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Biographische Selbstdefinition: Alte und neue Lesarten von Jugend und Erwachsensein

  • Heiner Meulemann
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Zusammenfassung

Die Lebenszufriedenheit, die im letzten Kapitel als Erfolgskriterium für die Zeit zwischen dem 16. und dem 30. Lebensjahr untersucht wurde, nimmt nicht Bezug auf die Entscheidungen, die in dieser Zeitspanne normalerweise getroffen werden müssen. Entscheidungen über Ausbildung und Beruf auf der einen Seite, über Partnerschaft und Elternschaft auf der anderen Seite. Mit diesen Entscheidungen aber ist der Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen markiert. Wenn die Zufriedenheit eine unspezifische Währung für die Bilanz jedes Lebensabschnitts war, so ist das Erwachsensein eine spezifische Währung für das zweite und dritte Lebensjahrzehnt. Wenn die Zufriedenheit ein diffuses Empfinden war, so beruht das Erwachsensein auf einem spezifischen Urteil. Wenn die Zufriedenheit eine vages Mehr oder Minder war, dann ist das Erwachsensein ein klares Ja oder Nein. Für eine spezifische Bilanz sollte man also die Dreißigjährigen fragen, ob sie sich noch zur Jugend zählen oder schon als erwachsen betrachten. Die Antwort darauf kann man als biographische Selbstdefinition bezeichnen. Wieweit die biographische Selbstdefinition von der biographischen Entwicklung in Beruf und Familie abhängt, ist die erste Frage des folgenden Kapitels.

