausblick in einem.1 Dieser Aufsatz birgt wie ein Keim alle Motive und Themen von Prousts späterem Romanwerk, das auch “A la Recherche de Sodome et Gomorrhe” hätte heißen können. “Wie konnte er und warum konnte er sich so sehr für die sexuelle Inversion interessieren?”, fragt ein halbes Jahrhundert später Ingeborg Bachmann in Blick auf Marcel Proust: “Warum ist seine Welt zur Hälfte bevölkert mit Menschen wie Charlus und Morel, Jupien und Saint-Loup, und auf der anderen Seite mit Mademoiselle Vinteuil und deren Freundin, mit Albertine und Esther?” (Bachmann 1978, 4, 159) Ingeborg Bachmanns Antwort, daß Proust in diesen Figuren die menschliche Erfahrung schlechthin besonders verdichtet habe ausdrücken wollen, ist gewiß nicht verkehrt.

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  • Thomas Sparr

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