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Homo Sociologicus

  • Ralf Dahrendorf
Chapter
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Part of the Studienbücher zur Sozialwissenschaft book series (STBS, volume 20)

Zusammenfassung

Wir sind gemeinhin wenig beunruhigt durch die Tatsache, daß der Tisch, der Braten, der Wein des Naturwissenschaftlers sich in paradoxer Weise von dem Tisch, dem Braten und dem Wein unserer alltäglichen Erfahrung unterscheiden. Wenn wir ein Glas abstellen oder einen Brief schreiben wollen, dann bietet sich ein Tisch als geeignete Unterlage an. Er ist glatt, fest und eben, und ein Physiker würde uns mit seiner Bemerkung wenig stören, daß der Tisch »in Wirklichkeit« ein keineswegs solider Bienenkorb von Atomteilchen ist. Ebensowenig kann uns der Chemiker den Geschmack am Diner verderben, indem er Braten und Wein in Elemente auflöst, die als solche zu verzehren wir schwerlich je versucht sein werden. Solange wir das Paradoxon des wissenschaftlichen und des Alltagstisches nicht in philosophischer Absicht anvisieren, lösen wir es auf einfache Weise. Wir handeln so, als seien der Tisch des Physikers und unser Tisch zwei verschiedene Dinge, die in keiner relevanten Beziehung zueinander stünden. Während wir auf der einen Seite durchaus bereit sind, dem Physiker einzuräumen, daß sein Tisch für ihn ein höchst wichtiger und nützlicher Gegenstand ist, sind wir auf der anderen Seite mit unserem Tisch gerade darum so zufrieden, weil er nicht ein vielfach durchlöcherter Bienenkorb von bewegten Teilchen ist 2.

