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Was heißt und zu welchem Ende studiert man Repräsentation?

  • Dietrich Herzog
Chapter
Part of the Schriften des Zentralinstituts für sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin book series (SZFB)

Zusammenfassung

In der Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens behaupten sich alte Denkmuster oft mit stupender Konstanz. Sie konservieren nicht nur Bilder vergangener Wirklichkeiten, sie prägen auch unsere Theorien über die Gegenwart, beeinflussen unsere Erwartungen und kanalisieren unsere empirischen Forschungen. Aber sie treffen vielleicht nicht mehr die Realität. Dann werden unsere Erkenntnisse trügerisch, unsere Reformvorschläge unrealistisch. Vor dieser Gefahr eines scientific lag steht ein Teil der gegenwärtigen empirischen Forschungen über parlamentarische Repräsentation. Nicht daß Innovationen fehlten: Spätestens seit den sechziger Jahren hat die “behavioristische Revolution”, oder genauer: die systematische empirisch-quantitative Analyse, auch die Soziologie moderner parlamentarischer Repräsentativsysteme erfaßt. Dabei sind, ausgehend von der amerikanischen Forschung, u.a. das (Abstimmungs-)Verhalten von Abgeordneten, ihr Rollenverständnis, ihre kommunikativen Aktivitäten und vor allem die Beziehungen zwischen Wählern und Gewählten oder zwischen Parlament und gesellschaftlichen Organisationen ins Blickfeld gebracht worden2.

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Literatur

  1. 1.
    Dieser Beitrag ist die revidierte Fassung eines Vortrages, den der Verfasser auf einer Tagung der Sektion “Politische Soziologie” der DVPW in Berlin (4.–6 Juli 1985) gehalten hat. Für die Titelformulierung ist er Friedrich Schiller verpflichtet.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. John D.Wahlke/Heinz Eulau/William Buchanan/Leroy C.Ferguson, The Legislative System, New York: John Wiley 1962;Google Scholar
  3. 2a.
    D. R. Matthews, U.S.Senators and Their World, Univ. of North Califonia Press: Chapel Hill 1960;Google Scholar
  4. 2b.
    Heinz Eulau/K. Prewitt, Labyrinths of Democracy, Indianapolis: Bobbs-Merrill 1973;Google Scholar
  5. 2c.
    James D.Barber, The Lawmakers, New Haven: Yale Univ. Press 1965;Google Scholar
  6. 2d.
    Heinz Eulau/J. D. Wahlke (Hrsg.), The Politics of Representation, London: Sage 1978;Google Scholar
  7. 2e.
    Warren E.Miller/D. Stokes, Constituency Influence in Congress, in: Am.Pol.Sc.Rev., 57 Jg., S.45–56; 1794Google Scholar
  8. 2f.
    M.P. Fiorina, Representatives, Roll Calls, and Constituencies, Lexington: Heath 1974;Google Scholar
  9. 2g.
    Samuel Barnes, Representation in Italy, Chicago: Univ. of Chicago Press 1977;Google Scholar
  10. 2h.
    Philip E.Converse/Roy Pierce, Political Representation in France, Cambridge, Mass.: Belknap Press 1986.Google Scholar
  11. 3.
    Die Einbeziehung dieses “weiteren Kontextes” ist wichtig, weil anderenfalls die Frage gestellt werden könnte, weshalb ich mich mit meinen Überlegungen nicht an dem probaten Funktionskatalog orientiere, der seit Bagehot (The English Constitution, 1867) zur Analyse des Parlamentarismus verwendet wird. Aber die Addition von (Parlaments-)Funktionen ergibt noch kein theoretisches System. Und zudem müssen wir — wie zu zeigen sein wird — von einer Parlamentsperspektive wegkommen, wenn wir das parlamentarische Repräsentativsystem insgesamt verstehen wollen.Google Scholar
  12. 4.
    Man denke an die deprimierende Dauerkonjunktur des Antiparlamentarismus in Kreisen der deutschen Intelligenz, wie sie von Hartmut Wasser (Parlamentarismuskritik vom Kaiserreich zur Bundesrepublik, Stuttgart: Frommann-Holzboog 1974) dokumentiert worden ist.Google Scholar
  13. 5.
