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Semantisches Rauschen

Wiederholungen in Adalbert Stifters Roman »Witiko«
  • Dietrich Naumann

Zusammenfassung

Ich mache im folgenden zunächst einige Bemerkungen zur Wiederholung überhaupt sowie zur ästhetischen Wiederholung. Sodann zeige ich an einem prominenten Beispiel, Edgar Allan Poes Gedicht The Raven sowie seinem Aufsatz The Philosophy of Composition, in dem er dessen Entstehung rekonstruiert, das sozusagen normale Funktionieren von poetischer Wiederholung. Die syntaktischen, semantischen, inhaltlichen, mimetischen und figuralen Wiederholungen von Adalbert Stifters Witiko werden zentraler Gegenstand sein. Die nicht besonders originelle und an anderen Werken Stifters schon demonstrierte These ist, daß sich im Witiko — dem Programm des Autors entgegen — die Wiederholung selbst exemplifiziert, mit allen zugleich monolithischen und dissipativen Konsequenzen. »Aleatorische Ordnung« hat Hans Joachim Piechotta dies genannt.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Vgl. Eckhard Lobsien: Wörtlichkeit und Wiederholung. Phänomenologie poetischer Sprache. München 1995, S. 7f.Google Scholar
  2. 2.
    Eine Ausnahme bildet vielleicht die Psychoanalyse, nach der das Wiederholen durch das Wiéderholen zur Erinnerung wird.Google Scholar
  3. 3.
    Was die Frage des historischen Ursprungs angeht, so konstatiert das Grimmsche Wörterbuch einerseits, daß beide Bedeutungsstränge, »wiéderholen« und »wiederhólen«, erst seit dem 15. Jahrhundert zu verfolgen sind — im Mittelhochdeutschen gibt es das Wort nicht — erklärt jedoch andrerseits »wiederholen« zum ergebnis selbständiger weiterentwicklung des kompositums aus der grundbedeutung »zurückholen«.Google Scholar
  4. 4.
    Es spielt für die Anzahl der Stellen keine Rolle, wievielmal etwas wiederholt wird.Google Scholar
  5. 5.
    Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hg. von Joachim Ritter und Karlfried Gründer. Darmstadt 1971ff., Bd. 4, Sp. 144.Google Scholar
  6. 6.
    Ebd., Sp. 145.Google Scholar
  7. 7.
    Edgar Allan Poe: Werke. Olten und Freiburg im Breisgau 1973, Bd. 4, S. 681.Google Scholar
  8. 8.
    Nelson Goodman: Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Frankfurt a.M. 1995, S. 39.Google Scholar
  9. 9.
    Poe: Werke, Bd. 4, S. 537.Google Scholar
  10. 10.
    Ebd., S. 537f.Google Scholar
  11. 11.
    Ebd., S. 538.Google Scholar
  12. 12.
    Ebd., S. 134ff.Google Scholar
  13. 13.
    Ebd., S. 540.Google Scholar
  14. 14.
    Ebd., S. 541.Google Scholar
  15. 15.
    Ebd., S. 548.Google Scholar
  16. 16.
    Vgl. dazu: Jurij M. Lotman: Die Struktur literarischer Texte, München 1993, S. 158ff.Google Scholar
  17. 17.
    Jurij M. Lotman: Die Struktur literarischer Texte, München 1993, S. 196.Google Scholar
  18. 18.
    Jurij M. Lotman: Die Struktur literarischer Texte, München 1993, S. 186.Google Scholar
  19. 19.
    Jurij M. Lotman: Die Struktur literarischer Texte, München 1993, S. 273.Google Scholar
  20. 20.
    Bekanntlich hat Friedrich Hebbel demjenigen, der beweisen könne, daß er die drei Bände des Nachsommer ausgelesen habe, die Krone von Polen versprochen (vgl. Friedrich Hebbel: Sämmtliche Werke. Historisch kritische Ausgabe, besorgt von Richard Maria Werner. Berlin o. J., Bd. 12, S. 184ff.).Google Scholar
