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Geschlechtstypische Lebensbewältigung unter dem Zwang der Individualisierung: Interpretation, Resümee und Ausblick

  • Brigitte Ziehlke
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Zusammenfassung

Angesichts der gesellschaftlichen und individuellen lebensweltlichen Komplexität muß jede Deutung, die menschliches Verhalten auf wenige Faktoren verkürzt, Reduktionismus sein. Es lassen sich keine umfassenden generalisierenden Aussagen über das Universum Mensch treffen. In dem Bewußtsein, daß der Zugriff auf das Ganze einer individuellen Lebenswelt nie vollständig gelingen kann und auch die Rekonstruktion von Biografíen immer nur wenige Teile erfaßt und begreift, sollen die Ergebnisse der vorangegangenen Sekundäranalyse in verschiedenen Perspektiven paradigmatisch unter dem Aspekt “geschlechtstypischer Lebensbewältigung” zusammengefaßt und interpretiert werden. Auf diese Weise wird die Komplexität der zentralen Aussage dieser Studie in Facetten zerlegt, jedoch ohne die Interdependenzen und Vernetzungen der hier konstruierten Wirklichkeit aus dem Auge zu verlieren:

Unter dem Zwang der Individualisierung ist “Jugenddevianz” das vorläufige Ergebnis “normaler” geschlechtstypischer Lebensbewältigung, die in vielfältigen Wechselwirkungsprozessen mit strukturellen, institutionellen und individuellen Belastungen auch zu einer Abweichung von der legitimen Geschlechtsrolle fuhren kann. Unter dm Bedingungen männlicher Hegemonie liegt die Normabweichung in der Regel aber nicht in einem Rollen-verhalten, das qualitativ anders ist als das Legitime, sondern in dem übersteigerten Ausagieren klassischer Muster von “Männlichkeit” und “Weiblichkeit”.

