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Deweys Kritik des erstarrten Liberalismus

  • Dirk Jörke
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Zusammenfassung

In Democracy’s Discontent (1996) behauptet Michael Sandel einen Wandel der ehemals republikanisch geprägten politischen Kultur der USA zur heutigen Dominanz eines liberal-prozeduralistischen Selbstverständnisses. Sandel verbindet hiermit das ehrgeizige Projekt, zu einer Revitalisierung der republikanischen Tradition und damit zu einer Eindämmung einer prozeduralistischen Politikkonzeption beizutragen, die ihm zufolge für das wachsende Unbehagen der Bürger mit dem gesellschaftlichen Leben im allgemeinen und den politischen Verhältnissen im besonderen verantwortlich ist. Dieses Unbehagen, eben jene Unzufriedenheit mit der Demokratie’ von der im Titel die Rede ist, setzt sich aus zwei korrespondierenden Ängsten zusammen:

One is the fear that, individually and collectively, we are losing control on the forces that govern our lives. The other is the sense that, from family to neighborhood to nation, the moral fabric of community is unraveling around us. These two fears — for the loss of selfgovernment and the erosion of community — together define the anxiety of the age. It is an anxiety that the prevailing political agenda has failed to answer or even address (Sandel 1996: 3).

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Referenzen

  1. 162.
    Zu dieser ‘vergessenen Vorgeschichte der ‘Kommunitarismus—Diskussion’ und Deweys herausragende Stellung in ihr vgl. Joas 1993.Google Scholar
  2. 163.
    Zum Begriff der ‘öffentlichen Philosophie’ vgl. Sandel (1996, insb. 3–25) und Galston (1998); eine kritische Auseinandersetzung findet sich bei Tushnet (1998).Google Scholar
  3. 164.
    Inwieweit der Liberalismus tatsächlich mit ‘life, liberty and the pursuit of happiness’ gleichzusetzen ist und was diese Formel zum Ausdruck bringen soll, ob in ihr etwa das demokratische Gleichheitsprinzip oder doch nur die Interessen des Besitzbürgertums zum Ausdruck gebracht werden, ist freilich umstritten. Dewey selbst bezieht sich in Freedom and Culture jedenfalls positiv auf Jefferson (LW 13: 173 ff.).Google Scholar
  4. 165.
    Zum biographischen Hintergrund vgl. Westbrook (1991) und Ryan (1995). Eine detaillierte Darstellung der verschiedenen Phasen von Deweys politischem Engagement auf Seiten der demokratischen Linken findet sich bei Brickman (1970) und Bullert (1983).Google Scholar
  5. 166.
    Hier greift Dewey eine Thematik auf, die ihn bereits in Die Öffentlichkeit und ihre Probleme beschäftigt hat.Google Scholar
  6. 167.
    Diesem Ideal der Selbstverwirklichung liegt nun seinerseits das im ersten Teil (2.3) skizzierte normative Potential des Erfahrungsbegriffes zugrunde; ich werde diesen Zusammenhang im folgenden Kapitel diskutieren.Google Scholar
  7. 168.
    Die folgenden Seitenzahlen, beziehen sich, sofern sie nicht anders ausgewiesen sind, auf diesen Text.Google Scholar
  8. 169.
    Vgl. Die Öffentlichkeit und ihre Probleme „Der Aufstand gegen die alten und einschränkenden Assoziationen wurde intellektuell in die Doktrin der Unabhängigkeit von aller und jeder Assoziation verwandelt“ (Dewey 1996: 82).Google Scholar
  9. 170.
    Vgl. Abschnitt 2.1 des ersten Teils.Google Scholar
  10. 171.
    Hier ist eine interessante Parallele zur Kritik von Lyotard und Derrida am republikanischen Gründungsakt, in dem beide die Verschleierung der eigenen Performativität — also ihrer Willkür, ihrer ‘Unentscheidbarkeit’ — durch die Berufung auf ein vermeintlich allgemeines Interesse sehen; vgl. Lyotard (1987: 200 ff.), Derrida (1991). Eine kritische Auseinandersetzung mit einer derartigen Auffassung liefert Benhabib (1993).Google Scholar
  11. 172.
