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Die Berufsbiographien der Facharbeiter: Balance zwischen Autonomie und Zwang

  • Hella Baumeister
  • Doris Bollinger
  • Birgit Geissler
  • Martin Osterland
Part of the Biographie und Gesellschaft book series (BUG, volume 13)

Zusammenfassung

Das quantitative Datenmaterial verdeutlicht facharbeitertypische Berufsverlaufsmuster. Zum Verständnis und zur Erklärung von Berufsbiographien ist dies jedoch unzureichend, da es hierbei nicht (nur) um die „Abfolge typischer Lebenslagen“, sondern um die „sinnhafte Rekonstruktion und Produktion von Lebensverläufen“ geht (Kohli 1979:918f.). So bleibt offen, welches Engagement für einzelne Etappen und Übergänge im Berufeverlauf (notwendigerweise) entwickelt wurde, welche Motive hinter — unter Umständen gleichen — Arbeitsmarktstrategien standen, bzw. mit welchen unterschiedlichen Strategien identische Ziele verfolgt wurden. Schon gar nicht läßt sich erkennen, ob die Berufsbiographien eher Ergebnis vorgegebener „objektiver“ Bedingungen oder aber persönlichkeitsbedingter Dispositionen und Wünschen sind.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Auch andere Autoren begründen die Notwendigkeit, daß die Arbeitkräfte einen individuellen Bezug zu ihrer Arbeit entwickeln bzw. entwickeln müssen, aus der Struktur gegenwärtiger Produktionsbedingungen und -Verhältnisse. In der Regel gehen sie allerdings weniger als Brock und Vetter auf die Konsequenzen für das Handeln und die Orientierung der Arbeitskräfte ein. So weisen Windolf und Hohn darauf hin, daß aufgrund der Unbestimmtheit des Arbeitsvertrages Quantität wie Qualität der verausgabten Arbeit anderweitiger Bestimmung bedürfen. Sie sind Ergebnis der sozialen Beziehungen und Machtauseinandersetzungen im konkreten Arbeitsprozeß (vgl. Windolf/Hohn 1984: 128 f.). Aus den Strukturprinzipien kapitalistischer Produktion und Produktionsverhältnisse begründen Beck und Brater die Notwendigkeit, daß die Arbeitskräfte ein eigenes, arbeitsinhaltliches Interesse an ihrer Arbeit entwickeln. Während „einerseits der Zwang zum Tausch und Geldverdienst Organisation, Zielsetzung und Einsatz der Arbeit... den ökonomischen Maximen der Gewinnmaximierung bzw. Verdienststeigerung unterwirft, denen gegenüber die Arbeitsinhalte lediglich zu nachgeordneten Mitteln werden, bleibt andererseits auch der so organisierte und ausgerichtete Produktionsablauf und Arbeitseinsatz auf konkret-inhaltlich bestimmte und vom persönlichen Engagement der Arbeitenden abhängige Arbeit angewiesen. Obwohl die Arbeitenden unter gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu sichern, müssen sie gleichzeitig auch am Inhalt ihrer Arbeit interessiert sein.“ Beck/Brater (1977a: 45)Google Scholar
  2. 2.
    Nicht nur Kohli deutet auf die notwendige, aber auch mögliche Gestaltung biographischer Verläufe hin. Geulen z.B. vertritt das „Modell der Weichenstellung“: Das Individuum trifft in seinem Lebenslauf auf bestimmte, gesellschaftlich vorgegebene Entscheidungsalternativen (Berufswahl, Stellenwechsel usw.), in denen es „Weichen zu stellen“ hat (vgl. Geulen 1981: 550 f.). Demgegenüber betont Ku-dera, daß biographisch bedeutsame Entscheidungen des Individuums nicht nur als „Weichenstellungen“, die der „normierte“ Lebenslauf an verschiedenen Abschnitten erfordert wie ermöglicht, begriffen werden können. „Was in Analysen zur zeitlichen Dauer und Abfolge institutionell vordefinierter Lebensphasen wie Bildung, Erwerbstätigkeit, Heirat und Elternschaft nur andeutungsweise erkennbar wird, sind ‚innovative‘ Strukturierungen von Lebensläufen, die nicht durch vorgegebene gesellschaftliche Strukturen oder besondere historische Ereignisse erzwungen sind. “ (Kudera 1983: 366). Solche „innovativen Strukturierungen“ würden von den Individuen im Zuge veränderter Lebensformen und Orientierungen vorgenommen. Auch Brose thematisiert (wenn auch eher mit sozialisations-theoretischer Fragestellung) — unter dem Blickwinkel „Zeit“ — die Differenz, aber auch die (notwendige) Koordination