    Das Phänomen des “cultural lag”, hier spezifischer: des “scientific lag”, hat zunächst nichts mit dem bekannten Spannungsverhältnis zwischen “Verfassungsnorm” und “Verfassungswirklichkeit” zu tun. Letzteres ist allenthalben und für eine lebendige Verfassungswirklichkeit unentbehrlich. Aber unsere sozialwissenschaftlichen Theorien sind nicht “Normen”, sondern geistige Konstrukte zum Verstehen von Wirklichkeit. Diese Chance kann durch die Orientierung an überholten Theorien vereitelt werden. Dazu ein zweites: Wenn wir im folgenden von Theorien handeln, so nicht im Sinne von Vorgaben, die sich unmittelbar zur Überprüfung durch empirische Forschung anbieten. Sie sind — viel wichtiger — allgemeine Orientierungsrahmen, um sinnvolle Forschungsfragen entwickeln zu können.Google Scholar
  14. 6.
    Vgl. u.a. Hanna F. Pitkin, The Concept of Representation, Berkeley: Univ. of California Press 1967;Google Scholar
  15. 6a.
    Hasso Hofmann, Repräsentation, Berlin: Duncker und Humblot 1974.Google Scholar
  16. 7.
    Vgl. Karl Loewenstein, Zur Soziologie der parlamentarischen Repräsentation in England nach der großen Reform, in: Beiträge zur Staatssoziologie, Tübingen: Mohr 1961.Google Scholar
  17. 8.
    Ernst Fraenkel (Deutschland und die westlichen Demokratien, Stuttgart: Kohlhammer3 1968) hat wiederholt mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß nach englischem (und von ihm präfe-rierten) Verfassungsverständnis das Parlament die “Repräsentantin” der verschiedenen “interests” der Nation ist. Seine Vorstellung vom Parlament als dem “Spiegelbild” einer “pluralistischen Gesellschaft” wie auch seine “Gemeinwohl”-Norm minderte indes die Bedeutung seiner Einsicht. Wir müssen sie zuspitzen: Das Parlament repräsentiert auch “Interessen”, aber keineswegs alle und schon gar nicht irgendwie proportional.Google Scholar
  18. 9.
    Dietrich Herzog, Politische Karrieren, Opladen: Westdeutscher Verlag 1975.Google Scholar
  19. 10.
    Vgl. Gerhard Leibholz, Strukturprobleme der modernen Demokratie, Frankfurt a.M.: Athenäum 1974.Google Scholar
  20. 11.
    So lautet die “herrschende Lehrmeinung”. Friedrich Schäfer (Der Bundestag, Opladen: Westdeutscher Verlag 1982) hat sie kodifiziert.Google Scholar
  21. 11a.
    Auch Heinrich Oberreuter (Parlamentsreform, Passau: Passania Univ. Verlag 1981, S. 25), mit dessen modernem Parlamentsverständnis ich im übrigen weit übereinstimme, meint, das Parlament besitze “das Monopol unmittelbarer demokratischer Legitimation durch Wahl”. Aber die Art der Bestellung eines Staatsorgans besagt allein noch nichts über seine Bedeutung im politischen Willensbildungs- und Entschei-dungsprozeß.Google Scholar
  22. 12.
    Wir müßten das natürlich relativieren. In föderativen Ordnungen kann die Rechtssetzungsbefugnis des Parlaments mit anderen Organen geteilt sein. Die Verfassung des Deutschen Reiches von 1871 sah eine Gleichrangigkeit von Reichstag und Bundesrat im Gesetzgebungsverfahren vor, die Rolle des Bundesrates nach dem Grundgesetz ist ähnlich stark, wenn auch bekanntlich bei “einfachen” und “zustimmungsbedürftigen” Gesetzen verschieden geregelt. Für unsere Argumentation reicht jedoch die vergröbernde Darstellung aus.Google Scholar
  23. 13.
    Zu dem selben Ergebnis kommt man auch bei umgekehrter Blickrichtung. Wenn ein Partei-, Oppositions- oder Regierungschef keine Wählerstimmen mehr zu mobilisieren vermag, ist es gewöhnlich die eigene Fraktion, die ihn stürzt, natürlich zweckmäßigerweise vor Wahlen.Google Scholar
  24. 14.
    Hier befinde ich mich schon auf gesicherterem Terrain. Viele Autoren haben es aufgeschüttet: Walter Bagehot, The English Constitution, Oxford Univ. Press 1958; Fraenkel, Deutschland (Anm. 9);Google Scholar
  25. 14a.
