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Beobachtungs- und Reflexionsdefizite im Sportsystem

  • Karl-Heinrich Bette

Zusammenfassung

Komplexe Sozialsysteme besitzen die Fähigkeit zur Selbstbeobachtung. Sie sind damit in der Lage, vereinfachte Abbilder des Systems im System herzustellen und Erfahrungen mit den Folgen ihrer Ausdifferenzierung zu sammeln. Sie fertigen Selbstbeschreibungen an, auf deren Grundlage sie festlegen, worauf es ankommt und worüber kommuniziert wird, wenn kommuniziert wird. Sie versetzen sich so in die Lage, in den Alltagsoperationen primär Bezug auf die eigenen Zustände zu nehmen und in Gestalt von Anpassungsleistungen in sich selbst auf sich selbst und ihre Umwelt zu reagieren. Durch die Besinnung auf die eigene Systemhaftigkeit gewinnen Sozialsysteme die Fähigkeit, sowohl Selbstbezüglichkeit aufzubauen als auch In-differenzen nach außen hin durchzusetzen

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Literatur

  1. 1.
    Vgl. Stein Braten, The third position — Beyond artificial and autopoietic reduction, in: Kybemetes, 1984, Vol. 13, S. 157–163 (161).Google Scholar
  2. 2.
    Die Selbstbeobachtung sozialer Systeme läuft über Kommunikation. Wenn Menschen mit Hilfe von Sinneswahrnehmungen soziale Systeme beobachten, ist dies ein Akt der Fremdbeobach-tung. Gesellschaftliche Kommunikation kommt selbstverständlich nicht ohne ein menschliches Bewußtsein und dessen Memorierungs-und Kombinationsfähigkeit aus. Aber: das menschliche Bewußtsein bleibt Umwelt sozialer Systeme. Vgl. Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt a.M. 1984, S. 618.Google Scholar
  3. 3.
    Erst langsam beginnen die Differenzierungstheoretiker der allgemeinen Soziologie den Sport ernst zu nehmen. Die Ergebnisse, die in der Sportsoziologie bereits seit Jahren zu diesem Thema vorliegen, werden dort erst seit kurzem wahrgenommen. Waren die ersten Versuche der Thematisierung des Sports innerhalb der allgemeinen Differenzierungstheorie noch darauf ausgerichtet, seine Nichtqualität als funktionales Teilsystem zu beweisen, hat sich dies unter dem Eindruck der differenzierungs-theoretischen Aufklärung der allgemeinen Differenzierungstheorie durch die Sportsoziologie inzwischen grundlegend geändert. Der Sport ist als ein gleichwertiges Thema in die Einführungsseminare für soziologische Differenzierungstheorie und sogar in die Forschung außeruniversitärer Renommierinstitute eingezogen. Daß Vorreiterergebnisse bisweilen als solche übergangen oder nicht entsprechend ausgewiesen werden, ist Resultat der abgrenzenden Wirkung von „scientific communities“ und der im Wissenschaftsgeschäft üblichen Zitationskartelle und Karrierebedingungen. Diese legen es nahe, Erstbesteigungen selbst dort zu melden, wo diese bereits seit längerer Zeit erfolgt sind.Google Scholar
  4. 4.
    Die Pauschalunterstellung, daß der moderne Sport insgesamt dem Code von Sieg und Niederlage verpflichtet wäre, ist nicht zutreffend. Diese Leitunterscheidung gilt nur für den Wettkampfsport, nicht für jedwede sportliche Betätigung. Vgl. Karl-Heinrich Bette, Körperspuren. Zur Semantik und Paradoxie moderner Körperlichkeit, Berlin und New York 1989, S. 165 ff, 236 ff.Google Scholar
  5. 5.
    Reflexion ist demnach immer Reflexion der Differenz von System und Umwelt in der rekursiven Geschlossenheit des Systems selbst.Google Scholar
  6. 6.
    Siehe Heinz von Foerster, Principles of Self-Organization — In a Socio-Managerial Context, in: H. Ulrich/G.J.B. Probst (Hrsg.), Self-Organization and Management of Social Systems, Berlin u.a. 1984, S. 2–24; ders., Sicht und Einsicht. Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie, Braunschweig 1985, S. 26; auch Lynn Segal, Das 18. Kamel oder Die Welt als Erfindung. Zum Konstruktivismus Heinz von Foersters, München 1988.Google Scholar
  7. 7.
