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Über den Umgang der „Neuen Linken“ mit Nation, (Inter-)Nationalismus und Rassismus in Vergangenheit und Gegenwart

  • Andrea Ludwig

Zusammenfassung

Ein wenig beachteter Aspekt ist der hohe Stellenwert der Deutschlandpolitik im SDS und der zukunftsweisende Charakter der damals entwickelten Ansätze, die den SDS zum “...Vordenker in den Beziehungen zur DDR...” (Jahn 1990: 1) werden ließen. Die avantgardistische Rolle des SDS wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die SDS-Forderung nach Normalisierung der Beziehungen zur DDR 1961 noch einer der “manifesten Anlässe” (Reiche 1967: 37) für den Unvereinbarkeitsbeschluß der SPD war, während sie nach 1969 zum Kernstück der neuen Ostpolitik der sozialliberalen Koalition avancierte.

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Literatur

  1. 1.
    Da die Punkte, bei denen der Unterschied zwischen Traditionalisten und Antiautoritären von Relevanz ist, in den Text eingearbeitet sind, erübrigt sich an dieser Stelle eine Definition der beiden Hauptströmungen im SDS.Google Scholar
  2. 2.
    Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß Lessing — nach seinen eigenen Worten — an ein Hegel-Zitat anknüpft (“Die abstrakte Identität mit sich ist noch keine Lebendigkeit... Etwas ist.lebendig, nur insofern es den Widerspruch in sich enthält, und zwar diese Kraft ist, den Widerspruch in sich zu fassen und auszuhaken”), während im folgenden Satz von der Möglichkeit der Aufhebung gesellschaftlicher Widersprüche die Rede ist. Fraglich ist, ob hier die Entstehung neuer Widersprüche als zwangsläufige Folge der Aufhebung bestehender Antagonismen gedacht wird, oder ob Lessing der Vorstellung von der Möglichkeit einer widerspruchslosen Gesellschaft verhaftet bleibt.Google Scholar
  3. 3.
    Die Forderung des SDS, zukünftig von der FDJ als “ausländische sozialistische Organisation” und nicht mehr als “Freunde aus Westdeutschland” behandelt zu werden, unterstreicht diesen Sachverhalt (vgl. Rechenschaftsbericht des SDS-Bundesvorstands, 22. Delegiertenkonferenz 4.–8.9.1967, s. Standort: SDS-Archiv).Google Scholar
  4. 4.
    Diese Auffassung ist in der studentischen Linken unumstritten (vgl. neben den oben zitierten: Hirschfeld 1962: 16; Menzel 1964: 28; Dutschke 1968a: 58).Google Scholar
  5. 5.
    Wenn die — nicht als Zitat ausgewiesene — Bezeichnung der nicht-jüdischen Mehrheit als “Wirtsvölker” (Hirschfeld 1962: 15) nicht auf einen Druckfehler zurückzuführen ist kann sie als Indiz für die Richtigkeit der vom Autor selbst stammenden These von der prinzipiell antisemitischen Gesellschaft gelten.Google Scholar
  6. 6.
    Der von Rabehl (1968a: 164) angeführte Zeitfaktor, d.h. der Druck, der sich 1966 schlagartig verbreiternden Vietnam-Opposition schnellstmöglich zu einer theoretischen Konzeption zu verhelfen, dürfte eher zu den nebensächlichen Gründen zählen. Bis Ende der 70er Jahre wird eigenständige Theorienbildung als Anhäufung theoretischer Versatzstücke mißverstanden, bzw. wird in den sowjetischen oder chinesischen Imperialismus-Theorien ein vollumfanglich adäquates Interpretationsmuster gesehen.Google Scholar
  7. 7.
    In ihren extremsten Ausprägungen geht die “Theoriefeindlichkeit” der Antiautoritären bis hin zur kategorischen Verneinung der Notwendigkeit theoretischer Grundlagen für internationalistische Arbeit (vgl. Semler zit. bei Bauß 1977: 204).Google Scholar
  8. 8.