    Winfried Steffani, Parlamentarische und präsidentielle Demokratie, Opladen: Westdeutscher Verlag 1979;Google Scholar
  26. 14b.
    Emil Hübner/Heinrich Oberreuter, Parlament und Regierung, München: Ehrenwirth 1977;Google Scholar
  27. 14c.
    Heinz Rausch, Bundestag und Bundesregierung, München: Beck 1976.Google Scholar
  28. 15.
    Ich übernehme diesen Begriff von Wilhelm Hennis (Die Rolle des Parlaments in der Par-teiendemokratie,in: Richard Löwenthal /Hans-Peter Schwarz (Hrsg.), Die zweite Republik -25 Jahre Bundesrepublik Deutschland, Stuttgart: Seewald 1974). Als “Dual-System” taucht dieser Begriff bereits 1926 bei Herbert Sultan (Zur Soziologie des modernen Parteiensystems, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik) auf, der sich wiederum auf eine Begriffsdefinition von Sidney Low aus dem Jahre 1908 beruft.Google Scholar
  29. 16.
    Grundlegend dazu Eberhard Schütt-Wetschky, Grundtypen parlamentarischer Demokratie, Freiburg/München: Karl Alber 1984. Vergl. auch die aufschlußreiche Kontroverse in der Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament: Aus Politik und Zeitgeschichte vom 28. Nov. 1987 und 25. März 1988.Google Scholar
  30. 17.
    Uwe Thaysen, Parlamentarisches Regierungssystem in der Bundesrepublik Deutschland, Opladen: UTB 1976.Google Scholar
  31. 18.
    In bestimmten Situationen kann ein Parlament eine führende Rolle erhalten. Das ist z.B. während der Großen Koalition 1966–1969 in der Bundesrepublik der Fall gewesen (s. Heribert Knorr, Der parlamentarische Entscheidungsprozeß während der Großen Koalition 1966–1968, Meisenheim: Hain 1975). Solche Ausnahmen bestätigen aber nur die Regel.Google Scholar
  32. 19.
    Dies ist übrigens auch durch das Grundgesetz gestützt. Geht doch nach Art. 20, 2 alle Staatsgewalt vom Volke aus, wobei nun aber das Recht ihrer Ausübung keineswegs dem Parlament vorbehalten bleibt, sondern — ohne Rangordnung — mehreren Staatsorganen (sowie dem Volk selbst) zugewiesen wird.Google Scholar
  33. 20.
    Amitai Etzioni, The Active Society, New York: Free Press 1968.Google Scholar
  34. 21.
    Dazu könnte vielleicht die haarsträubende deutsche Übersetzung beigetragen haben. Allerdings läßt sich Etzionis Theorie nicht eben leicht in empirische Analysen umsetzen.Google Scholar
  35. 22.
    Dieser Punkt ist theoretisch von größter Bedeutung. Denn das in der”kybernetischen Systemtheorie” (z.B. Karl W. Deutsch, Politische Kybernetik, Freiburg 1969) häufig zugrunde gelegte Modell von “Regelkreisen” (der Kommunikation zwischen prinzipiell gleichartigen oder gleichgewichtigen Einheiten) kann für die Analyse politischer (oder allgemeinen sozialer) Systeme nicht sinnvoll zur Anwendung gebracht werden. Was für technische oder organische Systeme gelten mag, sollte nicht einfach für politische adaptiert werden. Denn in ihnen geht es nicht nur um Kommunikation, sondern auch um Interessen, Macht, Entscheidungen, Legitimation und nicht zuletzt auch um die Konstruktion, Aufrechterhaltung oder Veränderung jener “Regelkreise”. Dafür ist die Konzeption eines wie immer gearteten und wie effizient auch immer handelnden “Steuerungszentrums” unabdingbar.Google Scholar
  36. 23.
    Leider ist Hermann Heller (Staatslehre, Leiden: Sijthoff 1934) nicht mehr zu der geplanten Erweiterung seiner Staatslehre gekommen, für die auch eine Funktionsanalyse des Parlaments vorgesehen war. Seine allgemeine Konzeption des Staates als eines “Handlungs- und Entscheidungszentrums” (statt lediglich eines Institutionen- oder Normensystems) läßt aber deutlich erkennen, daß vermutlich auch seine Funktionsbeschreibung des Parlaments in einer Verknüpfung handlungstheoretischer und institutioneller Ansätze vorgenommen worden wäre.Google Scholar
  37. 24.