  21. 21.
    Zitiert nach: Peter Küpper: Literatur und Langeweile. Zur Lektüre Stifters. In: Lothar Stiehm (Hg.): Adalbert Stifter. Studien und Interpretationen. Gedenkschrift zum 100. Todestage. Heidelberg 1968, S. 177.Google Scholar
  22. 22.
    Adalbert Stifter: Witiko. Eine Erzählung. Mit den Bruchstücken früherer Fassungen. Hg. von Max Stefl. Darmstadt 1963, S. 632. Verweise hinfort im Text nach den Zitaten.Google Scholar
  23. 23.
    Wenn die Tante in der von dem Prinzip der Verdoppelung beherrschten Erzählung Der fromme Spruch auf die Aufzählung der Indizien hin, die der Oheim als Argumente für die Tanten-Liebe des Neffen namhaft macht, ins Stammeln gerät, artikuliert durch Gedankenstriche (“Das wäre ja — wenn es wäre — das ist — ich weiß es nicht, sage es mir, das wäre merkwürdig.”), so wirkt das als Spurenelement von Komödie erratisch (Adalbert Stifter: Bunte Steine. Späte Erzählungen. Hg. von Max Stefl. Darmstadt 1963, S. 740). Vgl. zu dieser Erzählung: Albrecht Koschorke und Andreas Ammer: Der Text ohne Bedeutung oder die Erstarrung der Angst. Zu Stifters letzter Erzählung “Der fromme Spruch”. In: DVjS 61 (1987).Google Scholar
  24. 24.
    Walter Höllerer: Zwischen Klassik und Moderne. Lachen und Weinen in der Dichtung einer Übergangszeit. Stuttgart 1958, S. 376.Google Scholar
  25. 25.
    Vgl. z.B. Hermann Blumenthal: Stifters Witiko und die geschichtliche Welt. Studien zum geschichtlichen Bewußtsein und seiner dichterischen Ausprägung im 19. Jahrhundert. In: ZfdPh 61 (1936);Google Scholar
  26. 25a.
    Alfred Doppler: „Der Organismus ist gegliedert, es fehlt nur noch die Textirung“. Stifters poetische Verfahrensweise im Witiko. In: Vasilo 29 (1980).Google Scholar
  27. 26.
    Vgl. Lotman: Struktur literarischer Texte, S. 179.Google Scholar
  28. 27.
    Vgl. dazu: Eduard Rückle: Die Gestaltung der dichterischen Wirklichkeit in Stifters Witiko. Eine Untersuchung der strukturbildenden Formprinzipien. Diss. Tübingen 1968, S. 99ff.Google Scholar
  29. 28.
    Vgl. Koschorke/Ammer: Der Text ohne Bedeutung, S. 696f.Google Scholar
  30. 29.
    Vgl. Blumenthal: Geschichtliche Welt, S. 422f.Google Scholar
  31. 30.
    Ebd., S. 423.Google Scholar
  32. 31.
    Friedbert Aspetsberger weist auf die Eliminierung auch parataktischer adversativer Konjunktionen hin (vgl. Friedbert Aspetsberger: Stifters Tautologien. In: Vasilo 16 (1966), S. 40).Google Scholar
  33. 32.
    Vgl. Blumenthal: Geschichtliche Welt, S. 425f.Google Scholar
  34. 33.
    Ob eine Person spricht oder der Erzähler erzählt, lasse ich hier und im folgenden außer Betracht. Abgesehen davon, daß die Personen bis auf wenige Ausnahmen (Huldrik, Nacerat, die Waldmänner) sprachlich nicht individuiert sind, spielt dies für den Argumentationszusammenhang keine Rolle.Google Scholar
  35. 34.
    Eine quantifizierende Relationierung des Stifterschen Vokabulars zum Umfang seiner Erzählungen und Romane ist mir nicht bekannt. Der Quotient vor allem des Spätwerks dürfte ziemlich niedrig sein.Google Scholar
  36. 35.
    Vgl. Rückle: Dichterische Wirklichkeit, S. 18; sowie: Hans Dietrich Irmscher: Politisches Bewußtsein und poetische Form am Beispiel von Adalbert Stifters Witiko In: Karl Konrad Polheim (Hg.): Literatur und Österreich. Österreichische Literatur. Ein Bonner Symposion. Bonn 1981, S. 115.Google Scholar