    Obwohl sich bereits vorher Studenten innerhalb des universitären Bereichs mit dem Vietnam-Krieg beschäftigten, bedurfte es einer pro-amerikanischen Vietnam-Kampagne unter Leitung des Springer-Konzerns Ende 1965, um die theoretischen Erkenntnisse in praktische, öffentliche Aktionen umzusetzen (vgl. Rabehl 1968a: 162). Die hier beispielhaft zum Ausdruck kommende Tendenz der “Neuen Linken”, das Agieren dem politischen Gegner zu überlassen und sich selbst auf die Reaktion zu beschränken, sollte insbesondere im Hinblick auf den Nahost-Konflikt deutliche Konsequenzen zeitigen (vgl. II/Kap. 1,4).Google Scholar
  9. 9.
    Zu diesen Erfolgen gehören die Aktionen nach dem Attentat auf Dutschke am 11.4.1968, an denen sich auch Arbeiter und Schüler verstärkt beteiligten. Die daraufhin aufgestellte Behauptung, “(s)eit Ostern gibt es keine Opposition der Studenten mehr, sondern endlich eine Opposition der Arbeiter, Schüler und Studenten...” (konkret 6/1968: 25), trägt jedoch eher den Charakter politischenWunschdenkens, als daß sie die weitere Entwicklung zutreffend prognostiziert hätte.Google Scholar
  10. 10.
    Da zur linken Auseinandersetzung mit Israel zwei Arbeiten zur Verfügung stehen, die sich ausschließlich diesem Thema widmen (vgl. Kloke 1990; Ludwig 1992), beschränkt sich die vorliegende Untersuchung auf die Herausarbeitung zentraler Aspekte. Dies gilt sowohl für das folgende Kapitel als auch für die Israel-Rezeption der K-Gruppen (vgl. II/Kap. 2.3) und der Grünen (vgl. II/Kap. 3.2.2).Google Scholar
  11. 11.
    Nach Auskunft eines ehemaligen Mitglieds der Frankfurter DIS übten die Anfang der 60er Jahre von der DIS organisierten Veranstaltungen (z.B. mit Adorno und Horkheimer zum Thema “Autoritärer Staat”) häufig eine politisierende Wirkung auf die Interessenten aus, die zur Hinwendung zum SDS führte (Telefongespräch mit Klaus Rüster am 28.6.1991).Google Scholar
  12. 12.
    Pikanterweise wird die Bundesregierung dabei Opfer’ einer arabischen Hallstein-Doktrin’, da die arabischen Staaten im Fall einer Anerkennung Israels durch die BRD mit dem Abbruch der arabisch-westdeutschen Beziehungen drohen (vgl. Schmidt 1965: 1 f.).Google Scholar
  13. 13.
    Traurige Berühmtheit erlangt Shukairy v.a. mit seiner wiederholt geäußerten Absicht, die Juden ins Meer zu werfen (vgl. Hamdan 1983: 214).Google Scholar
  14. 14.
    Die KPD/ML ersetzt in ihren Publikationen die Bezeichnung “Bundesrepublik Deutschland” durch “Deutsche Bundesrepublik (DBR)”, da sie von der Existenz zweier deutscher Staaten einer Nation ausgeht und somit “...keiner der beiden deutschen Staaten...das Recht (habe), sich als Deutschland’ zu bezeichnen” (KPD/ML 1976?: 2).Google Scholar
  15. 15.
    Anhand eines 1975 erschienenen Artikels der KPD/ML wird deutlich, daß die hier skizzierte Differenz zwischen beiden Parteien eher willkürlichen denn programmatischen Charakter trägt. Darin wird der Spieß umgedreht, die KPD einer “linken Abweichung” bezichtigt, da sie nur explizit sozialistische Befreiungsbewegungen unterstütze und dadurch “...die Einheitsfront gegen die imperialistischen Supermächte (spalte)” (Weg der Partei 3/1975: 341).Google Scholar
  16. 16.
    Diese Formulierung ist typisch für die willkürliche, inhaltlich nicht festgelegte Verwendung des Begriffs ‘Volk’, worunter mal alle Bevölkerungsteile außer der ‘Monopolbourgeoisie’ subsumiert werden (vgl. Weg der Partei 1/1974: 5), während an anderer Stelle die gesamte Bourgeoisie aus dem Volk ausgeklammert wird (vgl. ebd.: 19) oder die Exklusion — wie hier -die Arbeiterklasse betrifft.Google Scholar
  17. 17.
    Beispielhaft für die Intensität, mit der der sog. Faschismus in der UdSSR angeprangert wird, ist eine 381 (!) Seiten dicke Publikation der KPD, die allein diesem Zweck dient (vgl. KPD 1975b).Google Scholar
  18. 18.