    Vielleicht ist es zweckmäßiger, den Druck-Gegendruck-Prozeß als Grenzfall ungenügender, nämlich nur partieller Problemlösung zu sehen.Google Scholar
  38. 25.
    “Interessen” wird hier als Sammelbegriff für Ansprüche, Ziele, Erwartungen usw. verwendet.Google Scholar
  39. 26.
    Ich vermeide so oft wie möglich, den guten deutschen Begriff “Führung” zu verwenden, obwohl er natürlich für dieselbe Sache steht und — wenn nicht ethymoiogisch so doch begriffslogisch — die gleiche Bedeutung hat wie kybernein (griechisch) oder gubernare (lateinisch): steuern, lenken, ein Schiff auf Kurs halten.Google Scholar
  40. 27.
    Suzanne Keller, Beyond the Ruling Class, New York: Random House 1963.Google Scholar
  41. 28.
    In diesem Zusammenhang sei auf noch wenig beachtete Erkenntnisse der modernen Elitentheorie verwiesen. Danach wird die Existenz von Führungseliten nicht, jedenfalls nicht primär und nicht in jedem Fall, auf die gesellschaftliche Ungleichheit bezogen, sondern auf den Steuerungsbedarf komplexer, also interessengespaltener Sozialsysteme (Keller, Beyond; John Higley/G. L. Field/K. Groholt, Elite Structure and Ideology, New York: Columbia Univ. Press 1976). Hier ist ein kybernetischer Ansatz unverkennbar.Google Scholar
  42. 29.
    Eine sinnvolle Erweiterung elitentheoretischer Problemsicht zeigt sich bereits an vielen Stellen. Fragen der Inter-Eliten-Kommunikation, der gesellschaftlich-politischen Organisationsvernetzung, der Rekrutierungsprozesse oder der Eliten-Bevölkerungs-Beziehungen stehen zunehmend auf der Agenda der modernen Elitenforschung.Google Scholar
  43. 30.
    Auch eine Regierung kann bei zu großen inneren Spannungen, die z. B. aus zu engen Bindungen ihrer Mitglieder an spezielle gesellschaftliche Interessen oder parteiinterne Flügel resultieren, an Handlungsfähigkeit verlieren. Dann schlägt die Stunde für einen charismatischen Führer, oder für die Ministerialbürokratie, oder für gesellschaftliche Eliten außerhalb des staatlichen Verantwortungsbereichs, oder es kommt zur Spaltung.Google Scholar
  44. 31.
    Schon Ernst Fraenkel (Deutschland [Anm. 9], S. 62) brachte diesen Tatbestand auf die griffige Formel gebracht: “Für den Anhänger der plebiszitären Demokratie ist politische Entfremdung tabu, für den Anhänger der repräsentativen Demokratie ist sie ein Talisman.”Google Scholar
  45. 32.
    Ich wollte zwar nicht von den bekannten “Parlamentsfunktionen” sprechen, aber an dieser Stelle bietet sich eine wichtige Bemerkung an. Die fünf Funktionen, die Bagehot (The English Constitution, 1867, Kap. V) aufführt, sind keineswegs gleich wichtig. Vielmehr ist die “elective function”, die Wahl der Regierung und damit ihre Unterstützung durch die Parlamentsmehrheit, die eigentliche, das parlamentarische Regierungssystem überhaupt erst konstituierende Funktion. Alles andere bleibt nachgeordnet, auf jene Funktion hin bezogen. Zwar sieht Bagehot auch die Möglichkeit, die Regierung durch das Parlament abzuwählen. Aber er betont und sogar noch erweiternd auf die Opposition: “…the principle of Parliament is obedience to leaders.” Und weiter “The penalty of not doing so, is the penalty of impotence.” Wir brauchen den langen Umweg über eine kybernetische Theorie, um von der landläufigen Schelte der “Fraktionsdisziplin” zu den klassischen Einsichten zurückzugelangen.Google Scholar
  46. 33.
