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Deweys Instrumentalismus

  • Dirk Jörke
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Zusammenfassung

Einer der strittigsten und mißverständlichsten Aspekte von Deweys Philosophie ist seine instrumentelle Theorie des Denkens. Sie ist als eine Theorie der bloßen Anpassung an die Gegebenheiten oder gar als ein grober Ausdruck des ‘american way of life’, in all seiner vermeintlichen Oberflächlichkeit und Geschäftemacherei, gelesen worden. Dewey, so die Kritik, würde sämtliche höhere Werte zugunsten eines rein funktionalistischen Verständnisses von Erkenntnis opfern. Eine besonders krude Version dieses Vorwurfs findet sich bei Horkheimer. In seiner einflußreichen Abhandlung Zur Kritik der instrumentellen Vernunft setzt er Dewey, dessen Philosophie er für die „radikalste und konsequenteste Form des Pragmatismus“ (Horkheimer 1967: 55) hält, mit dem Positivismus gleich. Ähnlich wie dieser würde auch Dewey das menschliche Vernunftvermögen nur noch als Mittel zum Zweck betrachten. Wobei dessen übergeordneter Zweck nichts anderes sei als die Optimierung der kapitalistischen Ausbeutungsverhältnisse: „Indem der Pragmatismus versucht, die Experimentalphysik zum Prototyp aller Wissenschaften zu machen und alle Sphären des geistigen Lebens nach den Techniken des Laboratoriums zu modeln, ist er das Pendant zum modernen Industrialismus, für den die Fabrik der Prototyp des menschlichen Daseins ist und der alle Kulturbereiche nach der Fließbandproduktion oder nach dem rationalisierten Bürobetrieb modelt“ (ebd: 56).86

