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Moderne Arbeitsutopien: Arbeit und Zeit

  • Andrea Maurer
Part of the Studien zur Sozialwissenschaft book series (SZS, volume 138)

Zusammenfassung

Die Zeit ist in modernen Industriegesellschaften mehr als das, was die Uhr oder der Kalender anzeigt, sie ist ein herausragendes Strukturprinzip, und viele Probleme der Moderne sind auf die darin vorgenommene Organisation der Zeit zurückzuführen. Allerorten wird über Zeitknappheit und Zeitdruck geklagt, Sachprobleme werden nicht selten zu Zeitproblemen und Auseinandersetzungen um die Arbeitszeitgestaltung sind längst das Markenzeichen moderner Gesellschaften. Kurzum: die Zeit ist ein Politikfeld der Gegenwart und erst recht der Zukunft, sie ist ‘utopieverdächtig’. Die Zeit ist utopieverdächtig, weil sie zugleich Ausgangspunkt eines allgemeinen Unbehagens und zentraler Kritikpunkt der Gesellschafts- und der Arbeitsorganisation ist, sie aber auch als das Gestaltungselement für ein besseres Leben und Arbeiten angesehen wird. Wie es zu dieser Struktu-rierungskraft der Zeit und der neuen Zeitsensibilität kommen konnte und was die Zeit letztlich mit Arbeit zu tun hat, sind Fragestellungen, die direkt ins Zentrum der modernen Gesellschaften führen.63

