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Einstellungen zum Beruf und die Normalität des beruflichen Lebenslaufs

  • Heiner Meulemann
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Zusammenfassung

Der Normallebenslauf ist für jeden Orientierungspunkt, aber nicht für jeden Realität. Wie kann man dann die Norm empirisch erfassen? Die erste Norm ist die Trennung zwischen beruflichem und privatem Leben. Kann man fragen, ob diese Norm gilt? Der Leser versuche, eine Fragebogenfrage zu konstruieren und stelle sich vor, was er auf seine Frage antworten würde. Die Trennung zwischen beruflichem und privatem Leben ist Kennzeichen der Sozialverfassung moderner Gesellschaften und gehört darum zu den kulturellen Selbstverständlichkeiten der Zeitgenossen. Sie wird erlebt und erfahren, bevor sie gedacht und gewünscht wird. Wer nach ihr fragt, setzt sich dem Verdacht aus, realitätsfremd zu sein. Man kann nicht nach ihr, sondern nur mit ihr fragen: In der Tat wäre keine Lebenslaufbefragung möglich, wenn die Trennung zwischen beruflichem und privatem Leben nicht vorausgesetzt wäre. Die Frage nach der Normalität der Trennung katapultiert uns aus dem Alltag in die Wissenschaft, aus der Sprache in die Meta-Sprache. Im Alltag aber ist die Frage zirkulär: Sie fragt mit ihren Begriffen nach ihren Begriffen. Wie kommt es zu der Trennung zwischen beruflichem und privatem Leben, ist eine sinnvolle; sind berufliches und privates Leben getrennt, eine sinnlose Frage.1 Die Trennung zwischen beruflichem und privatem Leben ist ein Axiom des Alltagslebens; aber wir alle geben im Alltag der einen und der anderen Seite ein persönliches Gewicht. Welchen Stellenwert haben die beiden Stränge des Lebenslaufs im psychischen Haushalt der dreißigjährigen ehemaligen Gymnasiasten?