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Anmerkungen

  1. 70.
    In Anlehnung an Durkheim kennzeichnet Merton (1968, erstm. 1957) mit dem Begriff der Anomie einen gesellschaftlichen Zustand, in dem allgemein verbindliche kulturelle Ziele und die sozialstrukturell determinierte Verteilung legitimer Mittel, die zur Erreichung dieser Ziele vonnöten sind, auseinanderklaffen. Auf der kulturellen Ebene ergeben sich für alle, auch für unterschiedlich sozial plazierte Mitglieder einer Gesellschaft legitime Ziele, Absichten und Interessen. “Regulative Normen” bzw. “institutionalisierte Mittel” bestimmen die legalen Wege, die zu diesen Zielen führen (Merton 1968: 132ff.). Die kulturellen Ziele, z.B. Sozialprestige und Wohlstand, korrespondieren mit sozialen Normen, dieses Ziel auf dem legalen Wege, z.B. durch die Arbeitsmarktindividualisierung, zu erlangen. Institutionelle Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, wären z.B. Arbeit, Talente oder die soziale Herkunft. Zwischen Ziel und Mittel läßt sich aber nicht immer eindeutig unterscheiden. So kann Sozialprestige sowohl ein Ziel — das es zu erreichen gilt — als auch ein Mittel sein, um ein anderes Ziel — z.B. eine gut ausgestattete Berufsposition — zu erlangen. Sind nun die soziale Struktur und die kulturelle Struktur schlecht integriert, das heißt, wenn die soziale Struktur den Zugang zu legalen Mittel zum Erreichen der kulturell vorgegebenen Ziele versperrt, so entsteht ein Spannungsfeld das Formen abweichenden Verhaltens begünstigt. Je nachdem wie die Einzelnen zu den kulturellen Zielen und Werten der Gesellschaft stehen, ergeben sich auf die anomische Situation unterschiedliche Anpassungsmöglichkeiten, die sich als “abweichendes” Verhalten definieren lassen.Google Scholar
  2. 71.
    Qoward und Ohlin (1960) verbinden die Anomietheorien von Durkheim (1964) und Merton (1968) mit der Subkulturtheorie von Shaw/McKay (1969; erstm.1942) und der Theorie der differentiellen Kontakte bzw.- Lernstrukturen von Sutherland (1968:395–399; erstm. 1956). Sie stellen die ökonomische Problematik der “Unterschicht” in den Vordergrund ihrer Betrachtungen und gehen davon aus, daß auch illegitime Mittel gesellschaftlich ungleich verteilt sind. Die Jugendlichen orientieren sich vornehmlich an den Erfolgskriterien ihrer “Schicht” und internalisieren zusätzlich allgemeine konventionelle Ziervorstellungen. Wenn sie keine Möglichkeit sehen, diese Zielvorstellungen mit legitimen Mitteln einzulösen, wenden sie die im Rahmen ihrer “Unter-schichtssozialisation” erlernten,illegitimen Verhaltensweisen an und rutschen in die Subkultur ab. Das Nachbarschaftsmilieu als System illegitimer Handlungsmöglichkeiten eröffnet den Zugang zu kriminellen Subkulturen, zu konfliktorientierten Subkulturen und zu rückzugs-orientierten Subkulturen (vgl. Springer 1973:15 ff.).Google Scholar
  3. 72.
    Mädchen sind in allen Delinquenzbereichen signifikant unterrepräsentiert. Eine traditionelle Orientierung auf die Familie und den Bereich persönlicher Beziehungen, die in sozio-ökonomisch benachteiligten Lebenswelten nicht selten weibliche Biografíen bestimmt, “bewahrt” Mädchen und junge Frauen vor der Wahl illegitimer Mittel, zu denen sie durch ihre geschlechtstypische Sozialisation darüber hinaus seltener Zugang haben als Jungen. Um die, vor allem in den “Unterschichten” noch weitgehend verbreiteten kulturellen Ziele einer “weiblichen Existenz” zu erreichen, stehen den Mädchen meist ausreichend legitime Mittel, (z.B. sexuell/erotische und emotionale Ressourcen) zur Verfugung (vgl. Brökling 1980:43). Der idealtypische weibliche Diebstahl von Kosmetikartikeln, Kleidung etc. dient oft nur der Befriedigung eines weiblichen Bedürfnisses nach Status und Anerkennung. Fehlen die dazu notwendigen materiellen Ressourcen, liegt auch für Frauen die Wahl illegitimer Mittel nahe.Google Scholar
  4. 73.
    Männlichkeit entsteht auch im “Normalfall” in der negativen Abgrenzung zum Weiblichen und in der Regel nicht durch die positive Identifikation mit einem männlichen Vorbild (vgl. Hagemann-White 1984:85; Hollstein 1989:138), da der Vater als Identifikationsobjekt und Erzieher in Industriegesellschaften nur selten präsent ist. Die Verbindung zwischen affektiven Prozessen und dem männlichen Rollenlernen ist zerrissen. Jungen können sich nicht mit den meist abwesenden Vätern innerlich direkt gleichsetzen und übernehmen nur die “spezifischen Aspekte” der männlichen Rolle. Männliche Geschlechtsidentität erweist sich daher im Kindesalter als “soziale Geschlechtsrollen-Identifikation” (vgl. Chodorow 1985: 227 ff.).Google Scholar
  5. 74.
    Vgl. zu den Grundmuster der Realitatsverarbeitung und -bewältigung Ulich 1987:147 ff.; Hurreimann 1988: 98f..Google Scholar
  6. 75.
    Miller (1968:342 ff.) beschreibt den in den “Unterschichten” weitverbreiteten Männlichkeitswahn als Reaktionsbildung auf die Dominanz des weiblichen Erziehungselements und das schwache männliche Vorbild. Väter sind hier besonders selten präsent und wenn, dann oft nur als inquisitorische Instanz.Google Scholar
  7. 76.
    Willies (1982) stellt in seiner Arbeit: “Spaß am Widerstand” dar, wie der aktiven Widerstand männlicher Arbeiterjugendliche auf der schulischen Mikroebene zur Reproduktion der Sozialstruktur führt. Indem die Jungen sich gegen die schulisch vermittelte hegemoniale Mittelschichtkultur auflehnen, wählen sie quasi “freiwillig” eine qua Klassenzugehörigkeit zugewiesene Lohnarbeiterexistenz.Google Scholar
  8. 77.
    Vgl. zur allgemeinen geschlechtstypischen Sozialisation und zur speziellen Benachteiligung von Mädchen in der Schule v. a. Projektgruppe 1975; de Vos 1978; Dweck u.a. 1978; Meyer/Plöger 1979; Barz/Maier-Störmer 1982; Frasch/Wagncr 1982; Spender 1985; Enders-Dragässer 1987; Horstkemper 1987; Enders-Dragässer/Fuchs 1989; Fichera 1990Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1993

Authors and Affiliations

  • Brigitte Ziehlke
    • 1
  1. 1.Universität HamburgDeutschland

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