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Ausgangslage und Fragestellung

  • Brigitte Ziehlke
Chapter

Zusammenfassung

“Sie wissen fast alles und wissen auch nicht mehr”, so lautet die Überschrift eines “Zeit”-Artikels, in dem Claus Leggewie (1989) die Sozialwissenschaften kritisiert. Nun ist der Gegenstand an dem sich Leggewies Kritik orientiert, nämlich die “Gesellschaft”, nicht explizit das Studienobjekt der vorliegenden Arbeit. Doch ähnlich wie mit der Gesamtgesellschaft, die sich scheinbar in ihrer Eigendynamik immer selbständiger macht und zunehmend in kleinere Einheiten zerfallt, scheint es den Sozialwissenschaften auch mit dem Phänomen “Jugend” zu gehen. Auch dieser klassische Grundbegriff des Sozialen trifft anscheinend seinen Gegenstand immer weniger. Soll die Jugendforschung vor der überwältigenden Pluralität jugendlicher Lebenswelten kapitulieren und sich angesichts drohender reduktionistischer bzw. eklektizistischer Fehlanalysen auf die Beschreibung des Einzelfalls zurückziehen? Würde die sozialwissenschaftliche Jugendforschung nur noch auf die Rekonstruktion individueller, nicht generalisierbarer Einzelschicksale hinauslaufen, verlöre sie dann nicht ihre Legitimität? Wenn auch die Begriffe ihren Gegenstand, das soziale Phänomen, nicht mehr treffgenau beschreiben können, bleibt das Soziale dennoch real, und seine Auswirkungen auf das individuelle Sozia “wesen” sind unübersehbar. So gilt es, in der Vielfalt der Erscheinungen nach neuen Wegen der Analyse zu suchen. Die dabei zu entdeckenden Teile, die Splitter bzw. die Facetten, eröffnen vielleicht die Sicht auf einen veränderten Ganzheitsbegriff. Eine der sich wandelnden sozialen Wirklichkeit angemessene Forschungsperspektive kann sich nicht mehr an geschlossenen Weltbildern und ideologischen Vorgaben orientieren, sondern sie muß die Bedeutsamkeit auch des kleinsten Bestandteils anerkennen. Da Forschung letztendlich selbst ein Teil der gesellschaftlichen Dynamik ist, muß sie in ihren Zielvorgaben offen bleiben. Die Deutung kann nicht mehr der Beschreibung vorauseilen, und die Beschreibung einer vielfältigen Sozialwelt kann nicht in eine monokausale Deutung führen.

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Anmerkungen

  1. 1.
    Soziales Geschlecht (gender) beinhaltet die sozialen Bestimmungen, die an das biologische männliche oder weibliche Geschlecht gebunden sind, während das biologische Geschlecht (sex) nur die biologischen, v.a. die anatomischen Merkmale umfaßt (vgl. Bilden 1980: 778).Google Scholar
  2. 2.
    Es war unvermeidbar, den Gegenstandsbereich der Sekundäranalyse — und damit auch die Felder der Verallgemeinerungsfähigkeit — einzugrenzen. Näheres dazu vgl. Kap. 3, S. 52 f.Google Scholar

Copyright information

© Leske + Budrich, Opladen 1993

Authors and Affiliations

  • Brigitte Ziehlke
    • 1
  1. 1.Universität HamburgDeutschland

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