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Das Primat des Sozialen

  • Dirk Jörke
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Zusammenfassung

In den bisherigen Kapiteln ist ein zentraler Aspekt der Philosophie Deweys lediglich am Rande thematisiert worden, nämlich seine Hervorhebung des grundlegend sozialen Charakters der menschlichen Natur. Diese Betonung findet sich gleichermaßen in allen seinen philosophischen Hauptwerken wie in einer beachtlichen Reihe von Aufsätzen, von denen ein großer Teil explizit die soziale Konstituierung des Selbst thematisiert.117 Die Vehemenz, mit der Dewey die Bedeutung des Sozialen propagiert, erklärt sich zunächst in seiner doppelten Abgrenzung von der Dominanz individualistischer Theorien in der Psychologie auf der einen und der Doktrin des Besitzindividualismus118 auf der anderen Seite. So schreibt er in seinem politiktheoretischen Hauptwerk Die Öffentlichkeit und ihre Probleme: „Die Idee eines natürlichen Individuums, das in seiner Isoliertheit über ausgebildete Bedürfnisse verfügt [...] ist in der Psychologie ebensosehr eine Fiktion wie die Lehre vom Individuum, das vorausgehende politische Rechte besitzt, eine in der Politik ist (Dewey 1996: 94). Beides sind Phänomene, die seit der Jahrhundertwende zunehmend an Einfluß gewannen und einen Denker, der von der Sozialphilosophie Hegels und Thomas Hill Greens geprägt worden ist, zum Widerspruch reizen mußten.