von subjektiver und biographischer Perspektive auf der einen, „sozialer Zeit“, d.h. eine vom ökonomsichen System vorgegebene Dimension, auf der anderen Seite. Unter „sozialer Zeit“ versteht Brose überindividuelle Formen der Zeitorientierung und Zeitstrukturierung, unter „subjektiver Zeit“ „milieu- und individualspezifische Formen der Aneignung und Überformung sozialer Zeitstrukturen“ (Brose 1984: 192). Im Berufsverlauf sollte die Koordination von subjektiven und sozialen Zeitstrukturen (mindestens) soweit gelingen, daß daraus eine (möglichst) dauerhafte, halbwegs befriedigende, stabile Beziehung entsteht. War es für abhängig Beschäftigte schon immer schwierig, diese (stabile) Synchronisation zu erreichen, so ist dies in der Krise noch schwieriger geworden. Während es in Zeiten der Prosperität noch gelang, die eigene berufsbiographische Entwicklung mit der „Systemzeit der Betriebe“ („soziale“ Zeit) in Einklang zu bringen, hat die Veränderung der Zeitdimension durch die Betriebe (sie sind nicht mehr selbstverständlich auf längerfristige Festlegung orientiert) auch Auswirkung auf die Möglichkeit dieser Synchronisation (vgl. ders. 1985: 148f.).Google Scholar
  3. 3.
    Kudera versteht unter Arbeits- und Lebensorientierungen „sinnhafte Deutungen der eigenen Lebenslage und der mit ihr verbundenen Bedürfnisse, Ansprüche und Ziele der Lebensgestaltung, in die immer auch Einschätzungen über die Möglichkeiten und Wege der Verwirklichung von Zielen und Ansprüchen mit eingehen“. Wegen dieser „orientierenden und handlungsleitenden Funktion der Deutungen“ verwendet sie den Terminus „Orientierungen“ (Kudera 1983: 371).Google Scholar
  4. 4.
    Wie jede andere Untersuchung, die mit biographischen Interviews arbeitet, ist auch die vorliegende nicht vor nachträglichen Interpretationen der eigenen Vergangenheit durch die Interviewten gefeit. Auf diese Problematik wird in der Literatur mehrfach hingewiesen (vgl. dazu u.a. Osterland 1983: 773 f.; Kudera 1983: 378). Die Gefahr der nachträglichen Interpretation scheint bei Berufeverläufen jedoch geringer zu sein. Getroffene Entscheidungen (Betriebswechsel, Weiterbildung usw.) haben in aller Regel Veränderungen der Arbeits- und Lebenssituation zur Folge, die als Fakten nicht übergangen werden können. Nachträgliches Erinnern muß sich an diesen Fakten zumindest orientieren, selbst wenn Begründungen für (getroffene) Entscheidungen nicht immer frei von späteren Interpretationen sein mögen. Aber auch hinsichtlich der von den Facharbeitern beschriebenen „Rahmenbedingungen“ scheint Vorsicht geboten. Dies gilt weniger für nachprüfbare Realitäten wie Arbeitsmarktbedingungen, berufsspezifische Chancen u.ä. Da für die Untersuchung Arbeitsplatzbeobachtungen nicht gesondert vorgenommen wurden, sondern wir es bei der Beschreibung durch die Facharbeiter selbst beließen, dürften vor allem hier individuelle Wertungen mit eingeflossen sein. Dies kann allerdings in Kauf genommen werden, da Arbeitsplatzbeschreibungen gerade nicht nur zur Feststellung der (tatsächlichen) Arbeitssituation von Interesse waren, sondern auch als Ausdruck des Verhältnisses, das die Facharbeiter unterschiedlichen Typs zu ihrer Arbeit und zu ihrem Beruf haben.Google Scholar
  5. 5.
    Da es sich bei der vorliegenden Untersuchung um eine qualitative und keine Repräsentativbefragung handelt, mag der genaue Anteil dieser Facharbeiter im Verhältnis zu den anderen bestreitbar sein. Doch selbst dann, wenn ihr Anteil nicht ein Viertel beträgt, sondern unter Umständen auch höher liegt, steht außer Zweifel, daß der „typisch deutsche Facharbeiter“ als Mythos, nicht jedoch als Realität existiert: er ist die Minderheit.Google Scholar
  6. 6.