    Heinz Eulau und Alan Abramowitz mögen mir verzeihen. Aber ihre Unterscheidung zwischen “notwendig” (=Partizipation) und “hinreichend” (=Partizipation plus kollektive Entscheidung) wird durch meine Formulierung klarer. Zum Vergleich: “While participatory potential is a necessary condition of democracy, it is not a sufficient condition… A high level of citizen participation does not necessarily mean that the participatory process effectively aggregates individual preferences into a collective choice.” (Eulau/Wahlke, The Politics [Anm. 2], S. 257.)Google Scholar
  47. 34.
    Bine solche Aussage ist weder banal noch utopisch; sie bezeichnet ein bestimmtes Optimum. Außerdem läßt sich damit belegen, daß Auffassungen, wonach die repräsentative Demokratie die Partizipation der Bürger nicht unbedingt brauche (so z.B. Thomas Ellwein, Das Regierungssystem der Bundesrepublik Deutschland, Opladen: Westdeutscher Verlag 1983, S. 113), aus zwingenden theoretischen Einsichten zurückgewiesen werden müssen. Andererseits verbindet sich der kybernetische Ansatz sehr wohl mit der sogenannten Wettbewerbstheorie der Demokratie, wenn und soweit sich die Konkurrenz zwischen (Partei-) Führungsgruppen nicht als Diadochen-Kampf abspielt, sondern im Feld öffentlicher Auseinandersetzungen um Wählerstimmen, also als öffentlicher Kommunikationsprozeß.Google Scholar
  48. 34a.
    Dies wird häufig von der Kritik an Joseph Schumpeter (Capitalism, Socialism, and Democracy, New York: Harper and Row 1950) und an ähnlich argumentierenden Autoren verkannt.Google Scholar
  49. 35.
    Vgl. Morris Janowitz, Social Control of the Welfare State, New York: Elsevier 1976.Google Scholar
  50. 36.
    Es sei wiederholt, daß der “Interessenbegriff” hier in einer sehr generalisierten Bedeutung verwendet wird.Google Scholar
  51. 37.
    In einer solchen Perspektive werden die politischen Parteien keineswegs bedeutungslos. Sie behalten weiterhin wichtige, nicht von anderen Organisationen erfüllbare Funktionen wie die Kandidatenrekrutierung und die Formulierung zusammenfassender Handlungsstrategien. Aber im Interessenaggregations- und Kommunikationsprozeß können sie nur noch ein Medium unter vielen sein.Google Scholar
  52. 38.
    Kurzschlüssige, d.h. direkte Kommunikationen werden bekanntlich immer wieder gesucht, z.B. durch Bürgerinitiativen, Demonstrationen, Volksentscheide, aber auch durch direkte Kontakte hochorganisierter Gruppen mit dem Parlament, mit der Regierung oder der Mini-sterialbürokratie.Google Scholar
  53. 39.
    Für die oft geforderte “Transparenz” parlamentarisch-gouvernementaler Entscheidungen wäre eine Öffentlichkeit aller Gremiensitzungen keineswegs notwendig (ganz abgesehen davon, daß sie auch unpraktisch ist). Selbst eine totale Öffentlichkeit brächte für das politische System insgesamt keinen Informationsgewinn, wenn die Informationsmedien nicht funktionierten.Google Scholar
  54. 40.
    Unter dem Gesichtspunkt der Arbeitsteilung ist auch der “Fachmann fürs Allgemeine” keine contradictio. Man denke nur an die Funktion eines Pressesprechers. Aber wir können noch weitergehen: So wird man in allen komplexen Organisationen neben dem “Fachexperten” auch den “Kommunikationsexperten”, den “Koordinator”, den “Generalisten” usw. als Typen funktionaler Spezialisierung finden.Google Scholar
  55. 41.
    Man muß hier nicht nur an die unrühmlichen “Beraterverträge” denken. Viel allgemeiner folgt aus der kybernetischen Theorie, daß Parlament und Regierung ihre Steuerungskapazität auch in dem Maße erhöhen, wie sie ihr Verfahrens- und Sachwissen nicht im arcanum imperii verbergen, sondern in die externen Subsysteme transportieren.Google Scholar
  56. 42.
    Philip Converse, The Nature of Belief Systems in Mass Politics, in: D. E. Apter (Hrsg.), Ideology and Discontent, New York: Free Press 1964, S. 75–169.Google Scholar
  57. 43.
    Zusammenfassend dazu Robert Putnam, The Comparative Study of Political Elites, Englewood Cliffs: Prentice-Hall 1976, S. 80.Google Scholar
  58. 44.