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Referenzen

  1. 117.
    Aus der Vielzahl der Monographien, in denen Dewey die soziale Natur des Selbst herausstellt, seien hier Demokratie und Erziehung, Human Natur and Conduct, Die Öffentlichkeit und Ihre Probleme, Individualism Old and New sowie sein philosophisches Hauptwerk Erfahrung und Natur genannt. In folgenden Aufsätzen steht zudem die These vom Primat des Sozialen im Zentrum: The Ethics of Democracy (EW 1), The Inclusive Philosophic Idea (LW 3), Conduct and Experience (LW 5), Human Nature (LW 6), Does Human Nature Change? (LW 13).Google Scholar
  2. 118.
    Vgl. zum Konzept des Besitzindividualismus die immer noch beeindruckende Studie von C.B. Macpherson (1973).Google Scholar
  3. 119.
    Auf Deweys politisch motivierte Kritik am possessiven Individualismus werde ich zu Beginn des zweiten Teils noch ausführlicher eingehen.Google Scholar
  4. 120.
    Alle Zitate von Maine finden sich bei Dewey (EW 1: 227–249, hier 228–232). Zu Popular Government von Maine vgl. Collini (1991).Google Scholar
  5. 121.
    Vgl. Abschnitt 1.1.Google Scholar
  6. 122.
    Vgl. oben S. 48 ff.Google Scholar
  7. 123.
    Eine detaillierte Begründung dieses Primats findet sich u.a. in Erfahrung und Natur, Die Suche nach Gewißheit und Logic: The Theory of Inquiry. Google Scholar
  8. 124.
    In Erfahrung und Natur kommt es noch zu keiner expliziten Unterscheidung zwischen dem Mentalen und dem Sozialen als je eigene ‘Felder’ der Natur; sie wird von ihm jedoch bereits angedeutet: „Die dritte Ebene ist die der Vergemeinschaftung, der Kommunikation und der Teilhabe. Diese ist intern noch weiter differenziert, da sie aus Individualitäten besteht“ (Dewey 1995: 261). Auf das Wechselverhältnis von Individualität und Sozialität werden wir im weiteren Verlauf dieses Abschnittes noch ausführlich zu sprechen kommen.Google Scholar
  9. 125.
    Darauf werden wir im Zusammenhang mit Deweys Konzept des ‘habit’ und seiner Kommunikationstheorie noch ausführlicher zurückkommen; vgl. Abschnitte 4.2. und 4.3.Google Scholar
  10. 126.
    Dewey übernimmt in diesem Zusammenhang den alltagssprachlichen Begriff des ‘Instinktes’, in Human Nature and Conduct hat er sich jedoch, wie wir noch sehen werden, gegen die Benutzung des Instinktbegriffes ausgesprochen; vgl. unten S. 105.Google Scholar
  11. 127.
    Hier ist jedoch der Einwand nicht von der Hand zu weisen, daß es sich Dewey mit diesen Beispielen zu einfach macht.Google Scholar
  12. 128.
    Die folgenden Seitenzahlen beziehen sich, soweit sie nicht anders ausgewiesen sind, auf diesen Text.Google Scholar
  13. 129.
    Die Begriffe ‘habits’ und ‘Gewohnheiten’ verwende ich synonym.Google Scholar
  14. 130.
    Auf die Körperlichkeit der ‘habits’, die in dieser Metapher zum Vorschein kommt, werde ich sogleich noch etwas ausführlicher eingehen.Google Scholar
  15. 131.
    Hier läßt sich eine frappierende Übereinstimmung mit Merleau-Pontys Phänomenologie des Leibes feststellen; vgl. Merleau-Ponty (1966). Diese Übereinstimmung ist der Leitfaden von Kestenbaums (1977) Interpretation von Deweys ‘habit-Konzept’; vgl. ferner Alexander (1987: 143 f.) und Neubert (1998: 174 ff.).Google Scholar
  16. 132.
    Die Kritik am Körper-Geist-Dualismus ist ein ständig wiederkehrender Topos von Deweys Denken, den er besonders anschaulich in Body and Mind (LW 3: 25–40) zusammenfaßt. Dort schreibt er, daß die Trennung von Körper und Geist eines der Grundübel moderner Industriegesellschaften darstellt (27), und plädiert für eine Anthropologie, die sich davon verabschiedet, das Mentale als gesonderte Entität zu betrachten. „In contrast to such a notion“, so fährt er fort, „it is asserted that when we take the standpoint of human action, of life in operation, body presents itself as the mechanism, the instrumentality of behavior, and mind as its function, its fruit and consummation“ (28).Google Scholar
  17. 133.
    Vgl. Abschnitt 7.2.1.Google Scholar
  18. 134.
    Vgl. zum folgenden Neubert (1998: 187 ff.).Google Scholar
  19. 135.
    Vgl. oben S. 31 ff.Google Scholar
  20. 136.
    Dies hat, wie wir noch sehen werden, demokratietheoretische Implikationen.Google Scholar
  21. 137.
    In How We Think faßt er diesen Zusammenhang etwas überspitzt zusammen: “Primarily, naturally, it is not we who think, in any actively responsible sense; thinking is rather something that happens in us” (MW 6: 208, Herv.i.O.).Google Scholar
  22. 138.
    Auf Deweys Pädagogik werde ich im zweiten Teil (7.4) kurz eingehen; eine ausführliche Darstellung findet sich u.a. bei Bohnsack (1976), Putnam (1994c), Neubert (1998), Green (1999) und Schreier (2001).Google Scholar
  23. 139.
    Vgl. zur wechselseitigen Einflußnahme auch Campbell (1979), Joas (1989: XII ff.), Singer (1999: 121 ff.) und Cook (1999).Google Scholar
  24. 140.
    Die folgenden Seitenzahlen, beziehen sich, sofern sie nicht anders ausgewiesen sind, auf diesen Text.Google Scholar
  25. 141.
    Dies ist ein wesentlicher Unterschied zu Rortys Gegenüberstellung von Sprache und Welt: „Language is a tool for providing a perspectival grasp of the natural world in which we are embedded. Language is a tool born of our primal bond with nature and it mediates our experience in and of nature [...] it does not stand between us and nature” (Rosenthal 2001: 6).Google Scholar
