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Moderne Arbeitsutopien: Arbeit und Geschlecht

  • Andrea Maurer
Part of the Studien zur Sozialwissenschaft book series (SZS, volume 138)

Zusammenfassung

Kassandra gilt spätestens seit der modernen Aufbereitung durch Christa Wolf (1987a; 1987b) als eine Kultfigur, die mittels ihrer Seherkraft die Unsinnigkeit und Zerstörungsmacht des männ­lichen Krieges aufdeckt.91 Wir alle wissen um das tragische Ende Kassandras, doch viel weniger bekannt sind die in diesem Mythos implizierten positiven Andeutungen einer friedfertigen Frauengemeinschaft: “Lange schon trafen wir uns abends am Hang des ldabergs vor den Höhllen, wir Frauen … Wer würde uns glauben Marpessa, daß wir mitten im Krieg regelmäßig zu­sammenkamen, außerhalb der Festung, auf Wegen, die außer uns Eingeweihten niemand kannte; daß wir, weit besser unter­richtet als irgendeine andre Gruppe in Troia, die Lage bespra­chen, Maßnahmen berieten (auch durchführten), aber auch kochten, agen, tranken, miteinander lachten, sangen, spielten, lernten.” (Wolf 1987a, S. 61f) In der Figur der Seherin Kassandra vereinigen sich die hier anfangs vorgestellten Merk­male utopischen Denkens nahezu idealtypisch: grundsatzliche Kritik wird in Vorstellungen von einem anderen Leben überfahrt.

