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Geistererscheinungen

Wiederholung und Symbolisierung in Goethes Roman »Wilhelm Meisters Wanderjahre«
  • Barbara Naumann

Zusammenfassung

Zu Beginn des Romans begegnet der Wanderer Wilhelm im Gebirge einer Menschengruppe, die er nur »mit Verwunderung« (WJ 9)1 betrachten kann, so sehr verblüfft ihn deren Ähnlichkeit mit dem, was ihm bisher nur aus Schrift und Bild, aus der Bibel oder deren Illustration vertraut war: Ein Mann, auf den ersten Blick an seinem Werkzeug als Zimmermann erkennbar, führt eine in einen blauen Mantel gehüllte Frau auf einem Esel durchs Gebirge. Die Frau trägt ein kleines Kind im Arm. Daß der Fremde schon beim ersten Gespräch Wilhelm dazu auffordert, ihn »Sankt Joseph« (WJ 10) zu nennen, mildert dessen Erstaunen keineswegs. Wilhelm fragt, ob »ihr wirkliche Wanderer oder ob ihr nur Geister seid, die sich ein Vergnügen daraus machen, dieses unwirtbare Gebirg durch angenehme Erscheinungen zu beleben« (WJ 10). Bald macht sein Erstaunen der Neugier Platz, und er entschließt sich, der fremdartig vertrauten Erscheinung nachzugehen um herauszufinden, was es mit dieser eigenartigen ›Flucht nach Ägypten‹ auf sich hat.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Goethe: Wilhelm Meisters Wanderjahre. Wenn nicht anders angegeben, zitiert in der 1829 erschienenen 2. Fassung, nach der sog. Hamburger Ausgabe: Goethes Werke, Bd. VIII. Hg.: Erich Trunz. 9. Aufl., München 1977 (abgekürzt »WJ«, plus Seitenzahl). — Eine ausführlichere Behandlung des Problems von Wiederholung und Symboltheorie findet sich in meinem Buch: Cassirer und Goethe. Philosophie und Poetik des Symbols, das demnächst im Fink-Verlag, München, erscheinen wird.Google Scholar
  2. 2.
    Darauf weist Hannelore Schlaffer hin: Wilhelm Meister. Das Ende der Kunst und die Wiederkehr des Mythos. Stuttgart 1980, p. 27.Google Scholar
  3. 3.
    Hannelore Schlaffer, a.a.O., p. 26.Google Scholar
  4. 4.
    Erich Trunz im Kommentar zu »WJ«, HA Bd. 8. p. 558: »Dadurch, daß die Vorbilder der christlichen Legende angehören, vermischt sich in dem Nachbild das Christliche mit dem Goetheschen Typusgedanken, dem Urbildlichen.« — Trunz weist ebenfalls auf den Symbolgehalt der Josephsgeschichte hin, nimmt jedoch den Begriff des Symbols im Sinne von repräsentierend, stellvertretend, und damit quasi eindimensional und unkritisch. Trunz’ These des Urbildlichen ist repräsentationslogisch gedacht und vernachlässigt die komplexe funktionale Reihe des Symbolischen, die in der Josephsgeschichte entfaltet wird. — Wilhelm Emrich hat sich in folgenden Studien kritisch mit der Symbolik Goethes befaßt: Die Symbolik von Faust II. (zuerst 1957). 3. Aufl., Frankfurt/M. 1964; und: »Das Problem der Symbolinterpretation im Hinblick auf Goethes ›Wanderjahre‹.« in: DVjs 26, 1962, pp. 331–352.Google Scholar
  5. 5.
    Die tragende Rolle der Ähnlichkeitsbeziehung wird besonders sinnfällig in Goethes Elegie Die Metamorphose der Pflanzen: »Alle Gestalten sind ähnlich, und keine gleichet der andern;/ Und so deutet das Chor auf ein geheimes Gesetz,/ Auf ein heiliges Rätsel [...]« (HA 1 p. 199, Z. 5–7). Hier gilt die Ähnlichkeit als Ausgangspunkt für die Wahrnehmung einer Ordnung (»geheimes Gesetz«) hinter dem Chaos. Ähnlichkeit ist hier ebenfalls das ästhetische, das Schaulust erzeugende Moment bei der Betrachtung der Blumenvielfalt.Google Scholar
  6. 6.
    In der erotischen Färbung dieser Szene um die hübschen Knaben liegt ebenfalls eine Parallele zur bzw. Antizipation der Erzählung vom Fischerknaben.Google Scholar
  7. 7.
    Ernst Cassirer: Philosophie der Symbolischen Formen (PSF). Bd. 1: Die Sprache. Darmstadt 1988, p. 43.Google Scholar
  8. 8.
    Cassirer: A.a.O., p. 43.Google Scholar
  9. 9.
    S. erstes und fünftes Kapitel des dritten Buchs; WJ 313, 314 und 338.Google Scholar
  10. 10.