  37. 36.
    Vgl. dazu zusammenfassend: Wilhelm Dehn: Ding und Vernunft. Zur Interpretation von Stifters Dichtung. Bonn 1969.Google Scholar
  38. 37.
    Adalbert Stifter: Die Mappe meines Urgroßvaters. Letzte Fassung. Sonnenfinsternis. Aus dem alten Wien (Wien und die Wiener). Hg. von Max Stefl. Darmstadt 1963, S. 50.Google Scholar
  39. 38.
    Dehn: Ding und Vernunft, S. 14.Google Scholar
  40. 39.
    Stifter: Bunte Steine, S. 167.Google Scholar
  41. 40.
    Vgl. dazu: Michael Böhler: Die Individualität in Stifters Spätwerk. Ein ästhetisches Problem. In: DVjS 43 (1969); Hans Joachim Piechotta: Ordnung als mythologisches Zitat. Adalbert Stifter und der Mythos. In: Karl Heinz Bohrer (Hg.): Mythos und Moderne. Begriff und Bild einer Rekonstruktion. Frankfurt a.M. 1983, S. 103ff.Google Scholar
  42. 41.
    Adalbert Stifter: Studien I, Hg. von Max Stefl. Darmstadt 1963, S. 438.Google Scholar
  43. 42.
    Stifter: Mappe, S. 222.Google Scholar
  44. 43.
    Adalbert Stifter: Erzählungen in der Urfassung I. Hg. von Max Stefl. Darmstadt 1963, S. 174.Google Scholar
  45. 44.
    Stifter: Mappe, S. 222.Google Scholar
  46. 45.
    Man vergleiche mit diesen Verdoppelungen und diesem Beginn das Verschwinden Gregors, Abdias’, auch des Waldgängers, das jeweils von einer erzählerischen MetaEbene aus, dadurch, daß niemand weiß, ab wann sie nicht mehr da sind, das Verschwinden selbst verschwindet, zusätzlich emphatisiert wird. Zwischendurch verschwindet auch Witiko, jedoch nur aus dem Text, nicht aus der Geschichte. Die Darstellung des letzten Italienzuges des Kaisers erwähnt ihn nicht. Die reine Objektivität des Historischen überwuchert auch den Protagonisten.Google Scholar
  47. 46.
    Ich behandle hier und im folgenden Mimesis als zweistelliges Prädikat und lasse das Problem der Fiktionalität außer Betracht. Auch wenn das Erzählen das Erzählte erzeugt, kann man die Art des Erzählten von der Art des Erzählens unterscheiden (vgl. Nelson Goodman: Vom Denken und anderen Dingen, Frankfurt a.M. 1987, S. 185f.). Zur Stifterschen Mimesis vgl. Hans Joachim Piechotta: Aleatorische Ordnung. Untersuchungen zu extremen literarischen Positionen in den Erzählungen und in dem Roman Witiko von Adalbert Stifter, Gießen 1981, S. 63ff.Google Scholar
  48. 47.
    Zum Hochwald vgl. Christian Begemann: Die Welt der Zeichen. Stifter-Lektüren. Stuttgart/Weimar 1995, S. 181ff.Google Scholar
  49. 48.
    Goodman: Sprachen der Kunst, S. 45.Google Scholar
  50. 49.
    Vgl. zu diesem ganzen Komplex: Hans Dietrich Irmscher: Adalbert Stifter. Wirklichkeitserfahrung und gegenständliche Darstellung. München1971, S. 280ff.Google Scholar
  51. 50.
    Adalbert Stifter: Sämmtliche Werke. Hg. von Gustav Wilhelm. Reichenberg 1929, Bd. 19, S. 282.Google Scholar
  52. 51.
    Adalbert Stifter: Sämmtliche Werke. Hg. von Gustav Wilhelm. Reichenberg 1929, Bd. 19, S. 282.Google Scholar
  53. 52.
    Adalbert Stifter: Sämmtliche Werke. Hg. von Gustav Wilhelm. Reichenberg 1929, Bd. 19, S. 224.Google Scholar
  54. 53.
    Vgl. dazu: Karl Flöring: Die historischen Elemente in Adalbert Stifters Witiko. Gießen 1922Google Scholar
  55. 54.
