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Wiederholung und Wende

Zur Poetik und Philosophie eines Weltgesetzes
  • Jörg Villwock

Zusammenfassung

»Wer um ein Verständnis der wirklichen Verlaufsart sowohl des Vergangenen als auch des Zukünftigen — das, wie die menschliche Natur nun einmal ist, so oder ähnlich sein wird — sich bemüht, der wird urteilen, daß mein Werk nützlich sei, und das genügt. Als ein Besitz für immer ist es aufgeschrieben, nicht als Glanzstück für einmaliges Hören.«1 Zwar gipfelt in dieser berühmten Formulierung des Thukydides seine Kritik an Herodot, und doch bekundet sie die tiefere Gemeinsamkeit zwischen den beiden »Vätern der Geschichte«, die ihre Differenz übergreift, die Überzeugung nämlich, daß der Grundcharakter des geschichtlichen Geschehens durch die Wiederholung geprägt wird. Für dieses »Apriori« des abendländischen Geschichtsbewußtseins bürgt zuerst das Epos und der mit dessen religiösem Horizont innigst verbundene Orakelglaube, der menschliches Erkennen, menschliches Handeln und Entscheiden eingebunden sieht in einen durch Anfang und Ende begrenzten Folgezusammenhang, dessen wahre Bestimmungsfaktoren, um sich vollständig auszuwirken, solange unsichtbar bleiben bzw. sich hinter Scheinbarkeiten verbergen, bis schließlich in überraschender Wende der Wiederholungszusammenhang des vermeintlich Diskontinuierlichen zutage tritt.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Thukydides: Der Peloponnesische Krieg, I 22. Daß der Kontext des Zitats eine Kriegserzählung ist, signalisiert uns die entscheidende Bedeutung der »polemischen« Erfahrung für das »Seinsverständnis« innerhalb der Epoche der Wiederholung.Google Scholar
  2. 2.
    Vgl. Friedrich Ohly: Vom geistigen Sinn des Wortes im Mittelalter (ders., Schriften zur mittelalterlichen Bedeutungsforschung, Darmstadt 21983, S. 1–31), S. 2: »Sie ist Perspektive im wahrsten Sinne, indem sie durch das Sichtbare auf das Unsichtbare, durch das Significans auf das Significatum hindurchschaut. Sie leitet vom Fundament zum Gewölbe, vom Irdischen zum Himmlischen.« (Zur Typologie ferner: Volker Bohn (Hrsg.): Typologie. Internationale Beiträge zur Poetik, Frankfurt/M. 1988; zur Antithese als Wiederholungsfigur: Jörg Villwock: Antithese, in: G. Ueding (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. I, Tübingen 1992, S. 722ff.).Google Scholar
  3. 3.
    Vgl. Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie, Frankfurt/M. 1973, S. 469ff.Google Scholar
  4. 4.
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  5. 5.
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  6. 6.
    Zur Wiederholung als Figur der Offenbarungsrhetorik siehe J. Villwock: Die Sprache — Ein »Gespräch der Seele mit Gott«. Zur Geschichte der abendländischen Gebets- und Offenbarungsrhetorik, Frankfurt/M. 1996.Google Scholar
  7. 7.
    Vgl. Die Vorsokratiker, übers. u. eingel. von Wilhelm Capelle, Stuttgart 1968, S. 139 (fr. 67).Google Scholar
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  9. 9.
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  19. 19.
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  20. 20.
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  30. 30.
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  36. 36.
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  37. 37.
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  38. 38.
  39. 39.
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  40. 40.
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  41. 41.
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  42. 42.
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  44. 44.
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© Springer Fachmedien Wiesbaden 1998

Authors and Affiliations

  • Jörg Villwock

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