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Bloß kein Streit!

Über deutsche Sehnsucht nach Harmonie und die anhaltenden Schwierigkeiten demokratischer Streitkultur
  • Claus Leggewie

Zusammenfassung

Im deutschen Doppelwahlkampf des Jahres 1990 werden die Grenzen einer demokratischen Streitkultur, von der so viel die Rede ist, täglich sichtbar. Die Sozialdemokratie tritt gesamtdeutsch unter dem Motto »Deutschland einig Vaterland« an — obwohl der Slogan aus der Feder eines kommunistischen Poeten stammt und Leute mit etwas längerem Gedächtnis an ältere Formen der »Streitkultur« mit der SED erinnern könnte. »Wir sind ein Volk!«, unterstreichen auch die CDU und ihre rasch gezimmerte »Allianz für Deutschland«. Die nationale Phrase belegt ein weit über die konkrete »Neuvereinigung« hinausreichendes Harmoniebedürfnis. Wo es nämlich um die Einheit der Nation geht, hat die sogenannte Tagespolemik zu schweigen. In diesem Sinne, sub specie unitatis gewissermaßen, erklärten manche Kommentatoren alle sonstigen Konflikte schon zum »Thema von gestern«, so die Frankfurter Allgemeine Zeitung die nun wirklich drängende ökologische Frage. Wer wird ewiggestrig eine bessere Umwelt fordern, wo substantielle Dinge wie die Heilung der verletzten Nation auf der Tagesordnung stehen! Die Unionsparteien halten es landesweit mit »Einheit statt Sozialismus« — nur die nicht zugelassene Parole der REPs »Sozialismus ist Beschißmus« wird da noch deutlicher. Da feiert nicht nur der Kalte Krieg rhetorische Urständ’, dessen Ende dieselben Leute allenthalben verkünden; nach diesem Schema wird symbolisch ausgebürgert, wer der simplen Einheitsformel Paroli bietet.

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Copyright information

© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1990

Authors and Affiliations

  • Claus Leggewie

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