    Man könnte in diesem Zusammenhang zunächst die Hoffnung auf die Familie setzen. Sie fungiert schließlich als Stützsystem des Leistungssports in denjenigen Disziplinen, die ihr optimales Höchstleistungsalter in Kindheit und Jugend haben. Ein Großteil der im Sport bewirkten Wirkungen wird hier besonders virulent. Bei genauerer Analyse zeigt sich jedoch, daß die kommunikativen Fähigkeiten einer Familie für eine Rückkoppelung sportlicher Externalitäten in den Sport nicht ausreichen. Ein Ableiten überindividueller Gesichtspunkte ist aufgrund der geringen Anzahl der Betroffenen, eines Fehlens generalisierbarer Vergleichsgesichtspunkte und der parzellierter Lebensweise dieses „natürlichen“ Lebensmilieus unwahrscheinlich. Auch könnte dasjenige System auf die Möglichkeit eines Rückprojizierens sportlicher Externalitäten untersucht werden, das sich historisch für die Beobachtung und Steuerung von Gesellschaft ausdifferenzieren konnte und hierfür auch in einer Rahmenverantwortung steht, die Politik. Zwar fallt es Politikern nicht schwer, eine generelle Moralisierung bestimmter Problemlagen (Kinderhochleistungssport und Doping) und ein allgemeines Anmahnen sportspezifischer Tugenden (Fairness) abzuleisten, fundierte Aussagen über die Wirkungen des Sports, die über das Niveau von Alltagstheorien hinausgehen sollen, sind insgesamt nur auf der Basis wissenschaftlicher Untersuchungen zu gewinnen.Google Scholar
  8. 8.
    Unter dem Einfluß sportwissenschaftlicher Forschungsprojekte sind an dieser Reflexionsfront in den letzten Jahren einige Erfolge erzielt worden: Die Erkenntnis, daß eine mitberücksichtigende Thematisierung äußerer Umwelten (z.B. Wirtschaft, Politik oder Erziehung) aufgrund der eigenen Innenwelt, vornehmlich der Athleten, unverzichtbar ist, hat zu einer Reihe von Integrationsmaßnahmen geführt. Die korporativen Akteure des Leistungssports, sprich die Sportfachverbände, haben erkannt, daß vornehmlich die inneren Umwelten (= die außersportlichen Rollensegmente der Athleten) angemessen einzukalkulieren sind, sollen leistungssportliche Interessen dauerhaft durchgesetzt werden. So sind Abstimmungsmaßnahmen mit Wirtschaftsunternehmen, Schulträgern, politischen Instanzen etc. vorgenommen worden, weil in diesen Einrichtungen die nichtsportlichen Rollensegmente der Athleten situiert sind oder sein werden. Vgl. Karl-Heinrich Bette/Friedhelm Neidhardt, Förderungseinrichtungen im Hochleistungssport. Strukturen und Probleme, Schorndorf 1985. Zur Funktion einer stellvertretenden Reflexion siehe meine Ausführungen in Kapitel III.Google Scholar
  9. 9.
    Da Kommunikation und Handeln in interaktiven Situationen nicht gleichzeitig ablaufen, ist Beobachtung eher ein Phänomen der Wartenden. Zum Verhältnis von Beobachtung und Handeln siehe Niklas Luhmann, Soziale Systeme, a.a.O., S. 407.Google Scholar
  10. 10.
    Zum Gedächtnis des Sportsystems und seiner vornehmlich externen Fundierung in Gestalt der in den modernen Verbreitungsmedien tätigen Sportjournalisten siehe Karl-H. Bette, Körperspuren, a.a.O., S. 186. Hier läßt sich ergänzen: es sind vornehmlich auch Sportwissenschaftler, die die Systemgeschichte des Sports rekonstruieren und sein Gedächtnis — nach Maßgabe wissenschaftlicher Kommunikation- und Speicherkriterien — ausmachen.Google Scholar
  11. 11.
    Vgl. Niklas Luhmann/Karl E. Schon, Reflexionsprobleme im Erziehungssystem, Stuttgart 1979, S. 359.Google Scholar
  12. 12.
    Hierzu ein Beispiel: In Seoul mußten die Schwimmer ihre Endläufe in den Morgenstunden zu unphysiologischen Zeiten absolvieren, weil im US-amerikanischen Fernsehen zu dieser Zeit die höchsten Einschaltquoten und Einnahmen durch Werbespots erreicht werden konnten. Theoretisch heißt dies: durch das selektive Abtreten der zeitlichen Autonomie spitzensportlicher Wettkampfsituationen an die Temporalstrukturen von Medien und Wirtschaft versucht das Sportsystem seine Autonomie auf der Sachdimension zu erhöhen, beispielsweise um seine interne Logistik für Training und Wettkampf zu verbessern. Zur theoretischen Konzeptionalisierung der Autonomie des Sports im Gefolge der durch Ausdifferenzierung hergestellten gleichzeitigen Steigerung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit und zur Notwendigkeit einer Reflexion dieses Spannungsverhältnisses siehe Karl-Heinrich Bette, Strukturelle Aspekte des Hochleistungssports in der Bundesrepublik. Ansatzpunkte für eine System-Umwelt-Theorie des Hochleistungssports, St. Augustin 1984, S. 169. Zur Diskussion der Möglichkeiten und Grenzen einer Autonomie des Sports in der Sprache der Theorie selbstreferentieller Sozialsysteme siehe ders., Zwischen Selbstbeobachtung und Systemberatung. Das Verhältnis von Sport und Wissenschaft im Lichte neuerer Theoriebildung, in: Georg Anders/Klaus Cachay/Wolfgang Fritsch (Hrsg.): Beratungsleistungen der Sportsoziologie, Konstanz 1990,S. 21–46Google Scholar
