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Peter Handke: Der Traum von der Überwindung der Zeit durch die Erzählung als neuen Mythos

  • Bernd Stiegler

Zusammenfassung

In fast allen Texten Peter Handkes erscheint die Wiederholung nicht nur als beiläufiges Motiv, sondern als strukturierendes Moment. Bereits sein erster Roman Die Hornissen 3 ist durch Wiederholung, Iteration und Variation von Bildern und Beschreibungen geprägt. In Wunschloses Unglück wird der Selbstmord der Mutter als Konsequenz der Wiederkehr des Immergleichen, der fortwährenden Monotonie des Alltags gedeutet.4 Vor allem seit der Tetralogie Langsame Heimkehr, Die Lehre der Sainte-Victoire, Kindergeschichte und Über die Dörfer erfährt die Wiederholung eine Umdeutung und wird nun zu einem Kernstück der poetologischen Bestimmungen. So formuliert Andreas Loser, der Protagonist des Romans Der Chinese des Schmerzes:

Auffällig jedenfalls, wie in den gebräuchlichen Wendungen das Wiederholen in der Regel als etwas Übles, Krankhaftes, gar Verbrecherisches erschien. Gab es dagegen nicht die Erfahrung der erfrischenden Wiederholung gegen die ›ermüdende Wiederholung‹; des Wiederholungsentschlusses gegen den ›Wiederholungszwang‹; der Wiederholungs-Möglichkeit gegen die ›Wiederholungsgefahr‹?5