    Erst ab Ende der 80er Jahre sind beim KB — der einzigen zu diesem Zeitpunkt noch bestehenden Organisation — Ansätze einer Selbstkritik und partiellen Neuorientierung konstatierbar, was sich u.a. in der Veröffentlichung einer Diskussion linker Gruppierungen über die sog. Palästina-Solidarität niederschlug (vgl. Redaktion ‘Arbeiterkampf’ 1988).Google Scholar
  19. 19.
    Die gemeinte Zusammenarbeit von Zionisten und Nationalsozialisten geschah im Rahmen des “Haavara-Abkommens”, durch das von 1933–1939 die Ausreise jüdischer Deutscher nach Palästina geregelt wurde, wobei das nationalsozialistische Interesse darin bestand, die Juden aus Deutschland zu vertreiben, während das der Zionisten dahin ging, sie zum Aufbau einer Heimstätte in Palästina zu sammeln. Die Darstellung dieses Abkommens als Ausdruck der Geistesverwandschaft von Nationalsozialismus und Zionismus ist eine besonders perfide Form der Geschichtsklitterung, da nicht die Zionisten, sondern die Nationalsozialisten die Juden zur Einsicht in die Notwendigkeit der Emigration zwangen, und das Abkommen nicht die Emigration in andere Länder behinderte oder die jüdische Situation in Deutschland verschlimmerte, sondern es den “...bedrängten deutschen Juden eine Emigrationsmöglichkeit in einer Zeit schuf, als ihnen die Tore Westeuropas und Amerikas keineswegs offenstanden” (Schölch 1983: 68), auch wenn die Zionisten diese — von ihnen nicht zu verantwortenden — Umstände gleichzeitig dazu nutzten, ihr Besiedlungsprojekt voranzutreiben.Google Scholar
  20. 20.
    Damit soll keineswegs behauptet werden, daß die Shoah Israel zu einer von wahrgenommenen Klassen-Antagonismen freien Gesellschaft macht. Es zeugt jedoch von extremer Geschichtsblindheit, wenn ausgerechnet von der israelischen Bevölkerung gefordert wird, jene weltweit überwiegende Tendenz zu durchbrechen, der Erhaltung des Nationalstaats Priorität gegenüber sozialen Widersprüchen einzuräumen.Google Scholar
  21. 21.
    Die im Gefolge dieser Aufdeckung verlautbarten Thesen von der Verantwortlichkeit Schneiders für die Konzeptlosigkeit der Grünen beim Fall der Mauer sind wenig plausibel, da die von ihm vertretene Festschreibung der Zwei Staatlichkeit von einer grünen Mehrheit geteilt wurde. Einer vorbehaltlosen Verwendung seiner Papiere in diesem Kapitel steht somit nichts im Weg. 22 Ein nicht quantifizierbarer Faktor dieser Klage ist die menschliche Eigenschaft, den eigenen Tätigkeits- und Interessenbereich als vorrangig und somit zumeist als von der Allgemeinheit zu wenig berücksichtigt anzusehen.Google Scholar
  22. 23.
    Obwohl die von Bredow/Brocke (1985?: 9) übernommene Charakterisierung dieses Ansatzes als “realpolitisch” angesichts des realpolitischen Faktums der Wiedervereinigung aus heutiger Sicht nicht unbedingt treffend erscheint, wird er hier beibehalten, da seine Realisierungschancen bis 1989 — nicht nur von den Grünen — höher veranschlagt wurden.Google Scholar
  23. 24.
    Von Bredow/Brocke (1985?: 3ff.) wird zusätzlich ein dritter “bewegungspolitischer” Ansatz genannt, der jedoch weniger als inhaltlich eigenständiger Ansatz denn als Form politischen Handelns zu bewerten ist. Darin wird einer Zusammenarbeit mit oppositionellen Gruppierungen in der DDR der Vorzug vor Kontakten auf staatlicher Ebene gegeben. Da jedoch von der dazu notwendigen längerfristigen Kooperation mit DDR-Oppositionsgruppen keine Rede sein konnte, ergeben sich aus diesem Ansatz keine neuen inhaltlichen Impulse.Google Scholar
  24. 25.
    Mit dem 1987 erfolgten Parteiaustritt der AG Berlin- und Deutschland-Politik verschwindet zwar der nationalpolitische Protagonist, ohne daß jedoch dadurch das Fortbestehen einer solchen Ausrichtung innerhalb der Grünen beenden gewesen wäre (vgl. II/Kap. 3.1.3).Google Scholar
  25. 26.