  13. 13.
    Zur Funktion von Niederlage und Enttäuschung für das Lernen sozialer Systeme siehe Karl-Heinrich Bette, Zwischen Selbst-beobachtung und Systemberatung, a.a.O., S. 30f.Google Scholar
  14. 14.
    Vgl. Karl-H. Bette/Friedhelm Neidhardt, Förderungseinrichtungen im Hochleistungssport, a.a.O., S. 115 ff.Google Scholar
  15. 15.
    Zur Funktionalität der Ehrenamtlichkeit als Stoppregel gegen ein ausuferndes Spezialistentum und als Rückversicherung des Systems zur allgemeinen Sportbewegung siehe Karl-Heinrich Bette, Die Trainerrolle im Hochleistungssport. System- und rollentheoretische Überlegungen zur Sozialfigur des Trainers, St. Augustin 1984, S. 67 ff; auch ders., Körperspuren. Zur Semantik und Paradoxie moderner Körperlichkeit, a.a.O., S. 222 ifGoogle Scholar
  16. 16.
    Vgl. Niklas Luhmann/Karl E. Schon, Strukturelle Bedingungen der Reformpädagogik, in: Zeitschrift für Pädagogik, 34. Jg., 1988, Nr. 4, S. 470.Google Scholar
  17. 17.
    Siehe detaillierter Karl-H. Bette, Körperspuren, a.a.O., S. 165 ff. Peter Becker sieht — kontrovers zu dieser Einschätzung — im „Rangplatz“ das Kommunikationsmedium des Spitzensports. Siehe Peter Becker, Steigerung und Knappheit. Zur Kontingenzformel des Sportsystems und ihren Folgen, in: ders., (Hrsg.), Sport und Höchstleistung, Reinbek bei Hamburg 1987, S. 24 ff.Google Scholar
  18. 18.
    Zur Verdeutlichung dieser routinemäßig mißverstandenen Konzeption siehe Niklas Luhmann, Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt a.M. 1984.Google Scholar
  19. 19.
    Vgl. Niklas Luhmann, Anspruchsinflation im Krankheitssystem. Eine Stellungnahme aus gesellschaftstheoretischer Sicht, in: Philipp Herder-Domeich/Alexander Schuller (Hrsg.), Die Anspruchsspirale. Schicksal oder Systemdefekt? Stuttgart u.a. 1983, S. 39 ff. In diesem körperorientierten Sozialsystem läuft der Funktionsvollzug vornehmlich „schweigend“ ab.Google Scholar
  20. 20.
    Wie kann die Selbststeuerungsfähigkeit des organisierten Sports dahingehend beeinflußt werden, daß die Identität des Systems — vornehmlich in Hinblick auf seinen Leistungssektor — ein höheres Maß an Selbstbeschränkung übernähme und in die eigenen Strukturen (Rollen, Werte, Institutionen) handlungsrelevant übersetzte? Wie kann das Verstehenspotential eines selbstreferentiell steuernden Systems so beeinflußt werden, daß es andere Verstehenshilfen versteht? Unsere Antwort: durch das kommunikative Hineinprojizieren externer Innenweltmodelle als Verstehensangebot. Die Selbstreferenz soll nicht aufgehoben werden. Das System muß sich aus eigenem Interesse heraus selbst dazu veranlassen, die Umweltreaktivität der Programmebene zu erhöhen.Google Scholar
  21. 21.
    Reflexion im Sinne einer vermehrten Mitberücksichtigung von Umweltaspekten hat sich im Sport strukturell zu sedimentieren. Um die internen Kommunikationen anzureichern, müssen gleichsam Widerstandspotentiale gebildet und andere Meinungen strukturell eingebaut werden. Ideen und Relevanzen sind zu implementieren, die, wenn sie einmal artikuliert worden sind, nicht einfach übergangen werden können. In der Organisationstheorie heißt es aus diesem Grunde, daß „innere Foren“ zum Austragen von Konflikten zu schaffen sind (Beispiele: Pädagogen und Trainer als gleichberechtigte Partner in Sportinternaten). Um den Diskurs im System anzureichern und die Berücksichtigung anderer Programme zu garantieren, müßten in den Großvereinen und Stützpunkten demzufolge Psychologen, Athletensprecher, Mediziner oder Lautbahnberater als Repräsentanten jeweils anderer Standpunkte ausgegliedert werden.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1995

Authors and Affiliations

  • Karl-Heinrich Bette

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