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Biographische Selbstreflexion: Bestandsaufnahme und Hintergründe

  • Heiner Meulemann
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Zusammenfassung

In den beiden vorausgehenden Kapiteln wurden zwei Erfolgskriterien für die Lebensspanne zwischen 16 und 30 betrachtet, die Zufriedenheit und die biographische Selbstdefinition. Die Zufriedenheit regiert das ganze Leben; aber die biographische Selbstdefinition bezieht sich auf eine bestimmte Lebensphase, den Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen. In Bezug auf das Heranwachsen ist die Zufriedenheit ein unspezifisches, die biographische Selbstdefinition ein spezifisches Erfolgskriterium. Aber auch in der biographischen Selbstdefinition bleibt der Bezug zum persönlichen Leben implizit. Man hält sich zwar eher für erwachsen, wenn man die üblichen beruflichen und privaten Übergänge hinter sich gebracht hat; aber man nimmt nicht auf sein eigenes Leben Bezug — nicht auf die persönlichen Umstände dieser Übergänge und nicht auf persönliche Ereignisse jenseits dieser Übergänge. Persönliche Lebensumstände fließen in die biographische Selbstdefinition ein, aber sie sind nicht ihr Gegenstand. Sie sind Gegenstand der biographischen Selbstreflexion. In der biographischen Selbstdefinition ist der Bezug auf das persönliche Leben implizit, in der biographischen Selbstreflexion explizit. In der biographischen Selbstdefinition beurteilt man für den eigenen Fall, ob das immanente Ziel der Jugend, der Erwachsenenstatus, erreicht wurde; in der biographischen Selbstreflexion sucht man persönliche Wertigkeiten der Ereignisse des bisherigen Lebens — ob sie in den sozial gültigen Kategorien des beruflichen oder privaten Lebens gefaßt sind oder nicht. Es geht nicht darum, ob man berufstätig ist, sondern darum, ob man seinen Beruf gut gewählt hat; nicht darum, ob man in einer Lebensgemeinschaft oder Ehe lebt, sondern ob man mit seinem Partner glücklich ist.

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Literatur

  1. 2.
    Dazu wurde das von dem Frankfurter Softwarehaus midas vertriebene Programm LARS 4.0 verwendet, das Texte und Verschlüsselungen gleichzeitig verwalten kann. Die Erfahrungen bei der Verwendung dieses Programms sind in einem technischen Bericht zur Vercodung (Birkelbach 1992a), der Interessenten gerne zugesandt wird, festgehalten.Google Scholar
  2. 3.
    Diese Summe liegt (wie auch die folgenden) wegen der Möglichkeit von Mehrfachnennungen etwas niedriger als die sich aus der Addition der entsprechenden Zellen in Tabelle 11.4 ergebende Summe.Google Scholar
  3. 4.
    Auch der Inhalt ist insofern ein Stil, als er der Intensität gegenübergestellt wird; er wird wie die Wertung als die Ausführung einer gegebenen Intensität verstanden.Google Scholar
  4. 5.
    Die große Bereitschaft, biographische Selbstreflexionen einem Fremden zu offenbaren, ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Opposition gegen die 1980 geplante und 1986 durchgeführte Volkszählung, die mit unserer Wiederbefragung 1985/86 zeitlich parallel verlief, eine hohe Verweigerung nahegelegt hätte: Wenn schon Informationen über den unverfänglichen Bereich des öffentlichen Lebenslaufs so stark zurückgehalten werden, um wieviel mehr über den sensiblen Bereich der biographischen Selbstreflexion? Wie aber die hohe Bereitschaft zur Äußerung biographischer Selbstreflexionen zeigt, drückte die Opposition gegen die Volkszählung offenbar keine soziale Tabuierung des Privaten, sondern eine — begründete oder herbeigeredete -Angst vor staatlichen Übergriffen aus.Google Scholar
  5. 6.
    Säkularisierung kann auf einer sozialhistorischen und einer sozialpsychologischen Ebene definiert werden. Shiner (1967) sieht verschiedene sozialhistorische Entwicklungen — Differenzierung zwischen religiöser und weltlicher Sphäre, Entzauberung der Welt, Privatisierung des Religiösen — als Hintergrund für eine sozialpsychologische Definition, um die es hier geht: Säkularisierung wird als Übertragung von Glaubenssätzen und Verhaltensweisen aus der religiösen in die weltliche Sphäre verstanden.Google Scholar
  6. 7.
    Die christlichen Kirchen verlangten, daß die Gläubigen, um sich ihres religiösen Heils zu vergewissern, in der Beichte oder in anderen Formen des Bekenntnisses Rechenschaft über ihr Leben gaben (Hahn 1982). Auch wenn in genetischer Betrachtung die Kirchen in dieser Form die Selbstthematisierung positiv beeinflußt haben, kann im heutigen Querschnitt einer Bevölkerung die Korrelation sich umkehren. Das institutionell geregelte religiöse Bekenntnis wurde zu einer Zeit durchgesetzt, als die eine Kirche und später wenigstens das eine Christentum das Verständnis von Leben und Welt bestimmten. Mit dieser Autorität wirkte es als Verstärker des Zivilisationsprozesses, in dem Selbstbewußtsein und Selbstkontrolle zu inneren Instanzen der Person wurden; auf dem Weg von der katholischen Beichte beim Ortspfarrer zur Laienbeichte der Reformation und der Generalbeichte der Gegenreformation wurde die Reichweite des religiösen Bekenntnisses von den Taten des Tages auf das ganze Leben ausgedehnt. Sobald aber religiöse Weltdeutungen untereinander konkurrieren und der Einzelne zwischen ihnen entscheiden muß, verliert die zu einer Tradition unter anderen gewordene kirchliche Religiosität an ihrer Selbstbewußtsein und Selbstkontrolle provozierenden Kraft; aus einer mächtigen Instanz der sozialen Kontrolle ist ein Anbieter von Deutungen des Lebens und der Welt und von Trost in Grenzsituationen geworden, der um Gläubige werben muß. Sie fördert daher im Regelfall nicht mehr, was ohnehin — wenigstens als Forderung — Gemeingut geworden ist. Im Gegenteil: Ihr fallt die Funktion zu, von den Ungewißheiten der Selbstthematisierung zu entlasten. Auch Hahn (1982: 427–430) sieht daher die Funktion von Bekenntnissen heute weniger in der sozialen Kontrolle als in der individuellen Sinnstiftung.Google Scholar
  7. 8.
    Die Bezeichnung des Postmaterialismus als moderne religiöse Einstellung wird empirisch durch zwei Ergebnisse in vielen europäischen Ländern unterstützt. Einerseits korrelieren Postmaterialismus und christliche religiöse Überzeugungen negativ (Meulemann 1985b, Inglehart 1989: 244). Anderseits aber korreliert das Nachdenken über den Sinn des Lebens positiv mit Postmaterialismus (Inglehart 1989: 244–246). Postmaterialisten distanzieren sich von der traditionellen Religion und stoßen häufiger auf die Funktion von Religion.Google Scholar
  8. 9.
    Die Variable SUCHE wurde schon als Prädiktor der privaten Lebenszufriedenheit eingesetzt (siehe Abschnitt 9.3.1).Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1995

Authors and Affiliations

  • Heiner Meulemann

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