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Literatur

  1. 63.
    Zum Zusammenhang von Zeit und sozialem Wandel vgl. Schmid 1986.Google Scholar
  2. 64.
    Elias weist darauf hin, daß die substantivische Form ‘Zeit’ in die Irre führt und daß stattdessen die Verbform ‘zeiten’ treffender wäre (Elias 1988, S. 11).Google Scholar
  3. 65.
    Vgl. zur Geschichte von Taylorismus, Management und Lohnarbeit Braverman (1985) und Brödner (1986).Google Scholar
  4. 66.
    Zur Kritik an der herkömmlichen Arbeitszeitdiskussion vgl. Maurer 1992b.Google Scholar
  5. 67.
    Man denke etwa an Marcel Prousts ‘Suche nach der verlorenen Zeit’, James Joyce’ ‘Ulysses’ oder an die kulturkritischen Bestseller unserer Tage, wie ‘Momo’ von Michael Ende, Sten Nadolnys ‘Entdeckung der Langsamkeit’, Peter Handkes ‘Versuch über die Müdigkeit’ oder gar an das Plädoyer für ‘Trägheit’ von Ingomar von Kiseritzky (vgl. Kap. 4.4).Google Scholar
  6. 68.
    Detaillierte Überblicke zur Arbeitszeitentwicklung seit der Industrialisierung finden sich in Deutschmann 1985; Seifert 1985; Scharf 1987 und Otto 1989.Google Scholar
  7. 69.
    Ein Gedankengang, den wir bei der Behandlung des Negtschen Ansatzes noch ausführlicher darstellen werden, der aber auch von anderen formuliert wird (vgl. Rinderspacher 1985; Schmahl 1988).Google Scholar
  8. 70.
    Eine Argumentationslinie, die auch die von Andrè Gorz (1988) betonte Dualität von arbeitsgesellschaftlicher und freizeitgesellschaftlicher Utopie abdeckt, lassen sich doch nach jeweiliger Schwerpunktsetzung beide Richtungen daraus ableiten.Google Scholar
  9. 71.
    Dieses ‘frühindustrielle Zeitarrangement’ ist von Deutschmann (1985) ausführlich beschrieben und interpretiert worden.Google Scholar
  10. 72.
    Zur Institutionalisierung von Arbeitstag, Arbeitswoche, Arbeitsjahr und parallel von Feierabend, Wochenende und Urlaub vgl. Maurer 1992a.Google Scholar
  11. 73.
    Diese direkte Verbindung von Arbeitszeitflexibilisierungsvorstellungen mit ökonomischen Kriterien, wie sie vor allem aus Sicht der Unternehmen vorgenommen wird, hat wohl wesentlich dazu beigetragen, daß der Flexibilisierungsbegriff in Zeitutopien nicht verwandt wird.Google Scholar
  12. 74.
    S. dazu die Diskussion um ‘neue Produktionskonzepte’ (vgl. Kern und Schumann 1990; Jürgens 1990).Google Scholar
  13. 75.
    Vgl. dazu weiter Negt 1985, S. 43ff; 1986, S. 18; 1988, S. 531.Google Scholar
  14. 76.
    Eine These, die durch die Tatsache, daß Lafargue der Schwiegersohn Marx’ war, an Attraktivität und Zitierbarkeit gewonnen hat. Als eine aktuelle Auflage dieser Streitschrift kann heute das ‘Nie wieder Arbeit’ von Gruber (1989) angesehen werden.Google Scholar
  15. 77.
    Ein äußerst komplexer und mehrschichtiger Gedanke, hat doch die Darstellung der Arbeitszeitverkürzung gezeigt, daß die Freizeit ein Produkt derselben ist, sich also hier die Frage aufdrängt, kann es das eine ohne das andere geben?Google Scholar
  16. 78.
    Vgl. dazu die von Seifert dem gegenübergestellte Kritik, die hier in Kap. 4.4 behandelt wird.Google Scholar
  17. 79.
    Vgl. dazu die Darstellung in Wendorff 1980.Google Scholar
  18. 80.
    Die Thesen von H. Nowotny werden in Kap. 5.2.3 noch näher erläutert.Google Scholar
  19. 81.
    Zur Planung und Gestaltung der Alltagszeit wie der Biographie in besonderen Situationen und Lebenslagen vgl. die Studie von Brose, Wohlrab-Sahr und Costner 1993.Google Scholar
  20. 82.
    Die Ausführungen beruhen auf einer qualitativen Studie, für die in offenen Interviews Arbeitnehmer mit außergewöhnlich flexiblen Arbeitszeiten befragt wurden, wobei der zeitpionierhafte Lebensstil zutage trat (Hörning;Gerhard;Michailow 1990).Google Scholar
  21. 83.
    ‘Sonderfälle’ oder willkürliche Arbeitszeitverkürzungen waren für Betriebe seit der Industrialisierung eine Disziplinierungs- und Differenzierungsmöglichkeit, um einzelne Arbeitnehmer bevorzugt zu behandeln und so deren Arbeitswilligkeit zu steigern und ev. Nachahmungseffekte zu erzielen. Anschaulich zeigt sich dies an der Geschichte des Urlaubs (vgl. Reulecke 1979, S. 225; Maurer 1992a, S. 179).Google Scholar
  22. 84.
    Darin dürfte auch der anschauliche Unterschied zu prekären Beschäftigungsverhältnissen oder einer zwangsweisen Teilzeitbeschäftigung liegen (vgl. auch Hörning;Gerhard;Michailow 1990, S. 50; Brose;Wohlrab-Sahr;Costner 1993).Google Scholar
  23. 85.
    Die Studie von Hörning u.a. liest sich dabei wie die Vorwegnahme der neuerdings so hoch gelobten Modelle von lean production, wenn dort von Eigenorganisation, bewußtem Umgang mit der Zeit, Rückverlagerung von Entscheidungskompetenzen über Arbeitszeiten an die Beschäftigten u.a. gesprochen wird (vgl. dazu Ho-waldt;Kopp 1992; Bischoff;Herkommer 1992).Google Scholar
  24. 86.
    In diesem Kontext sind auch die Ergebnisse einer Bremer Forschungsgruppe (Zoll u.a. 1989) von Interesse, die ähnliche Zeitverhaltensmuster bei Jugendlichen unter dem Titel “Nicht so wie unsere Eltern!” expliziert haben.Google Scholar
  25. 87.
    Zur Zeitthematik in der Literatur vgl. Geißler 1988. Primärmaterial findet sich weiterhin in dem Sammelband ‘Auf der Suche nach der gewonnenen Zeit’ (1990).Google Scholar
  26. 88.
    K. H. Hörning verdanken wir in diesem Zusammenhang den Hinweis auf den neu zu entdeckenden Michel de Montaigne — ein profiierter Vorreiter der Individualisierung -, dessen Werk sich auch als ein Appell für andere Zeitnutzungen interpretieren läßt, wird dort doch als höchste Tugend die Muße beschrieben (vgl. Hörning 1991, S. 1002; Montaigne 1976,11580).Google Scholar
  27. 89.
    Er bezieht sich hier auf die von Habermas aufgestellte These der verbrauchten utopischen Energien (Habermas 1985, S. 141ff; vgl. Kap. 1.2).Google Scholar
  28. 90.
    Der von Jürgen Rinderspacher (1985) vorgeschlagene Weg, nach Gesellschaftsentwürfen zu suchen, in denen die Wirkmacht der Zeit eingeschränkt sei, ist meines Wissens bislang noch nicht weitergegangen worden.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1994

Authors and Affiliations

  • Andrea Maurer

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