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Referenzen

  1. 86.
    Horkheimers Polemik verwundert um so mehr, als sich eine Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen seinem und Deweys Denken feststellen lassen. An erster Stelle eine Kritik der griechischen Ontologie und das daraus resultierende Primat der Praxis, vgl. Brunkhorst (2001). Eine Metakritik an Horkheimers Vorwürfen findet sich bei Joas (1992a) und Suhr (1994: 179 ff.). Einen guten Überblick über die Ursachen und Wirkungen dieser spezifisch deutschen Rezeptionsblockaden liefert Joas (1992b).Google Scholar
  2. 87.
    Zu Deweys Begriff der Situation vgl. Alexander (1987: 104 ff., 179 ff.) und Gouinlock (1972: 7 ff.).Google Scholar
  3. 88.
    Zu Deweys Verhältnis zu Peirce vgl. Sleeper (1986: 44 ff.).Google Scholar
  4. 89.
    Hans Joas zufolge ist dieses Motiv des ‘realen Zweifels’ der „philosophische Ausgangspunkt des Pragmatismus“ (1992: 188). Der entscheidende Punkt ist hierbei, daß sich die philosophische Reflexion von der Suche nach letzten Gewißheiten verabschiedet und statt dessen die Bewältigung von konkreten Handlungsproblemen zu ihrer primären Aufgabe macht: „An die Stelle der Leitvorstellung vom einsam zweifelnden Ich tritt vom Beginn des Pragmatismus an die Idee einer kooperativen Wahrheitssuche zur Bewältigung realer Handlungsprobleme“ (Joas 1992: 189). Joas bezieht sich hier auf einen frühen Aufsatz von Peirce (1967a), die Kritik am Cartesianismus sowie die Hinwendung zu konkreten Problemen ist aber auch, wie wir gesehen haben, ein wesentlicher Aspekt von Deweys Denken.Google Scholar
  5. 90.
    Wie wir noch sehen werden, erweitert Dewey dieses Modell der Herstellung von zunächst sicheren Überzeugungen zum Konzept der Etablierung von unproblematischen Situationen, d.h. Denken wird von Dewey noch stärker als bei Peirce dem konkreten Handeln untergeordnet.Google Scholar
  6. 91.
    Der Begriff der Verhaltensgewohnheit (‘habit’) nimmt bei Dewey einen zentralen Stellenwert ein; ich werde darauf bei der Diskussion von Deweys Anthropologie näher eingehen; vgl. Abschnitt 4.2.Google Scholar
  7. 92.
    Vgl. zum Konzept der Lebenswelt auch Habermas (1981, 1988). Die Nähen und Differenzen zwischen Deweys Konzeption und Habermas’ Lebensweltbegriff werden von Kompridis (1993) herausgearbeitet.Google Scholar
  8. 93.
    Vgl. zum folgenden auch Joas (1992: 187 ff.).Google Scholar
  9. 94.
    Raymond Boisvert spricht in diesem Zusammenhang von einer unglücklichen Wortwahl, die zu Mißverständnissen geführt habe (Boisvert 1999: 50).Google Scholar
  10. 95.
    Dies gilt Dewey zufolge in besonderer Weise für moralische Fragen. Zwar räumt er moralischen Idealen durchaus eine handlungsleitende Kraft ein, Ideale, wie Gerechtigkeit, Gleichheit, die klassenlose Gesellschaft, Freiheit sind für ihn durchaus wichtig, nur dürfen diese nicht verabsolutiert werden. Problematische Situationen in diesem Bereich sind ja gerade dadurch gekennzeichnet, daß die verschiedenen Ideale miteinander kollidieren; die Wertigkeit der Ideale ist dann an ihren Konsequenzen für die Lösung der problematischen Situation zu messen. In der programmatischen Schrift Die Erneuerung der Philosophie bringt Dewey dies mit folgenden Worten zum Ausdruck: „Bestimmter gesagt: die Verlagerung der Last des moralischen Lebens vom Gehorsam gegenüber Regeln oder der Verfolgung unwandelbarer Ziele hin zur Aufdeckung der Übel, die in einem besonderen Fall der Abhilfe bedürfen, und zur Entwicklung von Plänen und Methoden, um damit fertigzuwerden, beseitigt die Ursachen, deretwegen die Ethik so kontrovers geblieben ist, und die sie außerdem an dem hilfreichen Kontakt mit den Anforderungen der Praxis gehindert haben“ (Dewey 1989: 209). Diese ‘reflective morality’ wird von Dewey insbesondere in Human Nature and Conduct (MW 14), Three Independent Factors in Morals (LW 5: 279–88) sowie in den beiden Auflagen der Ethics (MW 5, LW 7) entwickelt, eine frühe Form der Kritik an kontexttranszendenten Werten findet sich in Study of Ethics (EW 4, insbes. 315 ff.); ich werde diesen Aspekt weiter unten (S. 152 f.) nochmals streifen.Google Scholar
  11. 96.
    Auf die hier angedeutete Logik des Problemlösungshandelns werde ich im nächsten Abschnitt eingehen.Google Scholar
  12. 97.
    Ähnlich wie in seinem Buch über Kunst versucht er auch in seiner Religionsphilosophie, den Geltungsbereich religiöser Erfahrungen radikal zu erweitern, und wehrt sich gegen eine Auffassung, die Religiosität mit dem Glauben an eine oder mehrere transzendente Gottheiten gleichsetzt; vgl. hierzu ausführlicher Joas (1997). Die Parallelen und Differenzen zwischen ästhetischen und religiösen Erfahrungen bei Dewey werden von Roth (1962) herausgearbeitet.Google Scholar
  13. 98.
    „Damit wurden auch die höchsten Denkformen radikal in eine Kontinuitätslinie mit den einfachsten Formen kognitiver und motorischer Umweltanpassung gebracht.“ (Joas 1992: 193).Google Scholar
  14. 99.
    „Progress is sometimes thought of as consisting in getting nearer to ends already sought. But this is a minor form of progress, for it requires only improvement of means of action or technical advance. More important modes of progress consist in enriching prior purposes and in forming new ones” (MW 9: 231).Google Scholar
  15. 100.
    Ich benutze im folgenden den englischen Begriff der ‘inquiry‘, der sich nur unzureichend mit ‘methodischem Untersuchungsverfahren’ übersetzen läßt. Einen Überblick über Deweys Theorie der ‘inquiry’ findet sich u.a. bei Hickman (1998a), Krüger (2000) sowie, aus einer feministischen Perspektive, bei Hart (1993b).Google Scholar
  16. 101.