    Vgl. hierzu u.a. Karl W. Deutsch/J. L. Edinger, Germany Rejoins the Powers, Stanford: Stanford Univ. Press 1959;Google Scholar
  59. 44a.
    Ralf Dahrendorf, Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, München: Piper 1975;Google Scholar
  60. 44b.
    Dieter Roth, Zum Demokratieverständnis von Eliten in der Bundesrepublik Deutschland, Bern: Lang 1976;Google Scholar
  61. 44c.
    Dietrich Herzog, Konsens und Konflikt in der politischen Führungsschicht Berlins, FU Berlin 1985.Google Scholar
  62. 45.
    Daß innerhalb der politischen Führungsschicht eines Landes beträchtliche Differenzen sogar über allgemeine “Grundwerte” bestehen können, ohne daß dies die demokratische Ordnung unmittelbar gefährdet, geht aus Donald Searings Analyse (Rules of the Game in Britain, in: American Journal of Politics, 76. Jg. 1982, S. 239–258) hervor.Google Scholar
  63. 46.
    Man vergißt leider allzu häufig, daß es schon in der klassischen Elitentheorie Traditionen li-beral-pluralistischen Denkens gibt. Das findet sich bereits bei Macchiavelli: “Es sind die Dis-sensen zwischen dem Plebs und dem Senat, die diese (römische) Republik zugleich freiheitlich und mächtig gemacht haben.” Und dann noch einmal verstärkend: “Wer mehr auf den Lärm und das Geschrei solcher Parteienkämpfe sieht als auf deren gute Wirkungen, der bedenkt nicht, daß in jedem Gemeinwesen das Sinnen und Trachten des Volkes und der Großen verschieden ist und daß alle zu Gunsten der Freiheit entstandenen Gesetze nur diesen Auseinandersetzungen zu danken sind” (Discorsi 1.4.)Google Scholar
  64. 47.
    Ich entnehme diesen Kernsatz der bisher interessantesten empirischen Studie über das parlamentarische Repräsentativsystem in der Bundesrepublik: Barbara Farah, Political Representation in West Germany, Ann Arbor Univ. Microfilms 1981. Dasselbe Paradigma liegt der öfter formulierten Forschungsleitfrage zugrunde, “ob die Abgeordneten tatsächlich tun, was ihre Wähler (oder ihre Parteien) von ihnen erwarten” Am ausführlichsten und für einen bestimmten Zweig der empirischen Repräsentationsforschung wirkungsträchtigsten haben Miller und Stokes (Constituency Influence [Anm. 2]) diese Grundidee modelliert.Google Scholar
  65. 47a.
    Vgl. auch die voluminöse Studie von Philip E.Converse/Roy Pierce, Political Representation in France, Cambridge, Mass.: Belknap 1986, der dasselbe Modell zugrunde liegt.Google Scholar
  66. 48.
    Vgl. Russell J. Dalton, Political Parties and Political Representation, Konferenzpapier, Am. Pol. Sc. Ass. 1983.Google Scholar
  67. 49.
    Siehe dazu den instruktiven Sammelband von Russell J. Dalton/S. Flanagan/P. A. Beck (Hrsg.), Electoral Change in Advanced Industrial Democracies, Princeton: Princeton Univ. Press 1984.Google Scholar
  68. 50.
    Ich knüpfe hier an Robert Mettons nützliche Typologie an. Vgl. Robert Merton, Social Theory and Social Structure, Glencoe: Free Press 1975, S. 140.Google Scholar
  69. 51.
    Ausführlicheres hierzu Etzioni, Active Society (Anm. 20), S. 469 ff.Google Scholar
  70. 52.
    Herbert Uppendahl, Repräsentation und Responsivität, in: Zeitschrift fir Parlamentsfragen, 12. Jg. 1981, S. 123–134.Google Scholar
  71. 53.
    Hier eignet sich das gebräuchliche deutsche Wort besser als “Responsibilität”, was häufig, aber unglücklich, aus dem englischen “responsibility” abgeleitet wird.Google Scholar
  72. 54.
    Ich wiederhole, daß “Rückmeldung” auch Protest und alles das sein kann, was man unter “unkonventionellem politischen Verhalten” zusammenfaßt. Nur ist die Chance wirkungsvoller Rückmeldung um so geringer, je selektiver eine Organisation die Informationen von außen aufnimmt und je schlechter, z.B. vorurteilsgesteuerter, sie diese intern verarbeitet.Google Scholar
  73. 54.