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Literatur

  1. 1.
    Viele der folgenden Fragen sind aus anderen Untersuchungen übernommen; die Quelle der Frageformulierung wird in diesem Fall in der entsprechenden Tabelle angegeben. Sofern möglich, wird auch die Zentralarchiv-Nummer (ZA-Nr.) der entsprechenden Studie genannt.Google Scholar
  2. 2.
    Die Frage nach dem Übergang und nach dem Selbstbild hängen empirisch nicht zusammen: Unter denen, die keinen Übergang wahrnehmen, ist der Anteil Jugendlicher bzw. Erwachsener so groß wie unter denen, die einen Übergang wahrnehmen. Die Nichtkorrelation beider Fragen spricht eigentlich gegen eine Interpretation des Übergangs im Alter von 30 Jahren als einem Übergang zum Erwachsenen. Da die beiden Nichterwachsenen-Gruppen jedoch nur 25% der Stichprobe umfassen, konnte zumindest die Erwachsenen-Gruppe, in der diese Frage sinnvollerweise als Übergang zum Erwachsenen verstanden werden konnte, nach den Antworten auf die Übergangs-Frage aufgeteilt werden. Unabhängig von der sprachlichen Bedeutung des “Übergangs” sprechen auch die geringen Häufigkeiten gegen eine weitere Aufteilung der ihrem Selbstbild nach Nichterwachsenen.Google Scholar
  3. 3.
    Für Schule und Studium werden sowohl die Netto- wie die Bruttozeiträume errechnet, d.h. ohne und mit den Zeiträumen für unterbrechende Phasen, wie Militärdienst, Auslandsreisen, Jobben etc. Für die biographische Selbstdefinition ist die Bruttozeit wohl wichtiger als die Nettozeit. Die Bruttozeit ist die real erlebte, die Nettozeit eine fiktive, gleichsam betriebswirtschaftlich kalkulierte Zeit. In die Nettozeit gehen viele Randbedingungen — Gelegenheit, Glück, Persönlichkeit — ein, die man sich zwar vergegenwärtigen, aber die man nachträglich nicht mehr ändern kann. Wie lange es bis zum Studienabschluß gedauert hat, entscheidet daher stärker über mein Selbstbild, als wie lange ich wirklich studiert habe. Deshalb wurden nur die Bruttozeiten dargestellt; alle Zusammenhänge wurden jedoch auch für die Nettozeiträume überprüft und es ergaben sich keine Unterschiede in der Tendenz.Google Scholar
  4. 4.
    Die Familienstandsgeschichte faßt die Schritte, die in Kapitel 8 getrennt analysiert wurden, zu einer Variable zusammen. Sie erfaßt den höchsten Familienstand, der jemals erreicht wurde, unabhängig davon, ob er später wieder revidiert wurde: Hatte der Befragte jemals einen Partner, zog er jemals mit einem Partner zusammen, war er jemals verheiratet? Neben der Familienstandsgeschichte wurde auch der aktuelle Familienstand (zum Befragungszeitpunkt) als Variable geprüft. Weil der Familienstand auch wieder revidiert werden kann, sind im aktuellen Familienstand die frühen Kategorien stärker besetzt: Es gibt mehr Partnerlose (N=287) und weniger ohne (N=236) oder mit Trauschein (N = 1175) Zusammenlebende. Dennoch bleibt der Zusammenhang mit der biographischen Selbstdefinition bei aktueller Betrachtung gleich. Die biographische Tiefenbetrachtung entspricht dem Untersuchungsansatz, der sich auf den Fortgang in der Biographie unabhängig von möglichen Revisionen richtet. Deshalb wurde die Familienstandsgeschichte statt des aktuellen Familienstands in den Tabellen wiedergegeben, obwohl die größere Gleichheit der Besetzungen in den Kategorien eher für den aktuellen Familienstand gesprochen hätte.Google Scholar
  5. 5.
    Innerhalb der Befragten ohne Studienabschluß ergaben sich keine Unterschiede mehr zwischen denen, die ein Studium erfolglos abgebrochen hatten, und denen, die bis zum Befragungszeitpunkt Studenten ohne einen Abschluß waren.Google Scholar
  6. 6.
    Wenn man “mehr Einfluß” und “freie Meinungsäußerung” — wie in der Einleitung der “Postmaterialismus”-Frage ausgesprochen — als Ziele für politische Aktivität versteht, so können sie nur als ein Anspruch auf Mitbestimmung verstanden werden, der über die in der Verfassung garantierten ausgrenzenden Grundrechte hinausgeht; durch den Frage-Vorspann müssen diese Werte so verstanden werden, daß mit ihnen ein Gestaltungsanspruch gestellt und nicht allein eine Schutzgarantie gefordert ist (siehe für diese Diskussion z. B. Habermas 1961). Umgekehrt sind “steigende Preise” für jeden Haushalt eine unausweichliche Erfahrung, gegen die angegangen werden muß, wenn man die Lebensqualität und die Loyalität der Bevölkerung erhalten will. Selbst die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung muß nicht allein als potentielle Unterdrückung unkonventioneller Meinungsäußerungen, sondern kann durchaus auch als Garantie elementarer Sicherheiten verstanden werden, auf die in einer Gesellschaft, die weiterleben will, nicht verzichtet werden kann (Siehe dazu ausführlich Meulemann 1990c).Google Scholar
  7. 7.
    Zu beiden Fragen verweigerten etwa 20% der Befragten in unterschiedlicher Form — “unentschieden”, “weiß nicht”, “keine Antwort” — eine Stellungnahme. Die Verweigerung der Stellungnahme hing nicht mit der biographischen Selbstdefinition zusammen.Google Scholar
  8. 8.
    In der Untersuchung Reigrotzkis (1956) wurde als Nachfrage zur “Glücks”-Frage eine offene Frage nach dem Bedeutungsverständnis von Familie gestellt, die in unserer Untersuchung leider nicht repliziert werden konnte. An einer solchen Nachfrage ließe sich unsere Interpretation des Zusammenhangs gut überprüfen.Google Scholar
  9. 9.
