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Kriseninterpretation und künftiges Arbeitsmarkthandeln — zwischen Pessimismus und individueller Perspektive

  • Hella Baumeister
  • Doris Bollinger
  • Birgit Geissler
  • Martin Osterland
Part of the Biographie und Gesellschaft book series (BUG, volume 13)

Zusammenfassung

Ging es bisher um die retrospektive Betrachtung realisierter Arbeitsmarktstrategien, so steht nunmehr prospektiv das zukünftige Arbeitsmarkthandeln im Mittelpunkt. Die Analyse der Berufsbiographien der Facharbeiter gibt zwar Aufschluß über die mehr oder weniger geglückte Synchronisation subjektiver Bedürfnisse mit den durch Beruf, Alter und Betrieb vorgegebenen Bedingungen. Die Bedeutung der krisenhaften Verschärfung der Arbeitsmarktsituation kommt dabei jedoch allenfalls indirekt zum Ausdruck. Die Rekonstruktion der Berufsverläufe erlaubt also keine Aussage darüber, ob und wie die Facharbeiter die Beschäftigungskrise wahrnehmen, interpretieren und inwieweit sie in berufliche Veränderungsüberlegungen einbezogen wird.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Auf die älteren Untersuchungen zum Arbeiterbewußtsein (vgl. Popitz u.a. 1957; Kern/Schumann 1970) kann in unserem Zusammenhang ebenso wenig eingegangen werden, wie auf die im Rahmen der verstärkten Marxrezeption erstellten Krisenstudien (vgl. z.B. Beckenbach u.a. 1975; Bierbaum u.a. 1977.)Google Scholar
  2. 2.
    Zu Recht weist Schumann daraufhin, daß der den meisten Studien zugrunde liegende Versuch, den Zusammenhang von ökonomischen Krisen, Krisenbetroffenheit und Herausbildung von Klassenbewußtsein nachzuweisen, als gescheitert anzusehen ist: „Es liegt keine überzeugende Bewußtseinstheorie vor, die den Zusammenhang von gesellschaftlichem Sein und Bewußtsein... so genau bestimmen kann, daß die Wirkung gesellschaftlicher Prozesse mit der gegenwärtigen Krise angemessen bestimmt oder gar vorhergesagt werden könnte.“ (Schumann 1983: 9)Google Scholar
  3. 3.
    Schumann u.a. (1982): 1977 Untersuchung in der Werftindustrie; Zoll u.a. (1981; 84): 1978 und 1982/82 Längsschnittstudie in norddeutschen Metallbetrieben; Brenke/Peter (1985): 1981 Qualitative Befragung Berliner Bürger unterschiedlicher Berufs- und Altersgruppen; Kern/Schumann (1984): 1982/83 Follow-up-Studie in der Automobil-, Chemieindustrie und Werkzeugmaschinenbau; Kubach u.a. (1985): 1983/84 Untersuchung in niedersächsischen Metallbetrieben unter Einbeziehung ehemaliger Arbeiter einer stillgelegten Hütte. Ausgenommen bleiben Studien, die explizit Arbeitslosigkeit und den tatsächlichen Verlust des Arbeitsplatzes thematisieren (z.B. Lichte 1978; Bosch 1978; Bahnmüller 1981).Google Scholar
  4. 4.
    Von den Autor(inn)en wird in Anlehnung an Leithäuser/Volmerg (1976) eine Unterscheidung vorgenommen zwischen einer thematisierenden Krisenwahrnehmung, nach der Arbeitslosigkeit und Krise mit gesellschaftlich bedingten Ursachen erklärt werden und einer reduktionistischen Krisenwahrnehmung, in der eine psychische Abwehr der Krisenbetroffenheit vorherrscht. Zwischen den beiden Erhebungswellen 1978 und 1982 wurde eine Abnahme der Bedeutung der thematisierenden, also strukturell erklärenden Deutungsmuster zugunsten der Zunahme der reduktionistischen Deutungsmuster festgestellt (Zoll 1984a: 179 f; Zoll/Neumann 1983: 788 f). Zum theoretischen Hintergrund: vgl.: Geissler u.a. 1984.Google Scholar
  5. 5.
    Eine Ausnahme stellt die Untersuchung von Zoll u.a. dar, bei der sich die Reaktion der Arbeiter auf die krisenhafte Situation des Beschäftigungsbetriebes auch in bestimmten Strategien zeigt. Der Vergleich zwischen den Erst- und ZweitinterGoogle Scholar
  6. views ergibt einen Abbau der aktiven Strategien A (eigenen Arbeitsplatz behalten) und C (Betrieb wechseln) zugunsten der defensiven Strategien B (beliebigen Arbeitsplatz im Betrieb erhalten) und D (vorzeitig aus dem Arbeitsverhältnis ausscheiden) vgl. Zoll u.a. 1984: 225 ff; 233 ff.Google Scholar
  7. 6.
