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Verzicht in einer Kultur des Genusses? — Gerhard Schulzes Konzept der ‘Erlebnisgesellschaft’

  • Uwe H. Bittlingmayer

Zusammenfassung

Die folgenden Ausführungen sollen erstens in aller Kürze die Theorie der Erlebnisgesellschaft von Gerhard Schulze skizzieren, um im Anschluß daran genauer zu überprüfen, in welchen Erlebnismilieus nach den empirischen Erhebungen Schulzes und Thomas Müller-Schneiders suffiiziente Alltagspraktiken bzw. asketische Lebensstile aufzufinden sind. Gerhard Schulze, der inzwischen zum „deutschen ‘Anti-Bourdieu’“ stilisiert worden ist, (Funke/Schroer 1998: 106) versteht seine Studie ‘Die Erlebnisgesellschaft’ als Fortsetzung und Gegenentwurf zur Kulturtheorie Bourdieus.94 Seines Erachtens gelten die Überlegungen zu einer distinktiven und hierarchischen Gesellschaft von Bourdieu nur für Gesellschaften, in denen eine deutliche materielle Mangellage zu beobachten ist, von der seit der Nachkriegszeit als Folge des enormen Wohlstandszuwachses am Ende des 20. Jahrhunderts keine Rede mehr sein kann. Das zeitdiagnostische Label Erlebnisgesellschaft soll in diesem Sinne den Übergang von einer Knappheitsgesellschaft in eine Überflußgesellschaft bzw. von einer kompetitiven Gesellschaft zu einer Erlebnisgesellschaft markieren.

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Literatur

  1. 94.
    Thomas Müller-Schneider hat in seiner Dissertation über die Sekundäranalyse verschiedener empirischer Studien versucht, die Einsichten Schulzes aus der möglichen Engführung einer Nürnberger Perspektive herauszuführen und sie für die ganze Bundesrepublik einschließlich der fünf neuen Bundesländer zu überprüfen. Er kommt dabei zu dem Schluß, daß die von Schulze erhobenen Daten und Interpretationen mehr oder weniger uneingeschränkt Gültigkeit für die gesamte BRD besitzen. (Vgl. Müller-Schneider 1994; Müller-Schneider 1996; Müller-Schneider 1998a) Auch Götz Lechner, der überprüft, ob die Erlebnisgesellschaft in Chemnitz angekommen ist, beantwortet die Frage vor allem für die jüngeren Alterskohorten positiv. (Vgl. Lechner 1998) einer Knappheitsgesellschaft in eine Überflußgesellschaft bzw. von einer kompetitiven Gesellschaft zu einer Erlebnisgesellschaft markieren.Google Scholar
  2. 96.
    In diesem Zusammenhang ist die Zeitdiagnose Hans-Günter Vesters bedeutsam, der bereits 1988 von einem Zeitalter der Freizeit spricht. (Vgl. Vester 1988) Harald Funke weist darauf hin, daß Schulzes Begriff der Erlebnisgesellschaft „eine Ausdehnung des Freizeitbegriffs auf die Gesamtgesellschaft (impliziert) und auf diese Weise die Errichtung einer Universalperspektive auf der Basis des Totalitätsbegriffs der Kultur (erlaubt).“ (Funke 1997: 316) Die Erlebnisgesellschaft kann nach Funke im Rahmen dieser Perspektive als „gelungene(r) Versuch einer ‘Freizeitsnziolngie der Gegenwart’“ (ebd.) interpretiert werdenGoogle Scholar
  3. 97.
    Schulze beruft sich in seiner Untersuchung auf das Moment der Beckschen Diagnose einer Individualisierung spätindustrieller Gesellschaften. (Vgl. zur lndividualisierungsthese Schroer 1997) Wie Beck nimmt auch Schulze an, daß sich die traditionellen sozialintegrativen Milieus aufgelöst haben und der einzelne die Schaltstelle seiner eigenen Biographie geworden ist. Weiterhin ist Schulzes These des Übergangs von der Mangel- zur Überflußgesellschaft ebenfalls auf die Überlegung Becks zurückzuführen, daß „an die Stelle des Hungers (...) für viele Menschen die ‘Probleme’ der ‘dicken Bäuche’ (treten).“ (Beck 1986: 27) Im Unterschied zu Schulze konzediert Beck allerdings, daß damit keineswegs soziale Ungleichheit weniger relevant für die Betroffenen Akteure wird, sondern sich im Gegenteil subjektiv verschärft. (Vgl. ebd.: 144–151: vgl. auch Beck 1995: 87–97) Während Beck seine Individualisierungsthese dahingehend vorantreibt, daß die Möglichkeit einer Großgruppensoziologie mehr und mehr bestritten wird, glaubt Schulze, daß an die Stelle der alten aufgelösten Großgruppen bzw. Milieus neue Großgruppen (Erlebnismilieus) getreten sind Diese Erlebnismilieus sind aber nach Schulze in ein enthierarchisiertes Verhältnis eingebettet (siehe hierzu den Argumentationsgang weiter unten), was Beck wiederum bestreiten würde. Vgl. zum Verhältnis Beck, Schulze und Bourdieu die hervorragende Studie von Dirk Konietzka. (Konietzka 1995)Google Scholar
  4. 98.
    Müller-Schneider ‘definiert’ ein soziales Milieu in Anlehnung an Schulze als „Personen, die sich durch spezifische Existenzformen und erhöhte Binnenkommunikation voneinander abhehen.“ (Müller-Schneider 1994: 192)Google Scholar
  5. 99.
    Bei genauer Lektüre wird allerdings deutlich, daß Bourdieu eben jene Ambivalenz im Notwendigkeitsschmack aufzeigt, die Schulze als Gegensatz konstruiert.Google Scholar
  6. 100.
    Quelle: Schulze 1992: 279.Google Scholar
  7. 101.
    Quelle: Schulze 1992: 291–330.Google Scholar

Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Wiesbaden 2000

Authors and Affiliations

  • Uwe H. Bittlingmayer

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