    Eine kritische Auseinandersetzung mit dem utilitaristischen Moralprinzip liefert Dewey dagegen in den beiden Auflagen der Ethics (MW 5, LW 7) und in Die Erneuerung der Philosophie (Dewey 1989). Er wendet sich insbesondere gegen die Dominanz eines einzigen Moralprinzips im Utilitarismus; bei Bentham die Vermeidung von Schmerzen und das Streben nach Freude. Die Notwendigkeit zum moralischen Urteilen tritt Dewey zufolge aber gerade dann ein, wenn keine eindeutigen Kriterien vorliegen, wenn also beispielsweise ein Konflikt zwischen verschiedenen Gütern vorhanden ist oder unterschiedliche Auffassungen über das richtige Handeln aufeinander treffen. In derartigen problematischen Situationen nütze das utilitaristische Moralprinzip wenig. Ein weiterer — damit einhergehender — Kritikpunkt Deweys besteht darin, daß der Utilitarismus von festen, unveränderlichen Zielen ausginge, eine Auffassung, der er seine Theorie des Wechselspiels von Zielen und Mitteln entgegensetzt: Der Utilitarismus „war in grundlegenden Fragen immer noch zutiefst von den alten Denkmethoden beeinflußt. Er stellte niemals die Idee eines unwandelbaren, endgültigen und höchsten Zieles in frage, sondern nur die gängigen Vorstellungen von der Natur dieses Ziels, und setzte dann die Lust und das größtmögliche Aggregat von Lust an die Stelle des unwandelbaren Ziels“ (Dewey 1989: 224). Zum Wechselspiel von Zielen und Mitteln vgl. oben S. 76 f. Zu Deweys Kritik am Utilitarismus vgl. Gouinlock (1972: 182 ff.) und Welchman (1995: 157 ff.); zur Frage nach der Aktualität von Deweys Moraltheorie sind Edel/Flower (1985), Gouinlock (1993), Honneth (2000) und Pappas (1998) instruktiv.Google Scholar
  12. 173.
    Vgl. zu Green und dessen Einfluß auf die Entwicklung von Deweys Denken oben S. 21 ff.Google Scholar
  13. 174.
    „But disregard of history took its revenge. It blinded the eyes of liberals to the fact that their own special interpretations of liberty, individuality and intelligence were themselves historically conditioned, and were relevant only to their own time” (LW 11: 26). Zu diesem Konzept eines ‘genealogoischen Liberalismus’ vgl. Stuhr (1998: 87 ff.).Google Scholar
  14. 175.
    Zu dieser Gegenüberstellung von positiven und negativen Freiheitskonzeptionen vgl. die klassische Studie von Berlin (1995).Google Scholar
  15. 176.
    Auf die Gemeinsamkeiten zwischen Dewey und John Stuart Mill werde ich weiter unten (163 ff.) noch ausführlicher eingehen.Google Scholar
  16. 177.
    Dies wird insbesondere in Deweys Kritik an der Politik des ‘New Deal’ deutlich, die ihm zufolge das grundlegende Übel des Kapitalismus nicht anginge und daher lediglich an Symptomen herumdoktere: „Take the measures of the New Deal that are intended to improve present conditions. You will not find one that is not compromised, prejudiced, yes, nullified, by private monopolization of opportunity” (LW 11: 256). Inwieweit Dewey mit dieser Einschätzung richtig liegt oder ob er nicht den Möglichkeitsspielraum sozialreformistischer Politik zu Zeiten des ‘New Deals’ falsch eingeschätzt hat, muß an dieser Stelle offen bleiben; zu Deweys Kritik am ‘New Deal’ vgl. Westbrook (1991: 439 ff.).Google Scholar
  17. 178.
    Dieses Modell, das in einer Verschränkung von Partizipation und Expertise besteht, wird uns in 8.3 noch ausführlich beschäftigen. Zu Deweys Kritik am Marxismus vgl. Freedom and Culture (LW 13) und Why I am not a Communist (LW 9). Einen frühen Vergleich, der insbesondere die Gemeinsamkeiten von Dewey und Marx herausstellt, liefert Cork (1950), neuere Arbeiten mit einem stärkeren Fokus auf den grundlegenden philosophischen Differenzen finden sich in Gavin (1988).Google Scholar
  18. 179.
    Eine entsprechende Kritik findet sich unter anderem bei Somjee (1968), Smiley (1990), Diggins (1994), Ryan (1995: 317 ff.) und MacGilvray (1999); auch Westbrook weist trotz einer insgesamt wohlwollenden Darstellung darauf hin, daß Deweys politische Programmatik nicht gänzlich überzeugend ist (Westbrook 1991: 318, 1996); hierzu kritisch Eldridge (1996, 1998). Eine grundsätzliche Kritik an der Vagheit und Naivität von Deweys politischer Theorie im allgemeinen und seinem Ideal der kooperativen Problemlösung im besonderen aus dezidiert linker Perspektive findet sich bei Lasch (1965) und Mills (1966); eine Metakritik liefert Campbell (1995: 242 ff.).Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag/GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2003

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  • Dirk Jörke

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