Advertisement

Gertrude Steins Poetik der Wiederholung

  • Eckhard Lobsien

Zusammenfassung

»The question of repetition is very important. It is important because there is no such thing as repetition.«1 Diese erstaunliche Aussage traf Gertrude Stein in ihrem Vortrag »How Writing is Written« aus dem Jahr 1935. Sie begründet die Unmöglichkeit der Wiederholung, die zugleich die Bedeutung der Wiederholung ausmacht, damit, daß zwar alle Geschichten in immer der gleichen Weise erzählt werden — und insofern Wiederholungen sind -, daß aber in den immer gleichen Erzählungen doch Differenzen enthalten sind. Aus den durch minimale Differenz voneinander unterschiedenen Wiederholungen — die deshalb keine wirklichen Wiederholungen mehr sind — baut sich ein bestimmter Sachverhalt auf; es entsteht der Effekt einer Unmittelbarkeit. Was aber heißt Unmittelbarkeit? Für das Epochengefühl des 20. Jahrhunderts ist die Empfindung der Bewegung kennzeichnend; Bewegung aber empfinden wir, wenn uns der Eindruck einer Präsenz trifft, einer Unmittelbarkeit eben, die die Erfahrung des Vergehens in der Zeit, des Transitorischen also, ermöglicht. »I was trying to get this present immediacy without trying to drag in anything else«, sagt Gertrude Stein im Blick auf ihren Roman The Making of Americans (geschrieben zwischen 1903 und 1911).2