    Etzioni, Active Society, (Anm. 20), S. 504 ff.Google Scholar
  74. 56.
    Edward Shils (The Political Class in the Age of Mass Society, in: Moshe M. Czudnowski [Hrsg.], Does Who Governs Matter ?, DeKalb Ill.: Northern Illinois Univ. Press 1982, S. 13–32) hat in einem interessanten Aufsatz dasselbe Problem elitentheoretisch aufgegriffen. Unter dem Druck immer neuer Erwartungen aus der Bevölkerung würden die politischen Führungsgruppen hoffnungslos überlastet. Sie würden unfähig zu langfristigen Entscheidungen. aber das ist nur ein Scenario. Es kommt auf die innere Struktur der politischen Führungsgruppen an, ob sie jene vielfältigen Erwartungen verarbeiten können.Google Scholar
  75. 57.
    In diesem Zusammenhang sollte darauf hingewiesen werden, daß die moderne Partizipationsforschung den theoretischen Kern der Civic-Culture-Studie (Gabriel Almond/Sidney Verba, The Civic Culture, Princeton: Princeton Univ. Press 1963) oft vergißt. Die vielen neueren Untersuchungen zugrundeliegende Annahme: “je mehr Partizipation, desto besser”, bleibt theoretisch gehaltlos (und praktisch unerfüllbar). Die für die “civic culture” charakteristische Mischung aus Aktivität und Akzeptanz fügt sich dagegen in die seit Aristoteles die abendländische Diskussion durchziehende Theorie der “gemischten Verfassung”. Es käme sehr wohl darauf an, die gesellschaftlichen (statt lediglich die individuellen) Bedingungen einer solchen politischen Kultur aufzufinden.Google Scholar
  76. 58.
    Offenbar kommt auch Hannah Pitkin (The Concept [Anm. 6], S. 221) am Ende ihrer ausführlichen Erörterung verschiedener Konzeptualisierungen von “Responsivität” zu dem Ergebnis, daß Repräsentation letztlich nicht als (duale) “Beziehung” (zwischen zwei individuellen oder kollektiven Akteuren), sondern als “System” (komplexer Interaktionen) verstanden werden muß. Repräsentation ließe sich weder auf die Vorstellung des an den Willen seiner Wähler gebundenen “Delegierten” noch auf die des unabhängigen “Anwalts” oder auf jene des Parteirepräsentanten reduzieren: “Political representation is primarily a public, institutionalized arrangement involving many people and groups, and operating in the complex ways of large-scale social arrangements. What makes it representation is not any single action by any one participant, but the over-all structure and functioning of the system, the pattern emerging from the multitude activities of many people.”Google Scholar
  77. 59.
    Siehe u. a. John Wahlke et al., The Legislative System, New York: Wiley 1962;Google Scholar
  78. 59a.
    Donald R. Matthews, US. Senators and Their World, Chapel Hill: North Carolina Press 1960;Google Scholar
  79. 59b.
    Heinz Eulau/J. D. Sprague, Lawyers in Politics, Indianapolis 1964;Google Scholar
  80. 59c.
    Heinz Eulau/K. Prewitt, Labyrinths of Democracy, Indianapolis: Bobbs-Merrill 1973;Google Scholar
  81. 59d.
    James D. Barber The Lawmakers, New Haven: Yale Univ. Press 1965;Google Scholar
  82. 59e.
    Heinz Eulau/J. D. Wahlke (Hrsg.), The Politics of Representation, London: Sage 1978.Google Scholar
  83. 60.
    Einen bescheidenen Versuch habe ich in meiner Untersuchung über “Politische Karrieren” (Anm. 10) unternommen, allerdings nur für das Binnenverhältnis im Deutschen Bundestag.Google Scholar
  84. 61.
    Es ist schade, daß sich bisher noch niemand gefunden hat, eine inzwischen stattliche Fundgrube, nämlich die zahlreichen Selbstzeugnisse von Abgeordneten über ihr Politikerleben, systematisch auszuwerten.Google Scholar
  85. 62.
    Vgl. Paul Kevenhörster/ W. Schönbohm, Zur Arbeits — und Zeitökonomie von Bundestagsabgeordneten, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, 4. Jg. 1973, S. 18–37.Google Scholar
  86. 63.