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Literatur

  1. 91.
    Eine umfassende Diskussion der Frage, ob es denn Gesellschaften gab, “in denen Frauen Macht hatten, ohne zu herrschen oder beherrscht zu werden?” bzw. welches Verhältnis zwischen Macht/Herrschaft und Geschlecht besteht, findet sich in Lenz; Luig (1990).Google Scholar
  2. 92.
    Die folgenden Ausführungen werden zeigen, daß bislang keine spezifisch ‘männlichen’ Utopien existieren, obwohl es durchaus auch eine ‘kritische Männerforschung’ gibt. Die gegenwärtigen Geschlechterverhältnissen verweisen aber auf eine eindeutige Unterdrückung der Frauen, so daß den Männern die Kritik und entsprechende Utopien sozusagen von der Realität aus den Händen genommen werden.Google Scholar
  3. 93.
    Sehr deutlich rekonstruiert findet sich dieser prinzipielle Gleichheitsgedanken in Habermas’ Analyse der bürgerlichen Öffentlichkeit, die als Öffentlichkeit unter Gleichen vorgestellt wird (vgl. Habermas 1983, S. 52).Google Scholar
  4. 94.
    Vgl. dazu exemplarisch die Biographien ‘berühmter Bürger-Frauen’, z.B. Rahel Varnhagen (Varnhagen;Wiesel 1987), Caroline Schlegel-Schelling (1988) oder Karoline von Günderrode (1979). Eine zusammenfassende Analyse am Beispiel der Beziehung von Cornelia Goethe zu ihrem Bruder Wolfgang findet sich in Prokop (1 991).Google Scholar
  5. 95.
    In den USA bereits in den 1 960er Jahren (vgl. Beer 1 984, S. 16).Google Scholar
  6. 96.
    Bezeichnenderweise fehlen hier die Frauen und eine Beschreibung ihrer Funktionen und Positionen im neuen gesellschaftlichen Beziehungsgeflecht.Google Scholar
  7. 97.
    Diese Verbindung wird auch häufig in der feministischen Theorie und in entsprechenden Zukunftsvisionen hergestellt (vgl. Kap. 5.3), wobei entweder die Parallele der neuzeitlichen Männerherrschaft über die Natur zur Herrschaft über die Frauen gezogen wird (vgl. Beer 1987, S. 4), oder es wird in Abgrenzung zu den patriarchalen Zerstörungspotentialen auf einen besseren weiblichen Umgang mit der Natur hingewiesen, was mitunter auch zu anderen Rationalitätsformen in Beziehung gesetzt wird (vgl. Kulke 1988, S. 11; Lutz 1984). Eine bedeutende Vertreterin der letztgenannten Vision ist Göttner-Abendroth (vgl. auch S. 160).Google Scholar
  8. 98.
    Der in der Regel durch den jeweiligen Ehemann oder Vater bestimmt wird.Google Scholar
  9. 99.
    Die Analyse des Geschlechts als Strukturkategorie geht auf Beer (1984; 1991a) zurück, wird aber z.B. auch von Haug; Hauser (1989) aufgegriffen.Google Scholar
  10. 100.
    Vgl. dazu auch Systematisierungen des Arbeitsbegriffs, wie sie sich beispielsweise in Neuberger (1985) oder in Bahrdt (1983) finden.Google Scholar
  11. 101.
    Allseits bekannt ist ja das Beispiel der Haushälterin, die ins Bruttosozialprodukt einer Volkswirtschaft eingerechnet wird, während die ‘Ehe-Haus-Frau’ unberücksichtigt bleibt.Google Scholar
  12. 102.
    Einen Überblick dazu vermittelt Bennholdt-Thomsen (1983), die Frauenarbeit in Form des weiblichen Arbeitsvermögens (Beck-Gernsheim; Ostner) und als Zwangsarbeit (Bielefelder Soziologinnen) thematisiert findet. Ebenfalls ist auf die Hausarbeitsdebatte (Werlhoff), marxistische Feministinnen, feministische Sozialistinnen (Beer; Heise) und auf verschiedene, lokal festzumachende Frauenarbeits-Projekte (Münchner SFB, ISF Frankfurt, Uni Hannover u.a.) hinzuweisen. Vgl zur neueren Diskussion über geschlechtsspezifische Arbeitsteilung Beer (1991a).Google Scholar
  13. 103.
    Zu der Ende der 1980er Jahre entflammten Diskussion zum Zusammenhang von Geschlecht — Rationalität — Herrschaft vgl. Kulke (1988); Kulke & Scheich (1992); Aulenbacher & Siegel (1993); Reese u.a. (1993).Google Scholar
  14. 104.
    Ich werde in Kap. 5.3.1 in Anschluß an Göttner-Abendroth (1984) und Holland-Cunz (1987a) noch weitere Utopiekonzeptionen vorstellen, so z.B. matrilinear bzw. geschlechtssymmetrisch organisierte Gesellschaften und Amazonenstaaten.Google Scholar
  15. 105.
    In diesem Sinne wird auch von der dreifachen Freiheit des männlichen Lohnarbeiters gesprochen, der nicht nur von feudalen Abhängigkeiten und Produktionsmittelbesitz frei ist, sondern auch von der Pflicht, reproduktive Arbeit und Verantwortung zu übernehmen.Google Scholar
  16. 106.
    Die Geschlechterungleichheit wurde von Marx und Engels grundsätzlich als Teil der gesellschaftlichen Unterdrückung kritisiert.Google Scholar
  17. 107.
    Die Rezeption marxistischer Ansätze in der Frauenforschung stand am Anfang im Zeichen einer ‘kritischen Weiterentwicklung’, hat sich m. E. aber mit der Neuen Frauenbewegung in den 1970er und 1980er Jahren eher zu einer kritischen Distanz hin verschoben. Hauptkritikpunkte sind die Nicht-beachtung von Geschlechterverhältnissen bzw. deren Subsumtion unter Klassenverhältnisse sowie die mangelnde kategoriale Fassung der Hausarbeit.Google Scholar
  18. 108.
    U. Beer (1984, S. 17) verweist ausdrücklich darauf, daß sich zu Beginn der 1970er Jahre die Utopien der Frauenbewegung zunehmend von den Ideen des Sozialismus gelöst haben.Google Scholar
  19. 109.
    Die von Engels ebenfalls mitbeeinflußte Diskussion um die ‘bürgerliche Familie’ wird an dieser Stelle aus Raumgründen außer Acht gelassen (vgl. dazu Beer 1984).Google Scholar
  20. 110.
    Beer (1984) weist nach, daß für die Diskussion um geschlechtliche Arbeitsteilung und Geschlechterverhältnisse zeitliche Zäsuren im Marxschen Werk von erheblicher Bedeutung sind, weil sich zwar im Frühwerk darauf noch Bezugnahmen finden, die im Spätwerk dagegen gänzlich verschwunden sind.Google Scholar