  26. 142.
    Dewey selbst hebt in einem Nachruf auf Mead (George Herbert Mead as I Knew Him, LW 6: 22–29) dessen außerordentliche Bedeutung für die Entwicklung seiner Philosophie hervor: „I dislike to think what my own thinking might have been were it not for the seminal ideas which I derived from him“ (24).Google Scholar
  27. 143.
    Vgl. Joas (1989) mit ergänzenden Literaturangaben.Google Scholar
  28. 144.
    Vgl. Joas (1989: 95 ff.).Google Scholar
  29. 145.
    “Speech is primarily a mode of action by which the behavior of one is so influenced by the expected or hoped for behavior of others as to become an integral part of concerned action” (LW 3: 37).Google Scholar
  30. 146.
    Dewey faßt dies wie folgt zusammen: „Durch Sprache identifiziert sich eine Person dramatisch mit potentiellen Handlungen und Taten; sie spielt viele Rollen, nicht in aufeinanderfolgenden Stadien des Lebens, sondern in einem gleichzeitig ablaufenden Drama. Auf diese Weise entsteht Geist“ (Dewey 1995: 171).Google Scholar
  31. 147.
    Zu Meads interaktionistischer Überwindung der Bewußtseinsphilosophie vgl. Habermas (1981).Google Scholar
  32. 148.
    Vgl. Langsdorf (1995: 198).Google Scholar
  33. 149.
    Damit nimmt Deweys Pragmatismus wesentliche Aspekte von Austins Theorie der Sprechakte vorweg. Auch für diesen ist ja bekanntlich das Wesen der Sprache Handlung, und wie Dewey hebt auch er den Zusammenhang von kooperativem Handeln und dem Gelingen illokutionärer Ziele hervor; vgl. (Austin 1962).Google Scholar
  34. 150.
    Freilich darf man dies nicht dualistisch, nicht als eine strikte Entgegensetzung von Mittel und Zweck interpretieren; die instrumentelle und die finale Dimension der Kommunikation stehen bei Dewey in einem engen Wechselverhältnis: eine erfolgreiche Problembewältigung kann durchaus eine ‘vollendete Erfahrung’ hervorrufen.Google Scholar
  35. 151.
    Vgl. oben S. 56 ff.Google Scholar
  36. 152.
    Ein Vergleich dieser beiden Kommunikationstheorien drängt sich geradezu auf; mir ist jedoch aus der Forschungsliteratur kein Werk bekannt, das über die bloße Feststellung der grundlegenden Gemeinsamkeiten hinausginge. Auch den Rahmen der vorliegenden Arbeit würde ein derartiger Vergleich sprengen.; vgl. aber meine Ausführungen in 8.4.Google Scholar
  37. 153.
    Vgl. oben Seite 101.Google Scholar
  38. 154.
    Dewey trennt nur unzureichend zwischen ‘Sinn’ und ‘Bedeutung’; er unterscheidet aber zwischen einem primären, eher subjektiven Sinn, also der Zuschreibung eines Sprechers, und einem sekundären, eher objektiven Sinn, die Bedeutung, die einem Ding oder einer Äußerung innewohnt: „Primär ist Sinn Absicht [...]. Sekundär haben Dinge Sinn, die in ihrem Status, Kooperation zu ermöglichen und zu erfüllen, Signifikanz erlangen“ (Dewey 1995: 179; vgl. auch die Anmerkung des Übersetzers auf S. 167).Google Scholar
  39. 155.
    Zu Deweys spezifischem Gebrauch des Terminus’ ‘Objekt’ vgl. oben S. 92 f.Google Scholar
  40. 156.
    Zur poststrukturalistischen Sprachtheorie vgl. unter vielen anderen Derrida (1972, 1974) und De Man (1988). Eine detaillierte Untersuchung zu den Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen Deweys naturalistischer Theorie der Bedeutung und der poststrukturalistischen Sprachauffassung liegt meines Wissens nicht vor; grundlegende philosophische Gemeinsamkeiten zwischen Dewey und Derrida werden von Garrison (1999) herausgearbeitet.Google Scholar
  41. 157.
    Im Zusammenhang mit der überindividuellen Dimension der Erfahrung und des Denkens schreibt Dewey über diesen zentralen Gesichtspunkt: „Zunächst und vor allem ist es weder exakt noch relevantGoogle Scholar
  42. zu sagen Ich erfahre’ oder ‘Ich denke’. Daß ‘es’ erfährt oder erfahren wird, ‘es’ denkt oder gedacht wird, ist ein bei weitem angemessenerer Ausdruck“ (Dewey 1995: 226).Google Scholar
  43. 158.
    Diesen Punkt hebt auch Larry Hickman hervor: „John Dewey presented a view of language that had most of the elements that would later form the core of Wittgenstein’s renowned and, it was said, revolutionary treatment of that subject“ (1990: 39). Neben der Betonung des kulturellen Charakters der ‘Sprachspiele’ nennt Hickman als weitere Gemeinsamkeiten die Ablehnung einer ‘picture theory’ der Sprache sowie die Hervorhebung des instrumentellen Gebrauchs der Sprache (ebd.). Die philosophische Verwandtschaft zwischen Dewey und dem späten Wittgenstein ist erstmalig von Rorty (1981: 5) herausgestellt worden.Google Scholar
  44. 159.
    Vgl. oben Seite 107 f.Google Scholar
  45. 160.
    Dewey differenziert des weiteren zwischen ‘sense’ und ‘feeling’, wobei letzteres für die rein passive, präreflexive Seite der Erfahrung steht, wohingegen mit ‘sense’ immer auch ein Moment des aktiven Erlebens impliziert ist; vgl. Alexander (1987: 172 f.).Google Scholar
  46. 161.
    Eine grundlegendere Kritik findet sich dagegen bei Taylor (1995) und bei Whitebook (2001), beide bestreiten, daß es Mead gelungen sei, mit der Kategorie des ‘I’ den Ursprung der Kreativität überzeugend dargelegt zu haben. Eine sympathischere und meines Erachtens überzeugende Rekonstruktion liefert dagegen Honneth (1992).Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag/GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2003

Authors and Affiliations

  • Dirk Jörke

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