    Zweifel an dieser These meldet z.B. Bredow (1983: 42) an, der den “...topos von der besonderen Geführdung der Deutschen...” als einen merkwürdigen Anachronismus bezeichnet. Aufgrund waffentechnischer und nuklearstrategischer Entwicklungen sei “...die Idee von Frontterritorien ebenso absurd... wie die von national definierten Bedrohungsgraden” (ebd.).Google Scholar
  26. 27.
    Bei der Flucht vor dem nationalsozialistischen Hintergrund konnte sich die Linke auf objektive’ — weil marxistische — Glaubenssätze berufen, wonach die Gleichberechtigung kulturell-nationaler Faktoren mit denen der sozialen Klasse “...einem Sieg der zufälligen Erscheinung’ über das Wesen (gleichkomme)” (Nairn 1979: 161).Google Scholar
  27. 28.
    Z.T. kann dieses Defizit auf den rückwärtsgewandten Charakter der Internationalismus-Diskussion zurückgeführt werden. Über der Konzentration auf bereits offensichtliche Fehleinschätzungen von Entwicklungen in der Peripherie wurde die Auseinandersetzung mit noch offenen Konflikten vernachlässigt.Google Scholar
  28. 29.
    Der Begriff Rassismen’ steht zur Kennzeichnung der unterschiedlichen Formen, in denen sich Rassismus konkret in der gesellschaftlichen Realität manifestiert.Google Scholar
  29. 30.
    Die von einer grünen Minderheit ausgemachte ökologische Belastbarkeitsgrenze der BRD als Argument gegen offene Grenzen (vgl. Kang 1989: 10) soll wegen ihres bizarren Charakters zumindest erwähnt werden.Google Scholar
  30. 31.
    Der sich aufdrängende Eindruck, daß die unterschiedlichen Positionen sich entlang der Front zwischen grünen Realos’ und Linken bewegen, ist nicht durchgängig belegbar. So ist z.B. Trenz gleichzeitig eine der engagiertesten Vertreterinnen von Einwanderungsgesetzen und Mitbegründerin des “Linken Forums”.Google Scholar
  31. 32.
    Mit dem Ende 1992 erschienenen Buch “Heimat Babylon” liegt mittlerweile der erste Versuch einer Konturierung des Projekts einer multikulturellen Gesellschaft vor. Inwieweit die Auffassungen der Autoren Cohn- Bendit und Schmid für die Grünen repräsentativ sind, bleibt abzuwarten.Google Scholar
  32. 33.
    Der Grund, weshalb hier wie im folgenden Begriffe wie eigene’ resp. ‘eine’ Kultur in halbe Anführungszeichen gesetzt werden, beruht auf dem darin zum Ausdruck kommenden Kulturverständnis, nach dem sich diese entlang einer festen — zumeist ethnisch oder national definierten — Abstammungsgrenze als homogene und statische Einheit determinieren läßt. Dabei handelt es sich nicht nur unter Immigrationsbedingungen um ein zwar wirkungsmächtiges, jedoch fiktives Konstrukt: erstens weil Kultur “...nur in dem gegebenen Feld der Möglichkeiten und Zwänge...” (Clarke zit. bei Kalpaka/Räthzel 1989: 94) reproduziert und vermittelt wird, d.h. einem beständigen Wandlungsprozeß unterworfen ist, der auf die Veränderung der aktuellen Lebensbedingungen reagiert und daher selbst die Re-Islamisierungswelle in den moslemischen Staaten aufgrund ihrer Prägung durch diese Folie und entgegen ihres Anspruchs kein identisches Abbild vorkolonialer Gesellschaft hervorbringen kann; zweitens stellt sich die Art und Weise so unterschiedlich dar, wie Kultur erfahren wird — z.B.geschlechtsspezifisch —, daß die Behauptung einer Wahrnehmung die reale Komplexität nicht erfasst.Google Scholar
  33. 34.
    Die Tatsache, daß die verbreitetsten, von SDSlern stammenden Bücher über Vietnam “...die Rolle der Bundesrepublik im Vietnamkrieg... mit keinem Wort (erwähnen)” (Bauß 1977: 204), verdeutlicht diesen Sachverhalt nachdrücklich.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1995

Authors and Affiliations

  • Andrea Ludwig

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