  21. 111.
    Vgl. dazu auch die Interpretation Marx’ in Kap. 2, die den wertschaffenden Charakter der Arbeitskraft betont. Auch ist im Rahmen dieser Argumentation darauf hinzuweisen, daß hier nicht ein alltagssprachlicher Gebrauch des Begriffes ‘Wert’ gemeint ist, was oft in der Frauenbewegung mißgedeutet wurde, sondern der spezifische Wertbegriff Marx’ zugrundeliegt.Google Scholar
  22. 112.
    Beer (1991a, S. 229) schlägt in diesem Kontext auch vor, den Begriff ‘Produktionsweise’ durch ‘Wirtschafts- und Bevölkerungs-weise’ zu ersetzen.Google Scholar
  23. 113.
    Dieser Gedanke ist hier auch in Kapitel 2.5.3 diskutiert worden.Google Scholar
  24. 114.
    Hier greift Bubeck auf das bekannte Marx-Engels-Zitat aus der Deutschen Ideologie zurück, wonach eine Gesellschaft anstre-benswert sei, in der “Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden” (MEW 3, S. 33). Ein Zitat, das auch in anderen Zusammenhängen zur An-bindung utopischen Denkens führte.Google Scholar
  25. 11.
    Auch die Biographien von Künstlerinnen zeigen diese Problemstellung, so konnte beispielsweise Sylvia Plath (verheiratet mit einem Schriftstellerkollegen) ihrer Schreibarbeit nur unter großen Mühen oder unter Ausnutzung anderer weiblicher Arbeitskräfte nachgehen (vgl. Stevenson 1992).Google Scholar
  26. 116.
    Vgl. zur Diskussion um das Verhältnis zwischen betrieblichen und lebensweltlichen Zeitstrukturen und der Funktion der Teilzeitarbeit als Vermittlungsmechanismus Raehlmann u.a. (1993).Google Scholar
  27. 117.
    Den Vorteilen bzw. dem Nutzen der Berufsform der Arbeit stehen auch Nachteile sowohl für die Gesellschaft wie für die einzelnen gegenüber, z.B. die Verfestigung sozialer Ungleichheit, die Trennung von Arbeit und Lernen, die Begrenzungen individueller Entwicklungsmöglichkeiten und der Nutzung des Arbeitsvermögens (vgl. Brater;Beck 1982, S. 218ff).Google Scholar
  28. 118.
    Vgl. zum Stand und den Perspektiven der sozialwissenschaftlichen Zeitforschung und insbesondere zur Zeitsoziologie die Ausführungen in Maurer (1992c).Google Scholar
  29. 119.
    Eine Studie zum Zeitverhalten und der beruflichen Zukunftsplanung italienischer Jugendlicher ergab, daß junge Männer zur Iden-titätsfindung bestehende Zeitmuster aufzulösen trachten, während junge Frauen eher versuchen, Familien- und Erwerbsarbeitszeiten langfristig zu koppeln, wobei sie ihren Planungszeitraum beschneiden (vgl. Leccardi 1990).Google Scholar
  30. 120.
    Arbeitszeiten sind ein wesentlicher Bestandteil der modernen Lebensführung (vgl. Jurczyk; Treutner; Voß; Zettel 1985).Google Scholar
  31. 121.
    Einzig den weiblichen ‘Singles’ gelingt es durch Anpassung der weiblichen an die männliche Biographie, verschiedene Zeiten in Übereinstimmung zu bringen.Google Scholar
  32. 122.
    Wir treffen hier auf eine ähnliche Doppelstrategie wie bei Karl Marx und Oskar Negt (vgl. Kap. 2; Kap. 4.2).Google Scholar
  33. 123.
    Die ‘Geschlechtsspezifik’ von Utopien ist bislang kaum erkannt und benannt worden; außer den hier vorgestellten Arbeiten von GöttnerAbendroth (1979) und Holland-Cunz (1987a) findet sich dazu meines Wissens bislang nur noch in Heubrock (1989) ein Verweis und die Ankündigung einer entsprechenden Abhandlung, die aber noch nicht vorliegt.Google Scholar
  34. 124.
    Göttner-Abendroth ist in den 80er Jahren durch ihre Matriarchatsforschungen und den Versuch, ihre ‘Utopie’ in einem konkreten weiblichen Lebenszusammenhang, gekoppelt mit einer entsprechenden subsistenzwirtschaftlichen und naturnahen, ökonomischen Lebensform, zu verwirklichen, bekannt geworden (vgl. z.B. Göttner-Abendroth 1984).Google Scholar
  35. 125.
    Vgl. dazu auch Holland-Cunz (1988), die ähnlich vorgeht und sich in Anlehnung an und Abgrenzung von Bloch dem Thema ‘feministische Utopie’ nähert (vgl. Kap. 5.3.2).Google Scholar
  36. 126.
    Vgl. dazu die eingangs dargestellte Kassandra-Figur (vgl. Kap. 5, S. 119) und die vielfältige Literatur zum Thema ‘Hexen’.Google Scholar
  37. 127.
    Einen sehr guten Überblick über ‘feministische Philosophie und Ethik’ gibt Meyer (1992).Google Scholar
  38. 128.
    Die Auswahl der Texte erfolgte ihren eigenen Angaben nach anhand folgender Kriterien: internationale Relevanz, analytische Breite, programmatische Zielorientiertheit und inhaltlicher Internationalismus (Holland-Cunz 1988, S. 79). Der Entwicklung der nationalen Frauenbewegungen entsprechend kommt dabei der amerikanischen Literatur eine sehr große Bedeutung zu. Auf einen Überblick über die verschiedenen Texte und Einzelergebnisse kann an dieser Stelle verzichtet werden, wichtig sind hier vor allem die Grundzüge der utopischen Denkweisen.Google Scholar
  39. 129.
    In diesem Zusammenhang kritisiert sie auch an der nordamerikanischen Utopieforschung, daß diese gesellschaftstheoretische Fragen weitgehend unberücksichtigt läßt, keinen Bezug zur klassischen Utopietradition herstellt und auch die Felder Politik und Ökonomie nicht besetzt (vgl. Holland-Cunz 1988, S. 75).Google Scholar
  40. 130.
    Vgl. auch Kap. 5.1.1, S. 123; Kulke (1988, S. 11).Google Scholar
  41. 131.
    Ähnliche Gedanken fanden wir in allgemeinen Zeitutopien, die auch für eine Wiederentdeckung der Langsamkeit und natürlicher Rhythmen plädieren (vgl. Kap. 4.3 und 4.4).Google Scholar
  42. 132.
    In den von Holland-Cunz (1988, S. 378) analysierten Texten war nur einmal die völlige Abschaffung der Arbeit Thema der Utopie.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1994

Authors and Affiliations

  • Andrea Maurer

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