    Indem wir den Beruf als Indikator für strukturell vorgegebene Bedigungen werten, vernachlässigen wir den Persönlichkeits- und identitätsbildenden Aspekt von Beruflichkeit, wie er insbesondere von Beck und Brater („Subjektbezogener Berufsbegriff“) herausgearbeitet wurde. Berufe werden von ihnen auch als bestimmend für unterschiedliche Chancen der Persönlichkeitsentfaltung und Identitätsbildung betrachtet. Sie betonen, daß mit dem Beruf Fähigkeiten nicht nur erlernt, sondern auch verlernt werden. Problematisierend stellen sie fest, daß die Berufsform, quasi durch die Ökonomisierung der Arbeitskraft, die Modellierung der Persönlichkeit und zwar nach Vermarktungsprinzipien forciert. Sie halten es jedoch für empirisch bislang nicht belegt, daß in einem Beruf Personen mit tendenziell gleichen Persönlichkeitsmerkmalen zu finden seien. Gleichzeitig weisen sie allerdings auf eine (Berufs-)„Gruppeneignung“ hin (vgl. Beck u.a. 1979: 6 f.).Google Scholar
  7. 7.
    Mit dieser Feststellung lehnen wir uns an das Konzept der Kohortenbildung an. Lebensläufe nach Kohorten zu differenzieren sei — so Kudera — notwendig, „um so historische Veränderungen in ansonsten ähnlichen Lebensläufen etc. aufzeigen zu können und Rückschlüsse über den differenziellen Einfluß von historischen, also kohortenspezifischen, gegenüber Entwicklungs- bzw. Alterungseinflüssen, also lebensphasenspezifischen Einflüssen auf die Genese von Orentierungen ziehen zu können.“ (Kudera 1983: 375) Vgl. in diesem Zusammenhang auch Geulen (1981: 541 f.), der die kohortenspezifische Betroffenheit von historischen Ereignissen unter Sozialisationsgesichtspunkten betrachtet, d.h. er begründet damit die Unterschiedlichkeit von Sozialisationserfahrungen und damit deren generationsspezifische Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung.Google Scholar
  8. 8.
    Von der Diskussion anderer Identitätskonzepte soll hier abgesehen und stattdessen in diesem Zusammenhang z.B. auf Volmerg (1978) verwiesen werden, die verschiedene Ansätze vorstellt.Google Scholar
  9. 9.
    Der Ansatz von Döbert/Nunner-Winkler wird der kritischen Rollentheorie zugerechnet. Diese ist vom „traditionellen“ rollenanalytischen Zugang, wie er insbesondere von Parsons entwickelt wurde, zu unterscheiden. Während Parsons auf dem Hintergrund seines systemtheoretischen Ansatzes von einer grundsätzlichen Vereinbarkeit individueller und allgemeiner Interessen innerhalb der Systemstrukturen, die dem Individuum vorgegeben sind, ausgeht, weisen die Vertreter/innen der kritischen Rollentheorie eher auf die Reibungspunkte zwischen strukturellen gesellschaftlichen (Vor-)Bedingungen einerseits, individuellen Bedürfhissen und Interessen andererseits hin. In entscheidenden gesellschaftlichen Bereichen halten sie diese Vereinbarkeit (noch) nicht für realisierbar. Im Zentrum ihres Interesses stehen eher die Kompetenzen des Individuums, die die Behauptung von Eigeninteressen gegenüber äußeren Anforderungen und (Rollen-)Erwartungen ermöglichen.Google Scholar
  10. 10.
    Wir verzichten hier auf die Diskussion verschiedener sozialisationstheoretischer Ansätze und weisen in diesem Zusammenhang nur darauf hin, daß unabhängig vom theoretischen Ausgangspunkt (psychoanalytisch, rollentheoretisch usw.) zunehmend Einigkeit darüber besteht, daß neben den Sozialisationsinstanzen (Herkunfts-)Familie und Schule spätere Sozialisationsmilieus nicht außer Acht gelassen werden können. Abgesehen von Um- und Neustrukturierungen von Identitäten in der Adoleszenzphase wird der Bereich Arbeit und Beruf unstrittig als „die“ Sozialisationsinstanz im Erwachsenenalter angesehen. Vgl. hierzu u.a.: Kohli 1975; Lucke 1977; Volmerg 1978; Groskurth 19792; Schumm 1983; Heinz 1983; Kärtner u.a. 1984; Volmerg u.a. 1986.Google Scholar
  11. 11.
    Diese Aussage muß insofern eingeschränkt werden, als nur einzelne der in die Untersuchung einbezogenen Facharbeiter knapp über vierzig Jahre alt sind. Es ist zwar zu vermuten, daß dieses Untersuchungsergebnis auch dann aufrechtzuhalten ist, wenn ältere Facharbeiter einbezogen worden wären; empirisch belegbar ist es allerdings aufgrund unserer Untersuchung nicht.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1991

Authors and Affiliations

  • Hella Baumeister
  • Doris Bollinger
  • Birgit Geissler
  • Martin Osterland

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