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Anmerkungen

  1. 1.
    Gertrude Stein, How Writing is Written, ed. by Robert Bartlett Haas, Santa Barbara 1977 [= vol. II of the previously uncollected writings of Gertrude Stein], S. 158.Google Scholar
  2. 2.
    Gertrude Stein, How Writing is Written, ed. by Robert Bartlett Haas, Santa Barbara 1977 [= vol. II of the previously uncollected writings of Gertrude Stein], S. 155.Google Scholar
  3. 3.
    Gertrude Stein, How Writing is Written, ed. by Robert Bartlett Haas, Santa Barbara 1977 [= vol. II of the previously uncollected writings of Gertrude Stein], S. 156 u. 157.Google Scholar
  4. 4.
    In Narration: Four Lectures (zuerst 1935, repr. New York 1969) hat Gertrude Stein viel Mühe darauf verwendet, die Unterschiede zwischen diesen Textelementen herauszuarbeiten. Während in der Poesie die Wörter etwas als etwas benennen, treten in der Prosa Sätze vor uns, die in sich zentriert und ausbalanciert sind, und Absätze als Aufeinanderfolgen solcher Sätze, die formal durch Anfang, Mitte und Ende markiert sind. Sätze und Absätze nun treten emphatisch in die Gegenwart des Lesens ein, sie stiften den Effekt einer verlängerten Gegenwart. Eben dieser emphatische Präsenzeindruck ist — da etwas Lebendiges — unwiederholbar; eben deshalb aber müssen die Textsegmente unter Einschluß von Differenzen wiederholt werden, da nur in der Wiederholung die Emphase des Unmittelbaren kontrastiv markiert werden kann. Die Nicht-Wiederholbarkeit bedarf der Wiederholung (vgl. insbesondere Lecture 2). Google Scholar
  5. 5.
    »Through relentless repetition, Stein reveals the signifier in its utter arbitrariness, totally divorced from the signified [...]. [...] we temporarily reacquire the presymbolic order of language. However, in this writing, we reacquire it not as reminiscence which coexists with our subsequent knowledge or sense-making, but, in moments of vertigo, as return to the pure state itself, in which words simply have no lexical meaning« (Marianne DeKoven, »Melody«, in: Harold Bloom, ed., Modern Critical Views: Gertrude Stein, New York 1986, S. 174). — Einen ähnlichen Effekt beschreibt Helmut Heißenbüttel so: »Bestimmte Wörter, bestimmte Formulierungen tauchen auf, die gleichsam Erinnerung anlocken, ohne sie zu erreichen, Erinnerung an Zusammenhänge, die nicht nachvollzogen werden können. Höfe von Vermutung breiten sich um die Wörter aus« (»Reduzierte Sprache. Über einen Text von Gertrude Stein«[1955], in: H. H., Über Literatur: Aufsätze und Frankfurter Vorlesungen, München 1970, S.18).Google Scholar
  6. 6.
    »Almost at once she realized that language itself is a complete analogue of experience because it, too, is made of a large but finite number of relatively fixed terms which are then allowed to occur in a limited number of clearly specified relations, so that it is not the appearance of a word that matters but the manner of its reappearance, and that an unspecifiable number of absolutely unique sentences can in this way be composed, as, of course, life is also continuously refreshing itself in a similar fashion« (William H. Gass, »Introduction«, in: Gertrude Stein, The Geographical History of America, or The Relation of Human Nature to the Human Mind, New York 1973, S. 25f.).Google Scholar
  7. 7.
    The Making of Americans, Being a History of a Family’s Progress, foreword by William H. Gass, introduction by Steven Meyer, Normal/Il. 1995, S. 34; alle weiteren Seitenangaben nach dieser Ausgabe direkt im Text.Google Scholar
  8. 8.
    Zitiert bei Jayne L. Walker,The Making of a Modernist: Gertrude Stein from Three Lives to Tender Buttons, Amherst 1984, S. 43.Google Scholar
  9. 9.
    Gertrude Stein, Look at Me Now and Here I Am. Writings and Lectures 1909–45, ed. by Patricia Meyerowitz, Harmondsworth 1971, S. 100.Google Scholar
  10. 10.
    In diesem Sinne hat Manfred Smuda das Rekurrenzverfahren bei Gertrude Stein beschrieben: »Reduziertes Wortarsenal, Parataxe und Variation genügen noch nicht, um ein Textpattern vom Typus Gertrude Steins zu strukturieren. Zu ihrem strukturellen Verfahren gehört wesentlich Rekurrenz. Rekurrente Textmerkmale bilden sozusagen einen roten Faden im Immanenzbereich gegeneinander offener Beziehungen. Sie ermöglichen einen Zusammenhalt des Textgewebes in nicht integrativer Weise. All diese Strukturierungsmodalitäten weisen darauf hin, daß Sprache wie ein Material behandelt wird, dessen Kontingenzcharakter durch ein Modell zwar reduziert wird, aber in der Weise, daß an diesem Modell selbst der Zufälligkeitscharakter der gerade so und nicht anders präsentierten Variante des Textpattern durchscheint« (Der Gegenstand in der bildenden Kunst und Literatur. Typologische Untersuchungen zur Theorie des ästhetischen Gegenstands, München 1979, S. 119).Google Scholar
  11. 11.
    »Der gleiche Satz ist nicht mehr der gleiche, keine bloße Wiederholung, wenn er zum zweiten, dritten, n-ten mal im Kontext seines bisherigen Auftauchens erscheint. Jeder einzelne Satz wird zum Echo des vorhergehenden, zur Ahnung des zukünftigen. In der Tat wird hier eine kontinuierliche Gegenwart simuliert, die dem Konzept des ›stream of thought‹ von William James sehr nahe kommt, in dem es auch keine Wiederholung im strengen Sinn geben kann« (Dagmar Buchwald, Jenseits von Aktion und Passion. Die späten modularen Romane der Gertrude Stein, München 1995, S. 74).Google Scholar
  12. 12.
    In The Making of Americans unterscheidet Stein im Blick auf menschliche Lebensprofile solche, die »their own kind of repeating« aufweisen, und solche, die lediglich »an automatic copying of their own repeating« (S. 192) besitzen: Wiederholung als mechanischer Kopiervorgang vs. Wiederholung als Erzeugung einer ständig sich entziehenden Intensität. Nur der zweite Wiederholungstypus wird als belangvoll angesehen.Google Scholar
  13. 13.
    Die zweite ist Bestandteil der 1935 publizierten Lectures in America (Neuausgabe New York 1975, S. 165–206). Beide Arbeiten zitiere ich direkt im Text nach Gertrude Stein, Look At Me Now and Here I Am. Writings and Lectures 1909–45, ed. by Patricia Meyerowitz, Harmondsworth [Penguin] 1971.Google Scholar
  14. 14.
    An einer anderen Stelle des selben Textes erläutert Stein das Verhältnis von Wiederholung und Präsenz mit dem Verhältnis von Denken und Handeln. Wenn wir immer wieder etwas gründlich durchdenken, dann ist dies kein Wiederholungsprozeß, da der jeweilige Gedanke sich uns in lebendiger Gegenwart darstellt; ziehen wir aber aus solchem Nachdenken die Konsequenz und handeln — mit oder ohne Erfolg -, so treten wir in eine Wiederholung ein, denn das auf ein Resultat abzweckende Handeln ist begründet in dem vorgängigen Reflexionsprozeß. Erfolg oder Mißerfolg sind folglich Wiederholungskategorien. »Now I think the succeeding and failing is what makes the repetition not the moment to moment emphasizing that makes repetition« (S. 117).Google Scholar
  15. 15.
    So formuliert James in Kap. 15 (»The Perception of Time«) seines Werkes The Principles of Psychology: »The knowledge of some other part of the stream [of consciousness], past or future, near or remote, is always mixed with our knowledge of the present thing« (London 1901, S. 606).Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1998

Authors and Affiliations

  • Eckhard Lobsien

There are no affiliations available

Personalised recommendations