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Anmerkungen

  1. 1.
    Peter Handke, Der Chinese des Schmerzes, Frankfurt/Main 1986, S. 70.Google Scholar
  2. 2.
    Peter Handke, Die Geschichte des Bleistifts, Frankfurt/Main 1985 (EA Salzburg 1982), S. 98.Google Scholar
  3. 3.
    Peter Handke, Die Hornissen, Frankfurt/Main 1966.Google Scholar
  4. 4.
    Vgl. dazu Helmut Schmied, Analytiker und Prophet. Die Wiederholung in Peter Handkes Prosatexten Wunschloses Unglück und Die Wiederholung, in: Text und Kritik, Nr. 24. Fünfte Auflage. Neufassung, S. 82–92. Vgl. zum Motiv der Wiederholung im Werk Handkes auch Herbert Gamper, Stellvertreter des Allgemeinen? Über Die Unvernünftigen sterben aus und das Erzählprogramm von Die Wiederholung, in: Gerhard Fuchs und Gerhard Melzer (Hrsg.), Dossier Extra. Peter Handke, Graz/Wien 1993, S. 165–200.Google Scholar
  5. 5.
    Peter Handke, Der Chinese des Schmerzes, S. 70.Google Scholar
  6. 6.
    Peter Handke, Epopöe vom Verschwinden der Wege oder Eine andere Lehre der Sainte-Victoire, in: Noch einmal für Thukydides, Salzburg/Wien 1990, S. 34–38, hier: S. 38.Google Scholar
  7. 7.
    In Der Nachmittag eines Schriftstellers, Frankfurt/Main 1989 (EA Salzburg 1987) finden sich zahlreiche Theologoumena, die durchweg mit der Literatur in Verbindung gebracht werden. So verbeugt sich der Erzähler vor dem Blatt mit dem geschriebenen Text so als handele es sich um einen heiligen Text (»Er hob beide Arme und verbeugte sich vor dem Blatt, das in der Maschine steckte.« S. 7), sieht in Heraklit ein »Vater unser« (S. 18), hält eine Vogelpredigt (S. 29), erblickt auf dem Weg in die Stadt eineGoogle Scholar
  8. Steinstatue mit Palmzweig, der dann kurz darauf der Einzug in die Stadt folgt: »der Schriftsteller hielt gleichsam seinen Einzug in die Stadt« (S. 25) Der Weg durch die Troßgasse wird als Verspottung wahrgenommen und angesichts der Presse reformuliert er das Bilderverbot: »dann durfte es von ihm kein einziges Abbild mehr geben.« (S. 48) Am Ende des Weges erblickt er zwei Gekreuzigte (50) und das Manuskript im Korb des Übersetzers wird ähnlich der Rettung Moses’ auf dem Nil beschrieben (S. 83).Google Scholar
  9. 8.
    Peter Handke, Abschied des Träumers vom Neunten Land. Eine Wirklichkeit, die vergangen ist: Erinnerung an Slowenien, Frankfurt/Main, S. 15.Google Scholar
  10. 9.
    Vgl. auch den entsprechenden Abschnitt in: Peter Handke und Herbert Gamper, Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen, Zürich 1987, S. 189f. Dort ist es Herbert Gamper, der Handke aus Hofmannsthals Texten vorliest.Google Scholar
  11. 10.
    Peter Handke und Herbert Gamper, Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen, S. 190.Google Scholar
  12. 11.
    Peter Handke, Die Wiederholung, Frankfurt/Main 1986, S. 101f.Google Scholar
  13. 12.
    Vgl. Peter Handke und Herbert Gamper, Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen, S. 190: »Ich weiß nie, wie ich das betonen soll: Soll ich sagen, die Wiederholung, oder die Wiederholung.«Google Scholar
  14. 13.
    Peter Handke, Die Lehre der Sainte-Victoire, Frankfurt/Main 1980, S. 9.Google Scholar
  15. 14.
    Peter Handke, Kindergeschichte, Frankfurt/Main 1981, S. 33.Google Scholar
  16. 15.
    Vgl. dazu Jürgen Egyptien, Die Heilkraft der Sprache. Peter Handkes Die Wiederholung im Kontext seiner Erzähltheorie, in: Text und Kritik Bd. 24, Fünfte Auflage. Neufassung, S. 42–58, bes. S. 46f.Google Scholar
  17. 16.
    Peter Handke und Herbert Gamper, Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen, S. 112.Google Scholar
  18. 17.
  19. 18.
    Peter Handke, Die Lehre der Sainte-Victoire, S. 62.Google Scholar
  20. 19.
    Peter Handke und Herbert Gamper, Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen, S. 152f.Google Scholar
  21. 20.
    Peter Handke, Das Gewicht der Welt. Ein Journal (November 1975-März 1977), Salzburg 1977, S. 321. Vgl. dazu Rolf Günter Renner, Die postmoderne Konstellation. Theorie, Text und Kunst im Ausgang der Moderne, Freiburg 1988, S. 369–387, bes. S. 371f.Google Scholar
  22. 21.
    Peter Handke, Phantasien der Wiederholung, Frankfurt/Main 1983, S. 83.Google Scholar
  23. 22.
    Peter Handke, Der Chinese des Schmerzes, S. 44. Vgl. auch Peter Handke und Herbert Gamper, Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen, S. 20.Google Scholar
  24. 23.
    Peter Handke, Abschied des Träumers vom Neunten Land, S. 19.Google Scholar
  25. 24.
    Peter Handke, Phantasien der Wiederholung, S. 56.Google Scholar
  26. 25.
    Peter Handke und Herbert Gamper, Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen, S. 20.Google Scholar
  27. 26.
    Peter Handke und Herbert Gamper, Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen, S. 158.Google Scholar
  28. 27.
    Peter Handke, Die Wiederholung, Frankfurt/Main 1986, S. 207. Die Nachweise erfolgen im folgenden im Haupttext.Google Scholar
  29. 28.
    Vgl. dazu Rolf Günter Renner, Die postmoderne Konstellation, S. 376.Google Scholar
  30. 29.
    Eine andere Korrespondenz von Die Wiederholung macht Jürgen Egyptien aus. Er findet in Die Lehre der Sainte-Victoire einen Abschnitt, in dem in nuce der Protagonist der späteren Erzählung erscheint. Vgl. Die Heilkraft der Sprache, S. 42.Google Scholar
  31. 30.
    Bereits in Die linkshändige Frau (Frankfurt/Main 1976) hatte Handke sich an der Prosa von Goethes Wahlverwandtschaften orientiert, in denen die Anlage des Gartens mit dem Geschehen vielfach korrespondiert.Google Scholar
  32. 31.
    Vgl. Peter Handke, Die Wiederholung, S. 284.Google Scholar
  33. 32.
    Das Motiv der Bundeslade, in der im Alten Testament die Zehn Gebote aufbewahrt wurden, wird im Text explizit angeführt. Vgl. S. 298.Google Scholar

Copyright information

© Springer Fachmedien Wiesbaden 1998

Authors and Affiliations

  • Bernd Stiegler

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