    Insbesondere in der Abstraktion von Qualitäten und der daraus folgenden Hinwendung zu Quantitäten sieht Dewey den entscheidenden Gewinn der experimentellen Naturwissenschaften. Durch diesen Schritt, den er als revolutionären Bruch mit der griechischen Naturphilosophie begreift und mit Galilei verbindet (Dewey 1998: 97), sei man in der Lage, vom jeweiligen lebensweltlichen Kontext zu abstrahieren und damit zu einer höheren Generalisierbarkeit der Forschungsergebnisse zu gelangen: „The independence of scientific objects from limited and fairly direct reference to the environment as a factor in activities of use and enjoyment, is equivalent [...] to their abstract character. It is also equivalent to their general character in the sense in which the generalizations of science are different from the generalizations with which common sense is familiar. The generality of all scientific subject-matter as suchGoogle Scholar
  17. means that it is freed from restrictions to conditions which present themselves at particular times and places” (LW 12: 120, Herv.i.O.).Google Scholar
  18. 102.
    Diese Annäherung von wissenschaftlichem und alltagspraktischem Denken bei Dewey resultiert aus seiner Orientierung an der experimentellen Methode der neuzeitlichen Naturwissenschaften, die für ihn das Paradigma erfolgreichen Denkens darstellt. Dies hat jedoch nicht wenige Kritiker dazu veranlaßt, hier eine problematische Reduktion des Begriffs der Intelligenz bzw. des erfolgreichen Denkens zu sehen.Google Scholar
  19. 103.
    Im folgenden orientiere ich mich im wesentlichen an diesem Spätwerk, in dem Dewey seine elaborierteste Konzeption der ‘inquiry’ entfaltet. Frühere Versionen des Fünf-Stufen-Schemas liefern die eher pädagogisch orientierten Schriften How We Think (MW 6) und Demokratie und Erziehung (Dewey 1964).Google Scholar
  20. 104.
    Peirce bezeichnet diesen entscheidenden Schritt der Kreation von Ideen bzw. Hypothesen als Abduktion, welche er den etablierten logischen Verfahren der Induktion und Deduktion gegenüberstellt: „Abduction is the process of forming an explanatory hypothesis. It is the only logical operation which introduces any new idea; for induction does nothing but determine a value, and deduction merely evolves the necessary consequences of a pure hypothesis“ (zitiert in Joas 1992: 198). Peirce rechnet hier den Prozeß der Hypothesenbildung ausdrücklich dem Gebiet der Logik zu, woraus folgt, daß es sich keinesfalls um ein blindes Herumstochern im Dunkeln, sondern vielmehr um ein methodisches Vorgehen handelt, das bestimmten Rationalitätsanforderungen genügen muß.Google Scholar
  21. 105.
    In Logic: The Theory of Inquiry legt Dewey den Schwerpunkt bei dieser fünften Stufe weniger auf die Wiederherstellung einer unproblematischen Situation bzw. der Überprüfung der Hypothese im Experiment oder alltäglichem Handeln; vielmehr schildert er hier ‘den operationalen Charakter von Tatsachen und Bedeutungen‘, also nochmals das Wechselspiel von Ideen und Beobachtungen bei der Lösung eines Problems. Insofem wiederholt er lediglich einen Aspekt, den er im vierten Schritt bereits hervorgehoben hat. In früheren Schriften (How We Think, Demokratie und Erziehung) bezeichnet diese abschließende Phase jedoch die hier dargestellte Überprüfung der Ergebnisse der ‘inquiry’.Google Scholar
  22. 106.
    Vgl. oben S. 46 f.Google Scholar
  23. 107.
    Dies übersieht Caspary, der etwas vorschnell die ‘scientific community’ mit Deweys Modell der Demokratie gleichsetzt (Caspary 2000: 64 ff.).Google Scholar
  24. 108.
    Eine derartige Einschätzung findet sich z.B. bei Horkheimer (1967: 55).Google Scholar
  25. 109.
    Russell hat sich in verschiedenen Schriften (1909, 1919, 1939, 1950) mit Deweys Wahrheitskonzeption auseinandergesetzt, die teilweise eher polemisch und populär gehalten sind, teilweise aber auch zu den anspruchvollsten philosophischen Texten des 20. Jahrhunderts zu zählen sind. Einen guten Überblick über die Kontroverse zwischen Russell und Dewey liefert Meyer (1985), eine neuere Verteidigung der Position Deweys findet sich bei Burke (1994) und Tuggle (1997).Google Scholar
  26. 110.
    Hier kommt er der Pragmatismuskritik von Horkheimer sehr nahe, vgl. oben S. 71.Google Scholar
  27. 111.
    Vgl. o. S. 41.Google Scholar
  28. 112.
    Hier ist jedoch kritisch anzumerken, daß Dewey in seiner Ablehnung zweckfreien Denkens zwischen normativen und empirischen Argumenten hin und her schwankt.Google Scholar
  29. 113.
    „Dewey sagt: Wahr ist das, was Befriedigung verschafft“ (McCarthy 1994: 148 f.). Allerdings versucht auch James sich von einer allzu hedonistischen Interpretation der pragmatistischen Wahrheitstheorie abzugrenzen. Insofern hat er selbst wesentliche Einwände, die gegen seine Interpretation des Wahrheitsbegriffes seitens Dewey erhoben werden, bereits vorweggenommen. So findet man wenige Zeilen zuvor folgende Sätze: „Diese Pragmatisten [gemeint sind Schiller, Dewey und James, D J], so sagen die Kritiker, zerstören jeden objektiven Maßstab und stellen Torheit und Weisheit auf dieselbe Stufe. Eine beliebte Formel dessen [...] ist folgende: Man erfüllt alle Erfordernisse eines Pragmatisten, wenn man behauptet, was einem angenehm ist zu behaupten und dies dann Wahrheit nennt. Ich überlasse es Ihnen selbst zu beurteilen, ob dies nicht eine unverschämte Verleumdung ist“ (ebd: 148).Google Scholar
  30. 114.
    Auf die sich hieraus ergebenden demokratietheoretischen Konsequenzen werde ich im Zusammenhang mit der Diskussion von Deweys Konzept der ‘social inquiry’ zu sprechen kommen; vgl Abschnitt 8.3.Google Scholar
  31. 115.
    Hierin ist mit Burke einer der wesentlichen Vorteile von Deweys Wahrheitskonzeption zu sehen. Eine abschließende Bewertung folgt im Anschluß.Google Scholar
  32. 116.
    Hier sei an das Beispiel des Wanderers erinnert, der feststellen muß, daß der direkte Weg zum See nicht mehr passierbar ist; vgl. oben S. 72 f. In der prinzipiellen Anwendung der wissenschaftlichen Methode auch auf alltägliche Probleme ist einer der wesentlichen Unterschiede zum Kritischen Rationalismus zu sehen.Google Scholar

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© Westdeutscher Verlag/GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2003

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  • Dirk Jörke

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