    Dieses Resultat wird auch durch andere einschlägige Untersuchungen gestützt: Während Facharbeitern in den älteren industriesoziologischen Untersuchungen eine besondere Affinität zu den neuen Technologien nachgesagt wurde (vgl. Popitz u.a. 1957; Kern/Schumann 1970) ist in neueren Untersuchungen eine Auflösung der durchweg positiven Einschätzung zum technischen Wandel vorgefunden worden (vgl. Kern/Schumann 1984: 100; Brenke/Peter 1985: 89; Klipstein/Strümpel 1985: 45 f.)Google Scholar
  8. 7.
    Daß die Informationsgewinnung durch persönliche Kontakte am erfolgreichsten ist, wird z.B. auf der Basis des Wohlfahrtssurveys nachgewiesen (vgl. Noll 1982; 1984; 1985; Habich 1984). Der Anteil derjenigen, die, ohne eigene Aktivitäten zu entwickeln ihren Arbeitsplatz gefunden haben, liegt danach z.B. bei den Facharbeitern höher als bei dem Durchschnitt der Befragten; fast jeder zweite Facharbeiter hatte seine Stelle über Kontakte gefunden (vgl. Habich 1984: 346). Doch wie sich zeigt, ist allerdings die Chance, tatsächlich auf diese Weise eine Stelle zu finden, wesentlich von der Situation auf dem Arbeitsmarkt abhängig: In Jahren mit niedriger Arbeitslosenquote waren 81% erfolgreich, aber nur 45% in den Jahren mit hohen Arbeitslosenquoten (ebd.: 350). Welcher Stellenwert einer Rekrutierung über den sogenannten erweiterten internen Arbeitsmarkt zukommt, muß als weitgehend ungeklärt betrachtet werden. Entgegen der These von Manwaring (1982) konnte die Bedeutung dieser Rekrutierungsform in einer kürzlich durchgeführten Betriebsbefragung nicht bestätigt werden (vgl. Deeke/Fischer 1986: 83).Google Scholar
  9. 8.
    Nach Lutz/Weltz (vgl. 1966: 123) verfügte Anfang der 60er Jahre nur jeder achte Arbeiter über ein einigermaßen umfassendes Bild von Arbeitsplätzen und den Arbeitsbedingungen, die auf dem regionalen Arbeitsmarkt angeboten wurden; die übrigen besaßen nur sehr lückenhafte, jedenfalls kaum konkrete Vorstellungen von den Verhältnissen in anderen Betrieben. Hübler kommt bezogen auf die aktuelle Diskussion zu einem ähnlichen Resultat, wenn er resümiert, daß Arbeitsuchende „stets nur über einen kleinen Ausschnitt der Jobs, die für sie in Frage kommen, informiert (sind), und selbst da lückenhaft“ (1985: 19).Google Scholar
  10. 9.
    Gerlach hat anhand einer vergleichenden Studie in unterschiedlich strukturierten Arbeitsmärkten überzeugend nachgewiesen, daß sich Ausmaß und Reichweite des realisierten Facharbeitereinsatzes zum einen von dem je spezifischen Einsatzkonzept des Betriebes und zum anderen von der regionalen Arbeitsmarktsituation bestimmt wird. Abgesehen davon wurde jedoch in allen Vergleichsregionen eine deutliche Abkehr vom Einsatz un- bzw. angelernter Arbeitskräfte und eine Hinwendung zu einem breiteren Einsatz von jungen Facharbeitern vollzogen (vgl. Gerlach 1988). Daß damit eine verstärkte Ausgrenzung der ungelernten Arbeitskräfte vom Arbeitsmarkt einhergeht ist unmittelbar einleuchtend. Gottsleben kommt anhand einer Analyse der Beschäftigungsentwicklung der nicht formal qualifizierten (NFQ) zu dem Resultat, daß man angesichts der sich abzeichnenden Entwicklung, von einem möglichen Bedarf der Betriebe an NFQ kaum noch sprechen kann (vgl. 1987: 10).Google Scholar
  11. 10.
    Vetter hat am Beispiel der Einführung neuer Techniken herausgearbeitet, daß ein Wandel grundlegender erwerbsbiographischer Muster auch bei tiefgreifenden ökonomischen einschließlich marktstrategischen Änderungen nicht quasi zwangsläufig folgt, sondern vielmehr erwerbsbiographische Entwicklungen „durchaus in sich konsistente Verharrungstendenzen aufweisen können“, da sie nach wie vor „von den bereits bisher erprobten Verarbeitungsmustern und Lebensformen geprägt bleiben“ (vgl. Vetter 1986: 236 ff.).Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1991

Authors and Affiliations

  • Hella Baumeister
  • Doris Bollinger
  • Birgit Geissler
  • Martin Osterland

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