    Vgl. dazu: Wolfgang Wiesmüller: Die politische Rede als Medium der Geschichtsdeutung in Stifters Witiko. Mit Textbeispielen aus den Handschriften. In: Etudes Germaniques 40 (1985), S. 361ff.Google Scholar
  56. 55.
    Stifter: Sämmtliche Werke, Bd. 19, S. 266. — Die hier und in anderen Texten Stifters obwaltende Denkbewegung von De-Subjektivierung und Re-Subjektivierung, die nicht zu einem theoretischen Ausgleich gelangen, etwa im Sinne des Goetheschen Stilbegriffs, beschreibt Christoph Begemann (Die Welt der Zeichen, S. 359ff.).Google Scholar
  57. 56.
    Stifter: Sämmtliche Werke, Bd. 19, S. 282.Google Scholar
  58. 57.
  59. 58.
    Doppler: Poetische Verfahrensweise, S. 10. Vgl. auch: Wiesmüller: Politische Rede, S. 363ff.- Wiesmüller weist auf die zeitgeschichtlichen Erfahrungen Stifters hin, den österreichisch-preußischen Gegensatz, die Niederlagen Österreichs in Italien, die permanenten Nationalitätenkonflikte, Konstellationen, für deren Qualifizierung ihm außer einem vagen deutsch-österreichischen Universalismus kein Interpretationsraster zur Verfügung stand.Google Scholar
  60. 59.
    Daher ist es auch problematisch, Stifters Erzählweise “in der Tradition eines Realismus” zu sehen, “der sich mit Auerbach als »figural« bezeichnen läßt” (Horst Turk: Die Schrift als Ordnungsform des Erlebens. Diskursanalytische Überlegungen zu Adalbert Stifter. In: Jürgen Fohrmann/Harro Müller (Hg.): Diskurstheorien und Literaturwissenschaft. Frankfurt a.M. 1985, S. 403). Natürlich gibt es im Witiko Figurales im Auerbachschen Sinne. Huldrik berichtet von einem Vorfahren Witikos, der im Wald geherrscht und Schlösser gebaut habe. Es sei geweissagt worden, daß immer ein Witiko den Stamm erretten werde, und jetzt sei Witiko gekommen (vgl. S. 226ff.). Aber diese Wiederholung ist nur textintern, und: nicht Witiko ist figura, sondern der nur in Erzählungen vorkommende — und dann auch nur erwähnte — Vorfahr. Geschlechtsgeschichtlich betrachtet, ist der Roman nicht figural, sondern figuriert nur Figuralität, die Struktur von Prophezeiung und Erfüllung. Auerbachs Darlegungen machen klar, daß figurale Deutungen immer (mindestens) zwei Personen oder Ereignisse, die kausal nichts miteinander zu tun haben, innerhalb der Zeit miteinander verknüpfen und sie sodann zusammen auf den göttlichen Heilsplan beziehen (vgl. Erich Auerbach: Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur. Bern/München 1967, S. 74ff.). Figurale Bedeutung ist eine dreistellige Relation. Dabei kommt es jeweils auf spezifische inhaltliche Analogien an. Derartiges gibt es im Witiko außer der oben beschriebenen Andeutung einer solchen Beziehung nicht. Es bliebe, den Roman insgesamt als Figur eines geschichtstheologischen Gesetzes zu verstehen. Aber das würde wegen der Zweistelligkeit der Relation den Auerbachschen Begriff von Figuralität allzu sehr strapazieren. Dem intern Figuralen fehlt die transzendente Qualität, dem extern Figuralen die Spezifik und die Unverbundenheit.Google Scholar
  61. 60.
    Stifter: Sämmtliche Werke, Bd. 19, S. 224.Google Scholar

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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1998

Authors and Affiliations

  • Dietrich Naumann

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