    S. Goethes bekannte Kritik an der »neukatholischen Sentimentalität« der romantischen Kunst, etwa Tiecks, die er in seinem Artikel über »Polygnots Gemälde« als »das klosterbrudrisierende, sternbaldisierende Unwesen« bezeichnet, »von welchem der bildenden Kunst mehr Gefahr bevorsteht als von allen Wirklichkeit fodernden Kalibanen.« (J.W. Goethe, Sämtl. Werke (= Artemis-Gedenkausgabe, Hg.: Ernst Beutler u.a.) Bd. 13: Schriften zur Kunst. München 1977, p. 451.Google Scholar
  11. 11.
    S. zu Goethes Auffassung des Naturschauspiels: Günter Peters: Die Kunst der Natur. München 1993, p. 210.Google Scholar
  12. 12.
    J. Hillis Miller: Fiction and Repetition. Seven English Novels. Cambridge (Mass., USA) 1982.Google Scholar
  13. 13.
    Miller zitiert und übernimmt im wesentlichen die Unterscheidung, die Gilles Deleuze in seinem Buch Logique du sens, Paris 1969, p. 302, vornimmt.Google Scholar
  14. 14.
    J. Hillis Miller: Fiction and Repetition. A.a.O., 1969p. 6.Google Scholar
  15. 15.
    J. Hillis Miller: Fiction and Repetition. A.a.O., 1969 p. 6.Google Scholar
  16. 16.
    W. Menninghaus: Unendliche Verdopplung. Frankfurt/M. 1987, p. 120.Google Scholar
  17. 17.
    Derrida: »Die différance.« In: ders.: Randgänge der Philosophie. Wien 1988, p. 37.Google Scholar
  18. 18.
    Derrida: »Die différance«. A.a.O., p. 49.Google Scholar
  19. 19.
    J. Hillis Miller: Fiction and Repetition. A.a.O., 1988p. 8.Google Scholar
  20. 20.
    J. Hillis Miller: Fiction and Repetition. A.a.O., 1988 p. 9.Google Scholar
  21. 21.
    PSF I, p. 134f. Cassirer beschreibt diese Stationen im wesentlichen bei Aristoteles, den Brüdern Grimm, Humboldt und F. Mauthner.Google Scholar
  22. 22.
    PSF I, p. 31.Google Scholar
  23. 23.
    PSF I, p. 137.Google Scholar
  24. 24.
    PSF I, p. 139.Google Scholar
  25. 25.
    PSF I, p. 138.Google Scholar
  26. 26.
    Ulrich Tewes zitiert in: Schrift und Metaphysik, Würzburg 1994, p. 17, nur den ersten Halbsatz Cassirers zu Identität und Differenz und macht den Autor zum Anwalt einer präsenzmetaphysischen Sprachtheorie, der zufolge der ideale Gehalt der Bedeutung eines Signifikanten mit dem Signifikat immer schon vorgegeben wäre. Demgegenüber figuriert Derrida bei Tewes als ein kurzsichtiger Zerstörer dieser Präsenzmetaphysik: »Derrida seinerseits kehrt die angemahnte Logik der Begründung aus der Idealität des zu Wiederholenden schlicht um, indem sich aus der Wiederholung erst der identische Sinn und die Idealität allgemein deduzieren läßt« (ebd., p. 17). Die Skizze der Derridaschen Theorie ist an dieser Stelle stark vereinfacht; entstellend allerdings wirkt die Inanspruchnahme Cassirers für eine radikale Gegenposition.Google Scholar
  27. 27.
    PSF I, p. 148.Google Scholar
  28. 28.
    Derrida: Die Schrift und die Differenz. Frankfurt/M. 1976, p. 373.Google Scholar
  29. 29.
    Cassirer geht es nicht darum, in metaphysischer Weise eine Relation zwischen zwei bereits existierenden Elementen aufzuweisen. Dabei würden die bereits bestimmten Elemente auch die Art der Relation festlegen. Vielmehr zielt er auf einen differentiellen Relationsbegriff. Insofern wird die Relation nicht als etwas Abgeleitetes oder Sekundäres konstruiert. Sie ist vielmehr die Bestimmtheit der Elemente, die wiederum erst durch ihre Relation erkennbar werden.Google Scholar
  30. 30.
    HA Bd. 12, pp. 322ff.Google Scholar
  31. 31.
    HA Bd. 12, p. 322f.Google Scholar
  32. 32.
    HA Bd. 12, p. 323.Google Scholar
  33. 33.
    HA Bd. 12, p. 323.Google Scholar
  34. 34.
    Die Figur der Polarität und Steigerung beschreibt genau dies: den Wechsel vom konkreten Anlaß, vom Detail, zum Verallgemeinerbaren.Google Scholar
  35. 35.
    HA Bd. 12, p. 323.Google Scholar
  36. 36.
    Derrida: »Die différance«. A.a.O., p. 49.Google Scholar
  37. 37.