    Vgl. Bernhard Badura/J. Reese, Jungparlamentarier in Bonnihre Sozialisation im Deutschen Bundestag, Stuttgart: Frommann-Holzboog 1976.Google Scholar
  87. 64.
    Allerdings halte ich manche Interpretationen der Autoren für überzogen, z.B. ihre Gleichsetzung von Sozialisation und “Anpassungsdruck” oder ihre Verwechslung von (parlamentarischer) Hierarchie mit “Subordination”. Möglicherweise haben gewisse zeitbedingte Moden radikaler “Herrschaftskritik” einer einsichtigeren Auslegung im Wege gestanden. Siehe dazu die Kritiken und Anti-Kritiken in: J. Reese u. a., Einstellungswandel bei neuen Abgeordneten im Bundestag, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 18.9.1976.Google Scholar
  88. 65.
    Eulau/Wahlke The Politics (Anm.59)Google Scholar
  89. 66.
    Rede an die Wähler von Bristol, abgedr. in: Otto Heinrich von der Gablentz, Die politischen Theorien seit der Französischen Revolution, Bd. 3, Opladen: Westdeutscher Verlag 1957. S. 49 f. Es ist interessant, daß verhältnismäßig wenige Sätze, wenn sie nur gut formuliert sind, Wissenschaftsgeschichte machen können.Google Scholar
  90. 67.
    Eulau/Wahlke, The Politics (Anm. 59).Google Scholar
  91. 68.
    Natürlich sind auch andere Rollentypologien denkbar, z.B. der “Hinterbänkler”, der “Experte”, der “Fraktionsmanager” usw. Will man aber auf die Analyse des Repräsentativsystems hinaus, so müssen Abgeordnetenrollen derart gefaßt werden, daß sie die Beziehungen zwischen Abgeordneten und Wählern bzw. gesellschaftlichen Kollektiven kenntlich machen.Google Scholar
  92. 69.
    Vgl Müller/Stokes, Constituency Influence (Anm. 2). Geht es um Fragen der Bürgerrechte (civil rights), so verhalten sich Abgeordnete als “Delegierte”, bei außenpolitischen Fragen dagegen als freie “Anwälte” und bei sozialpolitischen Problemen als “Parteivertreter”. (Miller und Stokes verwenden eine etwas andere Begrifflichkeit.) Ein solches Rollenmuster muß natürlich nicht unbedingt für ein parlamentarisches Regierungssystem typisch sein.Google Scholar
  93. 70.
    Arend Lijphart, The Politics of Accomodation, Berkeley 1968.Google Scholar
  94. 71.
    Man denke an solche Modelle wie den “Parteien-” oder den “Verbändestaat”.Google Scholar
  95. 72.
    Heinrich Oberreuter, Legitimation durch Kommunikation, in: Jürgen W.Falter/Christian Penner/Michael Th. Greven (Hrsg.), Politische Willensbildung und Interessenvermittlung, Opladen: Westdeutscher Verlag 1984, S. 246 f.Google Scholar
  96. 73.
    Karl W. Deutsch, The Analysis of International Relations, Englewood Cliffs: Prentice Hall 1968, S. 105. Zum kommunikationstheoretischen Ansatz generell s.Google Scholar
  97. 73a.
    Karl W. Deutsch, The Nerves of Government, New York: Free Press 1966.Google Scholar
  98. 74.
    Vgl. z.B. Ursula Hoffmann-Lange/H. Neumann/B. Steinkemper, Konsens und Konflikt zwischen Führungsgruppen in der Bundesrepublik Deutschland, Frankfurt a.M.: Lang 1980.Google Scholar
  99. 75.
    Siehe u. a. Edward O.Lauman/Franz U. Pappi, Networks of Collective Action, New York: Academic Press 1976;Google Scholar
  100. 75a.
    Bernhard Weßels, Das Berliner Abgeordnetenhaus im Netzwerk gesellschaftlicher Interessen, FU Berlin 1985.Google Scholar
  101. 76.
    Man kann sicherlich erwarten, daß dem beträchtlichen methodischen Aufwand, der bei Netzwerk-Analysen betrieben werden muß, in absehbarer Zeit ein ihm entsprechender theoretischer Erkenntnisgewinn folgen wird.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1989

Authors and Affiliations

  • Dietrich Herzog

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