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Zwerge, Leser, Abduktionen

Über die Logik des Lesens bei Calvino und Eco
  • Uwe Wirth

Zusammenfassung

Den Romanen des „philosophischen Schriftstellers“ Italo Calvino lassen sich grundlegende Fragen der zeitgenössischen Ästhetik entnehmen. Sie eröffnen einen Horizont, innerhalb dessen sich auch das theoretische und literarische Œuvre des „Roman-schreibenden Philosophen“ Umberto Eco bewegt, ja es scheint fast, als befänden sich die Werke beider in einem Dialog. Jedes lebendige Kunstwerk ist, wie Eco betont, ein Kunstwerk in Bewegung, offen für neue interpretative und kommunikative Möglichkeiten sowie für neue Möglichkeiten des ästhetischen Genusses.1 Der Interpretationsprozeß gleicht einer Pendelbewegung zwischen der „Offenheit“ der Rezeptionsmöglichkeiten und der „Geschlossenheit“ bzw. Bestimmtheit des Werkes durch seine Struktur. Der Interpret steht demnach innerhalb einer nicht stillzustellenden Bewegung, in deren — immer erneut notwendigen — Nachvollzug er sowohl Erkenntnisse über die „kombinatorischen Möglichkeiten des Codes“ gewinnt, als auch über „die Codes (...) einer bestimmten Periode der Kunstgeschichte.“ Daher ist es die Aufgabe der semiotischen Interpretation eines ästhetischen Textes, „das strukturierte Modell für einen unstrukturierten Prozeß eines kommunikativen Wechselspiels“ zu liefern.2 Für Eco ist die Interpretation ein pragmatisch-hermeneutischer Prozeß, der im „Taumel der Möglichkeiten“ bestimmte Bedeutungsmöglichkeiten ausschließt und andere privilegiert. Ein „epochales“ Kunstwerk ist nach Eco eine „episte-mologische Metapher“, es repräsentiert ein „diffuses theoretisches Bewußtsein“,3 das von den wissenschaftlichen und ästhetischen Theorien seiner Zeit gespeist wird.

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Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1994

Authors and Affiliations

  • Uwe Wirth

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