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Disziplinierung des Körpers

Aspekte der somatischen Kultur von Studenten verschiedener Fachrichtungen
  • Ilse Hartmann-Tews

Zusammenfassung

Anthropologische Studien machen deutlich, daß es im Bereich menschlichen Handelns und Erlebens keine natürlichen Phänomene im strengen Sinne gibt, auch keine pure Körperlichkeit. Menschen müssen sich bei prinzipieller Umweltoffenheit Verhaltenssicherheit erst am Leitfaden kultureller Werte und Normen erwerben. Der Terminus „zweite soziokulturelle Geburt„ (Claessens 1970) benennt diesen Sachverhalt: die erste, gewissermaßen natürliche Geburt muß ergänzt werden durch die Prozeduren und Mechanismen einer zweiten Geburt in die jeweilige Kultur und Gesellschaft hinein. Stellt man den Zusammenhang von Körper und Gesellschaft her, so wird deutlich, daß dieser Prozeß der Sozialisation in fundamentaler Weise Körpersozialisation ist. Die Handhabungen des Körpers und ihre Bewertungen, die Art zu sprechen, zu essen und zu gehen sind gesellschaftlich geprägt. Die entsprechenden Verhaltensweisen, wie sehr sie auch natürlich erscheinen mögen, repräsentieren einen Kompromiß zwischen Natur und Kultur. Mead (1973) hat auf diesen Aspekt menschlicher Identitätsbildung aufmerksam gemacht. Das Selbst, d. h. die Einheit der Person im Erleben und Selbsterleben, wird ihm zufolge erst durch das Ausbalancieren zweier Perspektiven, durch die Leistungen des I und des me, möglich — zum einen die Fähigkeit, die eigenen körperlichen Bedürfnisse und Impulse zu erfüllen, zum anderen die Erwartungen der Umwelt angemessen zufriedenzustellen. Identität ist somit als die Integration der Perspektiven des Körpers und der Umwelt zu fassen.

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1995

Authors and Affiliations

  • Ilse Hartmann-Tews

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