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Literatur

  1. 1.
    Nicht anders als mit der Trennung zwischen beruflichem und privatem Leben verhält es sich mit der Aufgliederung des beruflichen Normallebenslaufs in die beiden Elemente von Bildung und Beruf. Daß berufliche Positionen nach Bildungsqualifikationen vergeben werden, ist ebenfalls Kennzeichen der Sozial Verfassung moderner Gesellschaften. Daß Bildung vor dem Eintritt in den Beruf abgeschlossen werden sollte, ist die Normalfolge des beruflichen Lebenslaufs. Keiner plant den Beruf vor der Bildung — es sei denn als strategisch untergeordnete Zwischenphase oder aus aktuellen Notlagen: Erst einmal eine Berufsausbildung, damit das Studium und der Berufseintritt um so effizienter ablaufen; erst einmal im Beruf das Geld für ein Studium verdienen, das die Eltern nicht geben. Die erste Planung überbietet gleichsam den beruflichen Normallebenslauf, die zweite bleibt zähneknirschend hinter ihm zurück; beide aber orientieren sich an ihm. Nicht anders als mit der Trennung zwischen Bildung und Beruf verhält es sich schließlich mit der Aufgliederung des beruflichen Normallebenslaufs in Etappen der Bildung auf der einen, des Berufs auf der anderen Seite. Die Gliederung von Bildungs- und Berufslaufbahnen ist ein Kennzeichen der Sozial Verfassung moderner Gesellschaften — nicht in ihrer besonderen Form, wie ein Vergleich zwischen — sagen wir — der USA und Deutschland zeigt, aber als Tatsache. Der Sekundarabschluß wird als Mittel für die Tertiarbildung, das Abitur als Mittel zum Studium angestrebt; die berufliche Eingangsposition als Mittel für eine berufliche Karriere.Google Scholar
  2. 2.
    Die Gegenüberstellung von beruflichem und privatem Lebenslauf ist nicht ganz mit den Gegenüberstellungen von Öffentlich-Privat oder Beruf-Familie vereinbar. Der berufliche Lebenslauf hat seinen Ort im öffentlichen Lebensbereich Beruf; aber der private Lebenslauf ist nicht mit dem privaten Lebensbereich Familie deckungsgleich. Dem beruflichen Leben ist ein Lebensbereich zugeordnet: der Beruf; dem privaten Leben mehrere: Familie, Freizeit, Freunde. Auf der einen Seite gibt es private Lebensbereiche jenseits des privaten Lebenslaufs: eben Freizeit oder Freundschaft. Auf der einen Seite findet der private Lebenslauf nicht immer in der Familie statt: Alleinstehende oder nichteheliche Lebensgemeinschaften stehen außerhalb der Familie — genauer: außerhalb der Institution der Familie, die Partnerschaft und Elternschaft in einer einzigen verbindlichen Form regelt (Hettlage 1992). Um alle neueren privaten Lebensformen zu erfassen und damit die Parallele zwischen den Unterscheidungen wieder herzustellen, muß man Familie anders verstehen: nicht mehr als Institution, sondern als Oberbegriff für jede Form der Partnerschaft und Elternschaft, ja für alle Aktivitäten des privaten Lebens. Familie ist dann gleich Privatleben. Viel spricht dafür, daß mittlerweile — in Widerspiegelung der jüngsten sozialen Entwicklungen — dieses rein terminologische Verständnis von Familie nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch im Alltag vorherrscht.Google Scholar
  3. 3.
    Im ALLBUS wurde “eigene Familie mit Kindern” vor “Beruf und Arbeit” erfragt; in der Gymnasiastenbefragung “Ehe/Lebenspartner” vor “eigene Familie mit Kindern” und “Beruf” und Arbeit”. Durch diese Abfolge ist sichergestellt, daß zwischen Familie und Beruf in beiden Untersuchungen gleich unterschieden wurde und daß “Ehe-/Lebenspartner” in der Gymnasiastenbefragung — der unterschiedlichen Formulierung zum Trotz — mit “eigener Familie mit Kindern” im ALLBUS gleichgesetzt werden kann. Mir ist nur eine Untersuchung bekannt, die — wie die Gymnasiastenstudie — zwischen “Ehe-/Partnerschaft” und “eigener Familie mit Kindern” unterscheidet (Schumacher 1988: 85). Aber erfragt wurde dort nicht die “Wichtigkeit”, sondern die “Leistung” (“Welchen Raum nehmen die Lebensbereiche ein?”) in den Lebensbereichen, so daß die Zielvariablen nicht vergleichbar sind.Google Scholar
  4. 4.
    Die Analyse wurde durchgeführt, als erst rund 1000 Personen wiederbefragt waren. Da es sich auf der einen Seite um sehr arbeits- und zeitintensive Analysen handelt und auf der anderen Seite die hier betrachteten Prozentsätze sich in einem größeren Aggregat wohl kaum mehr verändern würden, wurde auf eine erneute Berechnung der vollständigen Stichprobe der Wiederbefragung verzichtet.Google Scholar
  5. 5.
    In der etwas überhitzten Atmosphäre, in der staatliche Regulierungen der Universität in Deutschland heute diskutiert werden, muß man hinzufügen, daß staatliche Regulierungen nicht nur bürokratischer, sondern auch sozialer Natur sind. Studienordnungen und Mindeststudienzeiten schränken nicht nur ein, sie können auch die Basis für soziale Beziehungen unter Studenten bilden (gemeinsame Arbeitsplätze, Vorbereitungskurse, Arbeitsgruppen etc.).Google Scholar
  6. 6.
    Wenn man, wie hier, die Form der Kurve von Prozentsätzen betrachtet, muß man bedenken, daß nicht nur die Ober-, sondern auch die Untergrenze einer Kategorie in einer kumulativen Darstellung schwankt. Aus diesem Grunde wurde der Prozentsatz der Studenten und Referendare für Männer und Frauen in einer gesonderten, hier nicht wiedergegebenen Abbildung auf einer geraden Achse abgetragen; auch in ihr zeigt sich, daß der Charakter des Studienabschlusses als Passage bei den Frauen schwächer ausgeprägt ist.Google Scholar
  7. 7.
    Die institutionellen Veränderungen ziehen, eben weil sie soziale Innovationen sind, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit viel stärker an sich als die zeitlichen, die im Rahmen der institutionellen Normalität bleiben. Aber die zeitlichen Verschiebungen verändern den Aufriß eines Lebenslaufs ebenso wie institutionelle Neuerungen; anders formuliert: sie verwandeln sich — ab einem bestimmten Punkt — in institutionelle Neuerungen. Ein Studium von 4–5 Jahren ist eine Durchgangsphase, ein Studium von 10 Jahren wird ein Lebensalter auf dem gleichen Rang wie Kindheit und Jugend. Ahnliche Entwicklungen wie auf dem schulischberuflichen kann man auch auf dem privaten Lebensweg vermuten. Vermutlich ist auch hier der Aufschub von Heirat und Geburt des ersten Kindes quantitativ bedeutsamer als das Aufkommen neuer Familienformen wie der nichtehelichen Lebensgemeinschaft; denn den Aufschub werden auch diejenigen praktizieren, die nicht die neue Vorform der Familiengründung praktizieren.Google Scholar
  8. 8.
    Hier wie in den folgenden Tabellen 2.7 bis 2.10 kann man die Prozentsätze spaltenweise zusammenfassen, um die Zusammenhänge der Tabelle deutlicher zu erkennen. Die Differenz von 3,4 Prozentpunkten ergibt sich daher, indem die Prozentsummen beider Studienaufsteigergruppen für Männer und für Frauen gebildet und voneinander abgezogen werden. Diese zusammenfassende Darstellung wird im folgenden häufig benutzt.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1995

Authors and Affiliations

  • Heiner Meulemann

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