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Literatur

  1. 2.
    Das Paradox des wissenschaftlichen und des Alltagstisches hat der CambridgerGoogle Scholar
  2. Philosoph John Wisdom in einem noch unveröffentlichten Vortrag über “Paradox and Discovery” (Stanford University, Nov. 1957) ausführlich behandelt. Für Wisdom sind dieses Paradox und andere seinesgleichen der Ausgangspunkt einer wohlverstandenen Metaphysik, die nach den Erkenntnisgründen von Sätzen unabhängig von ihrer logischen Struktur und empirischen Geltung fragtGoogle Scholar
  3. 4.
    Die Konstruktion eines homo politicus in Analogie zum Menschen der Wirtschaftswissenschaft ist kürzlich von Anthony Downs in seinem Buch “An Economic Theory of Democracy” (New York 1957) versucht worden. Der politische Mensch ist nach Downs der Mensch, der seine politischen, insbesondere seine Wahlentscheidungen ganz an deren berechenbarem Nutzen (utility) orientiert und insofern »rational« handelt. Downs versucht, ‘auf diese Annahme eine Theorie des politischen Verhaltens aufzubauen, und wenn sein Versuch auch an vielen Punkten unbefriedigend bleibt, scheint die Annahme des homo politicus sich doch als fruchtbar zu erweisenGoogle Scholar
  4. Die Verwandtschaft zwischen dem, was ich hier die »ärgerliche Tatsache der Gesellschaft« genannt habe, und Durkheims »sozialen Tatsachen«, die uns in ihren Bann zwingen, liegt auf der Hand. So, wenn Durkheim zu Beginn des ersten Kapitels seiner «Règles de la methode sociologique» aus dem Jahre 1895 die »sozialen Tatsachen« beschreibt: »Wenn ich meine Verpflichtungen als Bruder, Ehemann oder Bürger erfülle, wenn idt meine Verträge ausführe, dann erfülle ich Pflichten, die außerhalb meiner selbst und meiner Handlungen in Gesetz und Sitte definiert sind. Selbst wenn sie mit meinen eigenen Gefiihlen übereinstimmen und ich subjektiv ihre Realität fühle, ist solche Realität noch objektiv, denn ich habe sie nicht geschaffen; ich habe sie nur durch meine Erziehung geerbt.« Durkheim kommt der hier in Frage stehenden Kategorie der Rolle außerordentlich nahe, ohne sie dodi zu formulierenGoogle Scholar
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    Platon, Gesetze I 644de; Philebos 50 bGoogle Scholar
  8. 44.
    Die in diesem Absdmitt eingeführten Termini »Position« (position) »Positionssegment« (positional sector), »Rolle« (role), »Rollenverhalten« (role behavior), »Rollenattribute« (role attributes) und »Rollensegment« (role sector) finden sich in dieser Form sâmtlidt in dem kürzlich erschienenen Werke von N. Gross, W. S. Mason und A. W. McEachern, Explorations in Role Analysis (New York 1958); Kap. IV, A Language for Role Analysis. Neu ist an der Terminologie von Gross und seinen Mitarbeitern neben der Definition der Termini die Unterscheidung von Rollenverhalten und Rollenattributen sowie die Aufgliederung von Positionen und Rollen in Segmente oder Sektoren. Letzteres ist gleichzeitig, wennschon mit anderen Terminis, von R. K. Merton in seinem Aufsatz “The Role-Set” (British Journal of Sociology VIII/2, Juni 1957) vorgeschlagen worden, wozu vgl. unten. In noch unveröffentlichten Arbeiten unternimmt auch T. Parsons mit der Unterscheidung von roles und tasks einen ähnlichen AnsatzGoogle Scholar
  9. Die Unterscheidung zugeschriebener und erworbener Positionen ist wohl zuerst von R. Linton in seinem Buch “The Study of Man” (New York 1936), S. 115, eingeführt worden: “Ascribed statuses are those which are assigned to individuals without reference to their innate differences or abilities. They can be predicted and trained for from the moment of birth. The achieved statuses are, as a minimum, those requiring special qualities, although they are not necessarily limited to these. They are not assigned to individuals from birth, but are left open to be filled through competition and individual effort.” Abgesehen von dem Terminus Status« (wozu vgl. unten Abschnitt VII) enthält diese Bestimmung auch sonst manche Unklarheiten, die erst in jüngerer Zeit in dem im Text angedeuteten Sinne bereinigt worden sindGoogle Scholar
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    Vgl. hierzu H. Schelsky Schule und Erziehung in der industriellen Gesellschaft (Würzburg 1957); R. Dahrendorf Die soziale Funktion der Erziehung in der industriellen Gesellschaft, in: Speculum — Saarländische Studentenzeitschrift I/7 (1956) Google Scholar
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    Unter den zahlreichen Studien zum Thema der Sozialisierung ist soziologisch am bedeutendsten das Werk von T. Parsons und anderen: Family, Socialization and Interaction Process (Glencoe—London 1956)Google Scholar
  12. A5.
    Die Mittlerstellung des Rollenbegriffes zwischen Psychologie und Soziologie wird in den meisten Erörterungen von Rollen hervorgehoben und ist in der Tat ein wichtiges Merkmal dieser Kategorie. Die Gelenkfunktion der Kategorie der Rolle läßt sich an Hand einer Bemerkung von B. Russel in seinem Buch “Human Knowledge” (London 1948), S. 269, verdeutlichen: “Every account of structure is relative to certain units which are, for the time being, treated as if they were devoid of structure, but it must never be assumed that these units will not, in another context, have a structure which it is important to recognize.” Für den Soziologen sind Rollen irreduzible Elemente der Analyse; der Psychologe aber betrachtet gewissermaßen ihre innere, dem Individuum zugekehrte Seite und löst sie auf. Eine systematische Abgrenzung der Gegenstände dieser Disziplinen an Hand des Rollenbegriffes wäre denkbarGoogle Scholar
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    Referate der Literatur zum Rollenbegriff sind in den letzten Jahren in regelmäßigen Abständen veröffentlicht worden; vgl. L. J. Neimann und J. W. Hughes: The Problem of the Concept of Role — A Re-Survey of the Literature, in: Social Forces XXX (1951); Th. R. Sarbin: Role Theory, in: G. Lindzev, Hg., Handbook of Social Psychology, Bd. I (Cambridge, Mass. 1954); N. Gross u. a.: a.a.O., Kap. IIGoogle Scholar
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    »Sozialer Status« in diesem heute auch im deutsdien Sprachbereich anerkannten Sinne (vgl. H. Kluth Sozialer Status und Sozialprestige, Stuttgart 1957)Google Scholar
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    Gross (a.a.O.) spricht von roles und role sectors, Merton (“The Role-Set”, a.a.O.) von role-sets und roles Beide zielen auf denselben Sachverhalt, nämlich die Komplexität von Erwartungen, die sich an eine einzelne Position knüpfen. Mir scheint jedoch, daß die Terminologie von Gross, die — in dem Begriff der Rolle — die Einheit soldier Erwartungskomplexe stärker betont, eine größere Chance der Durchsetzung hat (was nicht ausschließt, mit Merton Rollen als sets von Erwartungselementen im mathematischen Sinn zu behandeln)Google Scholar
  24. Sozialpsychologie vgl. P. R. Hofstätter Sozialpsychologie (a.a.O.), S. 35 ff.; ders Gruppendynamik (Hamburg 1957)Google Scholar
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    Vgl. meine: Soziologie der Berufe, in dem demnächst erscheinenden Handbuch der empirischen Sozialforschung, hrsg. von R. König und H. Mares Google Scholar
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    In einem noch unveröffentlichten Essay: The Professional Role of the Physician in Bureaucratized Medicine — A Study in Role Conflict. Dieser Aufsatz geht auf die Doktordissertation von J. Ben-David zurück: The Social Structure of the Professions in Israel (Jerusalem 1955)Google Scholar
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    Für eine gründlichere Durchführung dieses Ansatzes zur Erklärung industrieller und politischer Konflikte vgl. mein Buch: Soziale Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft (Stuttgart 1957)Google Scholar
  32. Jahrhunderts (1889: Veröffentlichung der Fabian Essays, Gründung der großen Ungelerntengewerkschaften) mit Shaw, den Webbs, Charles Booth und anderen Sozialpolitikern, die ihre Ziele nur auf der Grundlage gründlicher Kenntnis der Gesellschaft verwirklichen zu können glaubten. — Auf diese Zusammenhänge bezieht sich der Hinweis auf die doppelte Intention der SoziologieGoogle Scholar
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    A. Weber Einführung in die Soziologie (München 1955); S. 13, S. 12Google Scholar
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    Der Hinweis auf Max Webers Gedanken einer »wertfreien Sozialwissenschaft« drängt sich hier auf. Vgl. dazu unten Abschnitt XGoogle Scholar
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    Kant: Kritik der reinen Vernunft (hrsg. von R. Schmidt, Leipzig 1930); S. 463Google Scholar
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    Die von F. Stern herausgegebene hervorragende Anthologie “The Varieties of History from Voltaire to the Present” (New York 1957) verfolgt diese Diskussion an Hand der Äußerungen von Historikern durch zwei Jahrhunderte. Die folgenden Behauptungen beruhen auf der Lektüre dieses BandesGoogle Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1964

Authors and Affiliations

  • Ralf Dahrendorf
    • 1
  1. 1.HamburgDeutschland

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