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Arbeit-Entfremdung-Emanzipation (Karl Marx)

  • Andrea Maurer
Part of the Studien zur Sozialwissenschaft book series (SZS, volume 138)

Zusammenfassung

Setzten Abhandlungen zum Marxschen Werk früher meist mit einer Rechtfertigung dafür ein, daß sie der langen und ausführlichen Rezeptionsgeschichte noch ein Werk beisteuerten, ist es nach den Umbruchsprozessen in den realsozialistischen Ländern zur Pflichtübung geworden, das ‘dennoch und trotzdem’ einer Marx-Bearbeitung zu begründen. Hier soll keine neue Marx-Exegese vorgestellt werden, vielmehr geht es mir darum, den Arbeits- und Entfremdungsbegriff im Marxschen Werk soweit zu rekonstruieren, daß die weiter oben vorgestellten Thesen kritisch diskutiert werden können. Eingangs wurde ja bereits festgestellt, daß der Marxsche Arbeitsbegriff eine entscheidende Wende in der Geschichte des Arbeitsverständnisses markiert, weil damit erstmals auch die Beziehung zwischen Arbeit, Entfremdung und Emanzipation theoretisch aufgearbeitet wurde, womit die Arbeit zum Gegenstand des utopischen Denkens werden konnte. Nur so ist es denn auch möglich, die Anknüpfungspunkte bzw. die Abgrenzungslinien der modernen Arbeitsutopien hinsichtlich des Marxschen Denkens aber auch bezüglich des klassischen Arbeitsverständnisses zu explizieren und daraus deren Spezifika zu rekonstruieren.

