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Politische Spruchdichtung im 13. Jahrhundert

  • Winfried Frey
  • Walter Raitz
  • Dieter Seitz
  • Wolfgang Dittmann
  • Hartmut Kokott
  • Hartmut Kugler
  • Maria E. Müller
  • Hans-Herbert Räkel
  • Paul-Gerhard Völker
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Zusammenfassung

Vom Beginn des 13. Jahrhunderts ist uns eine große Zahl von Liedern überliefert, die auf den ersten Blick ein bekanntes Genre zu repräsentieren scheinen. Es sind mit einfacher Instrumentenbegleitung — wohl meist vom Autor selbst — gesungene Liedtexte, die sich durchweg kritisch mit ihrer Zeit und ihren prominenten Zeitgenossen beschäftigen. Den Autoren scheint es an Selbstsicherheit und einer hohen Einschätzung ihrer Rolle nicht zu fehlen. Einer ihrer wichtigsten Vertreter in der ersten Hälfte des Jahrhunderts, dessen Texte unter dem Namen Bruder Wernher überliefert sind, äuftert sich einmal so1:

Swâ man den künsterîchen varnden man ungerne siht, als ichz bescheiden wil, dâ hât man lîhte an schanden phliht. der scherge ist boeser nâchgebûr, swâ diep gehûset hât. Swâ daz der diep in diebes wîse bî den liuten gât und er gedenket denne an sîne grôzen missetât, er denket:,waere gerihtes und ouch der schergen niht, Sô wolte ich sîn ein vrîer diep und stelen mir genuoc…

Wo man den kunstverständigen Fahrenden nicht sehen will,/da lebt man — wie ich es erklären werde — wohl in Schande./Der Scherge ist dort ein schlimmer Nachbar, wo sich ein Dieb niedergelassen hat./Wenn ein Dieb als Dieb sich unter Leuten aufhält,/und er sich dann an seine großen Verbrechen erinnert,/dann denkt er: „Gäbe es kein Gericht und auch nicht den Schergen,/dann wäre ich ein freier Dieb/und würde mir genügend zusammenstehlen…”

Der „Fahrende“, von dem zu Beginn gesprochen wird, meint den Autor selbst, der sich in der Situation befindet, von Ort zu Ort ziehen zu müssen, um sein Lied vorzutragen und damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Der Vergleich derer, die das Lied des Fahrenden nicht hören wollen, mit dem Dieb, der vor dem verfolgenden Richter Angst hat, kann nur bedeuten, daß der Autor sich selbst in dieser Rolle der Kontrollinstanz sieht, daß er seinen Liedern die Funktion zuweist, wie der Richter vorhandenes Unrecht, gesellschaftliche Mißstände aufzudecken und zu bestrafen, um so wie ein permanentes kollektives Gewissen zu wirken.

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Literaturhinweise

Die Textausgaben sind in den Anmerkungen zitiert. Zu erganzen ist

  1. Ulrich Müller (Hrsg.): Politische Lyrik des deutschen Mittelalters. Texte I, II. Göppingen 1974 (Eine Sammlung der Lieder mit direkt politischer Thematik aus dem 13. bis 15. Jh.)Google Scholar

Übersetzungen enthält die Anthologie

  1. Epochen der deutschen Lyrik, Bd. 1: Von den Anfängen bis 1300. Hg. von Werner Höver und Eva Kiepe. Miinchen 1978 (= dtv WR 4015)Google Scholar

Umfassende Bestandsaufnabme und Literaturangaben bis 1972 bei

  1. Ulrich Müller: Untersuchungen zur politischen Lyrik des deutschen Mittelalters, Göppingen 1974Google Scholar

Eine Geschicbte der politischen Lyrik Deutschlands bis zur Gegenwart in Epochendarstellungen

  1. Walter Hinderer (Hrsg.): Geschichte der politischen Lyrik in Deutschland. Stuttgart 1978Google Scholar

Neuere Einzeluntersuchungen

  1. Kurt Franz: Studien zur Soziologie des Spruchdichters in Deutschland im späten 13. Jahrhundert, Göppingen 1974Google Scholar
  2. Volker Schupp: Reinmar von Zweter. Dichter Kaiser Friedrichs II. In: Wirk. Wort 19, 1969, S. 231–244Google Scholar
  3. Ingrid Strasser: Zur „Herrenlehre” in den Spriichen des Bruder Wernher. In: A. Ebenbauer, Fr. P. Knapp, I. Strasser (Hrsg.): Österreichische Literatur zur Zeit der Babenberger, Wien 1977, S. 239–254Google Scholar
  4. Bernd Thum: Literatur als politisches Handeln. In: A. Ebenbauer,…, Fr. P. Knapp, I. Strasser (Hrsg.): Österreichische Literatur zur Zeit der Babenberger, Wien 1977, S. 256–277Google Scholar

Eine neuere publizistische Untersuchung

  1. Josef Benzinger: Zum Wesen und zu den Formen von Kommunikation und Publizistik im Mittelalter. Eine bibliographische und methodologische Studie. In: Publizistik 15, 1970, S. 295–318Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1982

Authors and Affiliations

  • Winfried Frey
  • Walter Raitz
  • Dieter Seitz
  • Wolfgang Dittmann
  • Hartmut Kokott
  • Hartmut Kugler
  • Maria E. Müller
  • Hans-Herbert Räkel
  • Paul-Gerhard Völker

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