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Ist Sport Kultur ?

Versuch, eine ‘Gretchenfrage’ zu beantworten
  • Ronald Hitzler

Zusammenfassung

Feinst verteilter Hass, das könnte in der Tat eine erhellende Metapher für die Prinzipien des sozialen Lebens in der ‘individualisierten’ Gesellschaft werden. Das wahrscheinlichste Szenario — wenn nicht für ‘heute’, dann zumindest für ‘morgen’ — jedenfalls deutet m.E. auf eine Vielzahl ständig sich wandelnder sozialer, politischer, wirtschaftlicher und kultureller Milieus und Szenen hin, die sich untereinander auf vielfältigen Schauplätzen in einem alltäglichen ‘Kleinkrieg’ wechselseitiger Querelen, Schikanen und labiler Kompromisse zermürben werden, so daß, wenn sich schon niemand mehr ‘auszuleben’ vermag, jeder doch zumindest dafir sorgen kann und wird, daß auch jedem anderen das vergällt wird, was man so ‘Lebensfreude’ nennt. Und eines der Motive dafir, daß Sport, Zuschauer-Sport zumal, heutzutage so populär ist, hat Plessner (1985: 160) darin gesehen, daß er „das von der industriellen Gesellschaft im offenen Wettbewerb gezüchtete und zugleich an seiner Befriedigung gehemmte Bedürfnis nach Aggression“, daß er also solchen ‘feint verteilten Hass’ zu repräsentieren und zu transportieren vermag. Solche Diagnosen werden natürlich immer wieder hinterfragt, und neue Diagnosen werden sozusagen laufend gestellt. An derlei Deutungs-Diskursen ist also kein Mangel. Und deshalb schlage ich vor diesem Hintergrund hier vor, vor der Frage, was sich im Sport symbolisiere, zu klären, worin und wodurch sich der Sport überhaupt als Sport erweist. Die Problemstellung dieses Textes ist also gegenüber einer Hermeneutik der Symbolik und Emblematik des Sports, wie sie etwa im Sinne Soeffners (1989) zu betreiben wäre2, vorläufig: Es geht hier zunächst einmal um eine Beschreibung der allgemeinen Merkmale, aufgrund derer wir etwas als ‘Sport’ begreifen.

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© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1995

Authors and Affiliations

  • Ronald Hitzler

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