    Die Verweigerung einer sozialen Selbstverortung in Schichten wurde schon in früheren Untersuchungen besser ausgebildeter junger Erwachsener festgestellt. Habermas u. a. (1961: 203) fanden, daß 1957 etwa 31% der Studenten überwiegend im Alter zwischen 20 und 23 Jahren sich überhaupt keiner Schicht zurechnen wollten. Pfeil (1968: 275) fand, daß 4% der 23jährigen und 32% der 23jährigen Studenten eine soziale Selbsteinschätzung verweigerten und die Verweigerung positiv mit der Ausbildung zusammenhing. Pfeil (1968: 282) vermutete auch, was sich hier bestätigt, daß die “Statuslosigkeit der Studenten in gewisser Weise offen machen dürfte für eine Kritik der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung”. In ihrer 1964 durchgeführten Untersuchung aber ließ sich ein solcher Zusammenhang nicht entdecken.Google Scholar
  10. 10.
    Die biographisch ambivalenten und durch Bildung privilegierten Dreißigjährigen heute zeigen Ähnlichkeiten mit den “sozial freischwebenden Intellektuellen”, die Mannheim (1964: 454–457) im frühen 19. Jahrhundert diagnostizierte. Obwohl ihre Wertansprüche nicht romantisch, sondern eher aufklärerisch motiviert sind, liegt eine Analogie in der Exzentrizität der Selbstsicht.Google Scholar
  11. H Diese Diagnose stimmt im übrigen mit einer frühen jugendsoziologischen Schrift überein: Schon 1962 sprach Tenbruck (1962: 55) mit Verweis auf Huizinga vom “Puerilismus der Gesamtkultur”.Google Scholar
  12. 12.
    Literarisch wird dies sehr anschaulich in dem Bericht zweier Dreißigjähriger “Von der Nutzlosigkeit erwachsen zu werden” (Heinzen/Koch 1986) oder in einer Selbstdarstellung der um 1950 geborenen “Trau keinem über Dreißig” (Roos 1980) dargestellt.Google Scholar
  13. 13.
    Das Problem der sog. “Lebensmitte” (Kohli 1977) kann auch so verstanden werden, daß in ihr Jugend als Inhalt einer aktiven Lebensgestaltung immer weniger glaubhaft und immer weniger praktizierbar wird. Daß Jugend nicht über die Spanne des ganzen Lebens als Sinnerfüllung wirken kann, ist selbstverständlich. Daß aber die Zeitspanne, in der Jugend diese Funktion erfüllen kann, sehr variabel ist und lange ausgedehnt werden kann, ist ebenfalls offensichtlich; aus dieser Variabilität könnte sich dann auch erklären, warum die mutmaßliche Lebensphase “Lebensmitte” weder zeitlich noch sachlich klar eingegrenzt werden kann.Google Scholar
  14. 14.
    In einer Bevölkerungsbefragung 1982 wurde folgende Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt: “Das Leben hat nur dann einen Sinn, wenn man ihm selber einen Sinn gibt”; 62% der 2991 Befragten stimmen dieser “voll und ganz” Aussage zu (ALLBUS 1982, Zentralarchiv-Codebuch 1160, Variable 90). Die gleiche Frage wurde unseren dreißigjährigen ehemaligen Gymnasiasten gestellt: Hier sind es nicht mehr, sondern weniger die dieser Frage “voll und ganz” zustimmen: 53,5 von 1989 Befragten. Wenn diese Frage aktive Lebensgestaltung als Lebenssinn erfaßt, dann ist dieses Thema in der Bevölkerung insgesamt stärker präsent als in unserer Stichprobe — ein Indiz dafür, daß aktive Lebensgestaltung ein Thema der gesamten Kultur ist, das von den Jugendlichen oder Jüngeren nur aufgegriffen, nicht produziert wird.Google Scholar
  15. 15.
    Bei dieser Analyse wurden die Gruppen dichotomisiert, so daß die “Kritische Intelligenz”, die “Alternativen” und die “Grünen” allen übrigen Gruppen gegenüberstanden (siehe Tabelle 10.19).Google Scholar
  16. 16.
    Die Dreißigjährigen, die noch nie einen Partner hatten, bilden hier die einzige, von der Gruppengröße her (N=84) unerhebliche, Ausnahme.Google Scholar
  17. 17.
    Die Analysen wurden mit dem Programm GLM des Analysesystems SAS gerechnet. Da der Untersuchungsplan nicht ausgewogen ist, wurden die partialisierten Quadratsummen verwendet, die den eigenständigen Einfluß jeder Variable beschreiben und die von der Eingabefolge unabhängig sind (Typ III Tests in GLM).Google Scholar
  18. 18.
    Daß die Neigung, an der Jugend festzuhalten, durch politische Konnotationen der eigenen Jugend verstärkt wird, ist auch in einer Selbstdarstellung der Generation zwischen 1948 bis 1953, zu der unsere Alterskohorte ja gehört, dokumentiert (Roos 1980, siehe dort vor allem die Beiträge von Eisenberg, Breuer, Lassahn, Roos). Diese Generation mußte sich auf das Abitur vorbereiten, während die Studenten 1968 revoltierten, und sie fand die begehrten Assistenten- und Professorenstellen schon durch die Wortführer von 1968 besetzt; sie kam immer ein klein wenig zu spät, sei es im Kampf um politische Beachtung oder um Jobs, und fühlt sich als “APO aus zweiter Hand” (S. 218). Gerade diese Generation “kleinerer Brüder” artikuliert ein Problem, das die Generation der Studentenrevolte vermutlich erfahren hat. Mit der Generation der Studentenrevolte -keineswegs ausschließlich durch sie — ist der Altersgegensatz in der Bundesrepublik erstmals politisch aufgeladen worden; sie konnte ihre politischen Überzeugungen häufig über die Schwelle der dreißig Jahre retten, oft im Schutz akademischer Positionen. Mit der Generation der “kleineren Brüder” wird der Abschied von Jugend und “jugendlicher” Politik zu einem, man kann fast sagen: sentimentalen, Problem.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1995

Authors and Affiliations

  • Heiner Meulemann

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