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Literatur

  1. 18.
    Die zentrale Stellung des Arbeitsbegriffs, und damit auch des Entfremdungsbegriffs, wurde bereits mehrfach hervorgehoben, vgl. dazu v.a. Marcuse (1968), Klages (1964), Habermas (1974; 1976), Fetscher (1985).Google Scholar
  2. 19.
    Verstärkt wurde die Mißachtung der Manuskripte noch durch deren späte Publikation, die im deutschsprachigen Raum erst im Jahre 1932 vorlag. Ihre erste Rezeption erfolgte dann bereits 1933 durch Herbert Marcuse (1 968,11 933).Google Scholar
  3. 20.
    Vgl. dazu auch Israel (1985, S. 7f) und Albers (1975, S. 37).Google Scholar
  4. 21.
    Die Pariser Studien (hier zitiert nach MEW EB 1), auch Philosophisch-ökonomische Manuskripte oder verkürzt Frühschriften genannt, umfassen vier fragmentarisch hinterlassene und von Marx nicht zur Veröffentlichung vorgesehene Texte sowie Exzerpte, die in der Zeit von April bis August 1844 in Paris angefertigt worden sind.Google Scholar
  5. 22.
    In dieser Auseinandersetzung verdeutlicht sich ganz besonders die Bedeutung Marx’ für eine Betrachtung des Arbeitsbegriffs, denn darin wird sichtbar, worin der Durchbruch bei Marx bestand. Zudem zeigt sich die Weiterentwicklung der Thesen von Hegel, Ricardo, Smith u.a., sowie der ideengeschichtliche Hintergrund des Marxschen Werkes (vgl. dazu Conze 1972, S. 194ff).Google Scholar
  6. 23.
    Die Verbindung zu Hegel wird in folgender Bemerkung Marx’ deutlich: “Das Große an der Hegeischen Phänomenologie ... ist also einmal, daß Hegel die Selbsterzeugung des Menschen als einen Prozeß faßt ... (und) daß er ... das Wesen der Arbeit faßt und den gegenständlichen Menschen, wahren, weil wirklichen Menschen, als Resultat seiner eigenen Arbeit begreift.” (MEW EB 1, S. 574; Hervorh. im Orig.)Google Scholar
  7. 24.
    Vgl. zum Verhältnis ‘Mensch-Arbeit’ Klages 1964, S. 21 ff; Israel 1985, S. 105ff; Albers 1975, S. 40ff.Google Scholar
  8. 25.
    Zur Bestimmung des Menschen als Gattungswesen bei Marx und Hegel vgl. insbes. Lange 1980, S. 73ff.Google Scholar
  9. 26.
    Diese Unterscheidung wird von Marx noch im Kapital hervorgehoben, wenn er das Beispiel anführt: “Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut.” (MEW 23, S. 193)Google Scholar
  10. 27.
    Braverman formuliert dieses Unterscheidungskriterium so: “Doch das Besitzergreifen der in der Natur schon fertig vorhandenen Materialien ist keine Arbeit. Arbeit ist eine Tätigkeit, die diese Materialien aus ihrem Naturzustand herausführt, um ihre Brauchbarkeit zu verbessern.” (Braverman 1985, S. 45)Google Scholar
  11. 28.
    Der Begriff der Entfremdung wurde nicht von Marx neu in die Diskussion eingeführt, er hat ihn von Hegel übernommen und erweitert (Klages 1964, S. 37). Nach Israel (1985, S. 49) sind in den Marxschen Ausführungen drei Aspekte, die religiöse, die politische und die ökonomische Entfremdung, nach Mészâros (1973, S. 151ff) die moralische, ästhetische, ökonomische und politische Entfremdung zu unterscheiden.Google Scholar
  12. 29.
    Vgl. Müller & Schmid (1992, S. 485f), die im Vergleich Durk-heim-Marx darauf hinweisen, daß Marx Arbeitsteilung mit Entfremdung in einen ursächlichen Zusammenhang bringt, während Durkheim der Arbeitsteilung einen gegenteiligen Effekt zuschreibt, nämlich die qualitative Veränderung der Solidarität (vgl. weiter König 1978, S. 211f; Schmid 1988).Google Scholar
  13. 30.
    Vgl. dazu insbesondere die Ausführungen zum Historischen Materialismus (MEW 13, S. 7ff).Google Scholar
  14. 31.
    Für seine weiteren Betrachtungen folgert Marx, daß aus dem hier entwickelten Gedankengang und den Kategorien ‘entfremdete Arbeit’ und ‘Privateigentum’ alle weiteren nationalökonomischen Kategorien zu gewinnen seien (MEW EB 1, S. 521), eine Aufgabe, der sich Marx im ‘Kapital’ stellen wird und die nochmals Licht auf die Kontinuität des Gesamtwerks wirft.Google Scholar
  15. 32.
    Bei Lange wird dies so interpretiert, daß Marx Arbeit als hervorbringendes, poietisches, auf ein materielles Produkt bezogenes Tun bezeichnet und damit die für Aristoteles kennzeichnende Differenz zwischen praxis und poiesis dadurch aufhebt, daß die Tätigkeit im Gegenstand fixiert fortdauert (Lange 1980, S. 20f).Google Scholar
  16. 33.
    Oder wie Fromm feststellt: “Es ist in der Tat einer der großen Unterschiede zwischen Marx und den meisten Schriftstellern des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, daß er den Kapitalismus nicht als das Ergebnis der menschlichen Natur und die Motive des Menschen im Kapitalismus nicht als die universalen Motive des Menschen betrachtet.” (Fromm 1985, S. 25; Hervorh. im Orig.)Google Scholar
  17. 34.
    Vgl. zur Beziehung von Marxismus und Utopie Kilminster 1985, S. 77; Neusüß 1986Google Scholar
  18. 35.
    Motor der gesamten Geschichte ist ja bekanntlich das Verhältnis zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, eine Beziehung, die im Vorwort ‘Zur Kritik der politischen Ökonomie’ definiert ist: “Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt. Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen ... Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganz ungeheure Überbau langsamer oder rascher um.” (MEW 13, S. 9)Google Scholar
  19. 36.
    Vgl. dazu vor allem ‘Zur Kritik der Politischen Ökonomie’ (MEW 13) und das 1867 veröffentlichte Hauptwerk ‘Das Kapital’ (MEW 23).Google Scholar
  20. 37.
    Daß Marx damit die bereits in den Frühschriften begonnene Auseinandersetzung mit der traditionellen Nationalökonomie und der Philosophie fortführt, zeigt schon allein der gewählte Untertitel zum Kapital, ‘Kritik der politischen Ökonomie’.Google Scholar
  21. 38.
    Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit meint die gemäß dem Entwicklungsstand der Produktivkräfte durchschnittlich benötigte Arbeitszeit.Google Scholar
  22. 39.
    “Unter Arbeitskraft oder Arbeitsvermögen verstehen wir den Inbegriff der physischen und geistigen Fähigkeiten, die in der Leiblichkeit, der lebendigen Persönlichkeit eines Menschen existieren und die er in Bewegung setzt, sooft er Gebrauchswerte irgendeiner Art produziert.” (MEW 13, S. 181)Google Scholar
  23. 40.
    Für Braverman (1985, S. 55ff), der eine exzellente, auf den Marx-schen Gedanken beruhende Analyse der Arbeit im modernen Pro-duktionsprozeß vorgelegt hat, ist dies die Geburtsstunde des Managements und der wissenschaftlichen Betriebsführung. Stellvertretend für den Komplex der ‘Disziplinierung’ und insbesondere die Fabrikdisziplin sei hier auf Pollard (1967) und Thompson (1973) verwiesen.Google Scholar
  24. 41.
    Vgl. dazu weiter Deutschmann (1985) sowie Maurer (1992a).Google Scholar
  25. 42.
    Vgl. dazu vor allem die Schilderungen von Marx in MEW 23, S. 589ff und die Schrift ‘Zur Lage der arbeitenden Klasse in England’ von Engels (1985, 11845).Google Scholar
  26. 43.
    Ein Gedanke, der vor allem im Werk ‘Haben oder Sein’ von Erich Fromm (1979) weitergeführt wurde und dadurch Aktualität erlangt hat.Google Scholar
  27. 44.
    “Bei der Lohnarbeit erscheint umgekehrt selbst die Mehrarbeit oder unbezahlte Arbeit als bezahlt. Dort (Sklavenhaltergesellschaft, Anm. A.M.) verbirgt das Eigentumsverhältnis das Fürsichselbstarbeiten der Sklaven, hier das Geldverhältnis das Umsonstarbeiten des Lohnarbeiters.” (MEW 23, S. 562)Google Scholar
  28. 45.
    Eine Analyse, die auch heute noch als der unangefochtene Beitrag Marx’ zu den Sozialwissenschaften gilt.Google Scholar
  29. 46.
    Es sei an dieser Stelle nur ganz allgemein an die Arbeiten der ‘Franzosen’ Althusser, Gorz, Lacan, an die Kritische Theorie, aber auch an die feministische Marx-Rezeption (vgl. Kap. 5) erinnert.Google Scholar
  30. 47.
    Ein Vorgehen, für das nahezu idealtypisch die ‘Kritische Theorie’ und ihre Nachfolger, aber auch die Frauenforschung stehen.Google Scholar
  31. 48.
    Es wäre deshalb gesondert zu prüfen, ob aus seinem Begriffssystem ein Instrumentarium zur Betrachtung o.e. Erscheinungen entwickelt werden könnte.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1994

Authors and Affiliations

  • Andrea Maurer

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