    Im Brief an Charlotte von Stein, 7. Dezember 1781. — Hans Blumenberg: Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt/M. 1971, p. 223ff., sieht in diesem Plan Goethes proto-romantische Züge, den »Umschlag von der Welt, die ein metaphorisches Buch ist, zu dem Buch, das eine metaphorische Welt sein wird.« Hierin ist deutlich die relationale symbolische Obsession Goethes erfaßt: das Denken in reinen Beziehungen und das gleichzeitige Vertrauen auf einen Erkenntnisgewinn durch Herstellung von Beziehungen.Google Scholar
  38. 38.
    Deli Fischer-Hartmann: Goethes Altersroman. Halle/Saale 1941, p. 114.Google Scholar
  39. 39.
    Erhard Bahr: »Wilhelm Meisters Wanderjahre oder Die Entsagenden«. In: Goethes Erzählwerk. Interpretationen. Hg.: P. M. Lützeler und James E. McLeod. Stuttgart 1985, p. 392.Google Scholar
  40. 40.
    Trunz im Kommentar zu HA Bd. 8, p. 548 und p. 546.Google Scholar
  41. 41.
    Der Tendenz zur Allegorisierung in Goethes Spätwerk geht auch Gert Mattenklott nach, allerdings in feineren kulturellen Fokussierungen und Verzweigungen, als es die hegelianische, totalisierende Sicht Bahrs erlauben würde. (Gert Mattenklott: »Der späte Goethe«. In: H. A. Glaser (Hg.): Deutsche Literatur, Bd. 6. Reinbek b. Hbg. 1980, pp. 184–300).Google Scholar
  42. 42.
    S. dazu Waltraud Maierhofer: »Wilhelm Meisters Wanderjahre« und der Roman des Nebeneinander. Bielefeld 1990.Google Scholar
  43. 43.
    Erich Auerbach: Mimesis. Bern, 7. Aufl. 1977, p. 26. (Der andere Typ des mimetischen Stils, der Kohärenz und innerweltliche Koexistenz von »Alltäglich-Realistischem« und »Erhaben-Tragischem« demonstriert, ist der Erzähltypus der Odyssee; s. a.a.O., p. 25f).Google Scholar
  44. 44.
    Dem Problem der Verhältnisses von Mimesis und Wiederholung kann an dieser Stelle nicht weiter nachgegangen werden. S. dazu die Beiträge von: Philippe Lacoue Labarthe: L’imitation des modernes. Typographie II. Paris 1986; und Jacques Derrida: Psyché. Inventions de l’autre. Paris 1987, bes. das Kapitel: »Désistance«, pp. 597ff.Google Scholar
  45. 45.
    Goethe: Briefe. HA Bd. 4, p. 356.Google Scholar
  46. 46.
    Claude David betont, daß »Goethe sich als Wissenschaftler um die Probleme der Kausalität wenig kümmerte. (A.a.o., p.120).Google Scholar
  47. 47.
    Birgit Baldwin: »Wilhelm Meisters ‹Wanderjahre‹ as an Allegory of Reading«. In: Goethe-Yearbook, 1992, pp. 213–232; hier: p. 216.Google Scholar
  48. 48.
    Claude David: »Goethes ›Wanderjahre‹ als symbolische Dichtung«. A.a.O., 1992p. 121f.Google Scholar
  49. 49.
    Manfred Karnick: »Wilhelm Meisters ›Wanderjahre« oder die Kunst des Mittelbaren. Studien zum Problem der Verständigung in Goethes Altersepoche. München 1968, p. 75.Google Scholar
  50. 50.
    Birgit Baldwin hat die poetologische Funktion des Kästchenmotivs erläutert, das Interpretationen (von den Romanfiguren wie den Lesern des Romans) provoziere, aber Bedeutung verweigere bzw. suspendiere. Sie versteht das Kästchen als eine »allegory of reading« im Sinne Paul de Mans. A.a.O., p. 215.Google Scholar
  51. 51.
    Goethe zu Eckermann, am 6. Mai 1827. In: Eckermann: Gespräche mit Goethe. Hg.: Fritz Bergemann. Frankfurt/M, Leipzig 1992, p. 591.Google Scholar
  52. 52.
    Der Formaspekt der konstellativen und relationalen Vielfalt wird noch komplexer, wenn man die Ergänzungen, Veränderungen und Umstellungen berücksichtigt, die Goethe von der ersten Fassungen der »Wanderjahre« von 1821 zur zweiten von 1829 vornahm. Ein genaues Verzeichnis der Varianten zwischen beiden Fassungen liefert die Frankfurter Ausgabe (FA), Bd. 50. Hg.: Gerhard Neumann und Hans-Georg Dewitz. Frankfurt/M. 1989. S. pp. 777ff., 844ff. und vor allem pp. 968–996.Google Scholar
  53. 53.
    So Manfred Karnick: »Wilhelm Meisters Wanderjahre« oder die Kunst des Mittelbaren. A.a.O. 1989, p. 75f.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1998

Authors and Affiliations

  • Barbara Naumann

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